Die schwarzen Rehe von Dellwig – in Lüdos Wäldern hält sich ein echter Exot

0
67
Dieser Rehbock lief leider nicht im Ölbachtal vor die Kameralinse, sondern im niedersächsischen Bissendorf. Lydia Kalke stellte ihren in der Abenddämmerung entstandenen Schnappschuss netterweise zur Verfügung! (Foto: Lydia Kalke)

Unser Lütgendortmunder Redakteur berichtet Interessantes:

“Ein Rascheln im Unterholz ließ mich vor einigen Jahren auf meiner Joggingtour durch den Dellwiger Wald innehalten, und als ich mich herumdrehte, glaubte ich meinen Augen genau so wenig zu trauen wie meinem Laienwissen über heimische Flora und Fauna: Was mich da anblickte, war schon ziemlich sicher ein Reh. Aus Wildparks oder von Fotos allerdings kannte ich seinesgleichen nur mit rötlich-hellbraunem Fell, während dieser Kamerad von der Färbung her definitiv Richtung Zartbitterschokolade tendierte. Nach ein paar Sekunden indes verabschiedete sich das Tier leider in die Büsche, und ich arrangierte mich mit meiner Unkenntnis.

Etwa anderthalb Jahre später tauchte das Thema dann wieder auf – im Zusammenhang mit einem Exemplar, dem es nicht allzu gut ergangen war. Da nämlich zeigte der Pächter des Hauses Dellwig am Tag des offenen Denkmals im Jagdzimmer auf eine alte Wandtrophäe, um ergänzend zu erklären: „Hier eines der schwarzen Rehe von Dellwig!“ Ach was? Offenbar also ein regionales Phänomen, von dem weder ich noch meine ehemaligen Biologie-Lehrer zuvor gehört hatten! Das lohnte ein wenig Telefon- und Internetrecherche, bei der schließlich Folgendes herauskam:

In der Tat gibt es bei Rehen immer mal wieder Farb-Abweichungen, aufgrund derer sie mit schwarzem oder fast schwarzem Fell durchs Leben springen, das vermulich bekannteste Beispiel für solch einen „Melanismus“ ist im Tierreich wohl der Panther. Allerdings ist diese genetische Eigenschaft regressiv, wird also an die nächste Generation nur weitergegeben, wenn beide Elternteile schwarz sind. Bei der Kreuzung von schwarzen mit roten Rehen zeigen alle Nachkommen der ersten Generation eine rote Färbung, die Enkel schließlich teilen sich – siehe die sog. „Mendelschen Vererbungsregeln“ – im Verhältnis 3:1 zu Gunsten von rot auf. Im westlich von Hannover gelegenen Harste jedoch entschloss man sich bereits vor rund 90 Jahren – also vermutlich vor Erfindung des Wortes „Alleinstellungsmerkmal“ – zum Schutz und zur gezielten Zucht von schwarzem Rehwild. Und dies mit so durchschlagendem Erfolg, dass der Anteil der „Schwarzen“ dort und in der Umgebung teilweise bis zu 90 % betrug. Selbst im Wappen der Stadt findet sich ein Exemplar. Ein zweiter Urstandort soll im Landkreis Lüchow-Dannenberg existiert haben.

Auf diese Weise konnten sich die dunklen Exoten bis heute in Teilen Niedersachsens und Brandenburgs in gewisser Anzahl breit machen. Fachleute im Netz sprechen von einem derzeitigen Ausbreitungsgebiet, welches sich südlich etwa bis zu einer gedachten Linie zwischen Magdeburg und Münsterland erstreckt. Und einige munkeln gar davon, ihnen selbst in Dortmund bereits begegnet zu sein. Fest steht: Sie munkeln mit Grund.
Erstaunlich, wo doch die hiesigen Waldgebiete eher Inseln gleichen, die zudem schon seit langer Zeit keine direkte Verbindung mehr zum norddeutschen „Festland“ besitzen dürften.

Aber wie dem auch sei: Dass es die seltenen Tiere vielen genetischen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz auch im 21. Jahrhundert noch in unserer Nachbarschaft gibt, können neben den Dellwigschen Pächtern auch Dortmunds Förster bestätigen. Ohne Frage jedenfalls eine sympathische Laune der Natur, möchte man doch fast das Gefühl bekommen, sie will sich hier – quasi im Rücken des Industriemuseums Zeche Zollern – einfach nicht lumpen lassen und ihren Teil zur Ruhrgebiets-Identität beisteuern!”

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
500