In Bövinghausen kamen Einheimische, Flüchtlinge und Helfer zum Dialog zusammen

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Das Interesse am Thema war enorm, nahezu jeder Platz blieb bis zum Schluss der Veranstaltung besetzt.

Auch wenn die Medien in einiger Zeit auf dieses oder das vergangene Jahr zurückblicken werden, wird sicherlich ein Thema alle anderen mehr oder minder an den Rand drängen: die „Flüchtlingskrise“ ist – ständig und „auf allen Kanälen“ – die beherrschende Problematik unserer Tage. Zunächst das Wachsen einer in diesem Zusammenhang vielleicht in Europa einmaligen Willkommenskultur, allerdings ohne stabile längerfristige Strategie, danach wachsende Zweifel und so manch ein selbst ernannter Meinungsführer von fragwürdigem Ruf.

Was aber in der aufgeheizten aktuellen Situation hier und da zu kurz kommt, ist – völlig unabhängig vom politischen Standpunkt – der Dialog mit den geflüchteten Menschen, die bereits bei uns eine neue Bleibe gefunden haben. Der direkte Kontakt also, und Organisationsformen, die ihn ermöglichen oder vereinfachen.

Was am 12. Februar im evangelischen Gemeindehaus Bövinghausen, organisiert von der Christusgemeinde sowie der Kolpingsfamilie Bövinghausen, über die Bühne ging, war daher für den Dortmunder Westen und seine Bewohner von einiger Bedeutung: Unter dem Motto „Mit Flüchtlingen und ihren Helfern im Gespräch – Aus Fremden werden Freunde“ versammelten sich an diesem Abend Verantwortliche und Entscheidungsträger vieler an der Integration der Geflohenen beteiligten Institutionen wie der Caritas, European Homecare oder der Flüchtlingshilfe e.V. gemeinsam mit Geistlichen der Gemeinde und etlichen Flüchtlingen unterschiedlicher Herkunft in einem voll besetzten Gemeindesaal, um sich über die jeweiligen Erfahrungen, Träume, Enttäuschungen und Hoffnungen miteinander auszutauschen. Unter der Moderation des ehemaligen WR-Chefredakteurs Frank Bünte gaben Teilnehmer wie die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft im Grevendicks Feld, Sandra Holtmann, oder die Rektorin der Freiligrathgrundschule, Angela Büsse, Einblicke in ihren Lebensalltag mit geflohenen Menschen und berichteten sowohl von ihren Hilfsmöglichkeiten als auch jenen Bereichen, in denen aktuell „der Schuh drückt“.

Die von Margarete Konieczny (Caritas Do-Marten) und Edeltraud Kluft (Flüchtlingshilfe e.V., Castrop-Rauxel) geschilderten Initiativen und Projekte durften durchaus auch als herzliche Einladung zu logistischer oder materieller Unterstützung verstanden werden. Gleichzeitig wussten beide ganz konkrete und bewegende Erlebnisse ihrer bisherigen Arbeit zu schildern. Das u. a. von der Caritas initiierte, vierzehntägig stattfindende Martener „Treffen der Kulturen“  z. B. bietet ein Podium für genau das, wovon Menschen, die sich (noch) fremd sind, am meisten profitieren: Einen direkten persönlichen und kulturellen  Austausch ohne Verpflichtungen oder Zielvorgaben.

Nicht nur fester Bestandteil, sondern sogar Mitorganisator dieser Einrichtung ist die syrische Familie Amir, die gemeinsam mit dem Moderator und Margarete Konieczny auf der Bühne Platz nahm und aus erster Hand Einblicke geben konnte, wie sich ein neues Leben in einem anderen Teil der Welt „anfühlt“. Gleichzeitig durften die Besucher an ihrem Beispiel erleben, wie bereichernd es für alle Beteiligten sein kann, wenn das Experiment Integration gelingt: Durch seine Mitarbeit an der „Möbelbörse“ der Caritas hat Malek Amir nicht nur bereits etlichen seiner Landsleute den Neuanfang in Dortmund wesentlich erleichtert, auch die mit seiner Unterstützung ins Werk gesetzten persönlichen Kontakte zwischen „Schenkern“ und „Beschenkten“ haben nach Aussage von Margarete Konieczny kühne Träume der Initiatoren eher noch übertroffen.

Noch ein weiterer Programmpunkt berührte die Anwesenden merklich: Als Pfarrer Michael Mertins das Thema der Integration der (wenn auch vergleichsweise kleinen Gruppe der) christlichen Flüchtlinge in das hiesige Gemeindeleben zur Sprache brachte, bat er zu diesem Zwecke Cecilia Nongorh ans Mikrofon. Für die Ghanaerin und ihre drei Söhne ist der christliche Glaube ein essentieller Teil ihres Lebens, und so ist aus ihr ein engagiertes Gemeindemitglied geworden, das von Zuversicht und Dankbarkeit nicht nur redet, sondern diese auch merklich ausstrahlt. Trotz allem steht eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung nach wie vor in den Sternen, gilt doch ihr Heimatland nicht als Krisenregion. So gewannen alle Besucher an diesem Abend einen, wenn auch womöglich unbequemen, so doch hilfreichen Eindruck von diesem Dilemma, das mit einem Male für alle ein Gesicht bekommen hatte. Wie überhaupt der gesamte Abend für alle Anwesenden ein großes Plus an Information und Erkenntnis mit sich gebracht haben dürfte.

Den Anspruch, ein bisschen die Welt zu retten bzw. Deutschlands Flüchtlingskrise zu lösen, hatte trotz allem sicher keiner der Organisatoren, denn die großen Räder werden halt woanders gedreht. Doch auch die kleineren sind bekanntlich nicht ohne Einfluss und dieser Abend in Bövinghausen dürfte dazu beigetragen haben, sie in eine konstruktive Richtung zu bewegen. Und dies alles mit einem ebenso einfachen und alten wie wirkungsvollen Trick: miteinander reden statt übereinander – damit aus Fremden Freunde werden.

Die Christusgemeinde freut sich über alle Arten aktiver Unterstützung ihrer Flüchtlingshilfe. Wer sich gerne selbst einbringen oder über unterschiedliche Möglichkeiten informieren möchte, wende sich entweder an Pfarrer Michael Mertins – telefonisch unter 0231/ 96 78 69 99 bzw. per Mail unter mertins@christusgemeinde-dortmund.de – oder an das Gemeindebüro unter der Rufnummer 02 31/  63 24 16.

Eine schon zu Beginn gestellte Frage konnte im Rahmen der Veranstaltung übrigens leider von keinem der Verantwortlichen beantwortet werden: Wann die ersten Flüchtlinge auf dem Gelände der ehemaligen Bövinghauser Hauptschule Container beziehen werden, ist in der aktuellen logistischen Ausnahmelage noch nicht abzusehen – schlicht deshalb, weil aktuell sogar bei Wohncontainern ein Versorgungsengpass besteht.

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