Schüler schreiben Geschichten – Schreibwerkstatt der IN-Stadtmagazine

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Zahlreiche schriftstellerische Nachwuchsbegabungen in unseren Schulen warten nur darauf, dass ihr Talent wahrgenommen und gefördert wird. In Zusammenarbeit mit dem Kirchlinder Bert-Brecht-Gymnasium (BBG) geben die IN-Stadtmagazine etwa dreimal jährlich SchülerInnen der Schule die Gelegenheit, der Öffentlichkeit eine Kostprobe ihres Könnens zu liefern. Zeitung wie Schule freuen sich auf viele spannende und kreative Ergebnisse!

„Man weiß nie, wofür es gut ist“, könnte man hier sagen. Als sich die heute 14-jährige Sophie Friedrichs vor einigen Jahren die linke Hand brach, musste die Sportskanone vorübergehend eine neue Beschäftigung finden. So kam sie schließlich zum Geschichtenschreiben, ohne allerdings damit in die Öffentlichkeit treten zu wollen.
Erst für den Literaturwettbewerb der Dortmunder Schulen wagte die Castroperin im Laufe des Jahres auch diesen Schritt – und wurde auf Anhieb mit dem zweiten Platz belohnt!

Ändert sich dadurch jetzt etwas für die Achtklässlerin? Nein, meint Sophie, die daheim vor allem Krimis und Gruselstorys im Bücherregal stehen hat, das Schreiben bleibe weiterhin ein Hobby „für zwischendurch“. Über die Prämierung ihrer hier abgedruckten Einhorn-Geschichte hat sie sich selbstverständlich dennoch riesig gefreut.

Sophies Klassenkameradin Lena-Meike ließ sich nicht lange bitten, und hat die Story mit einer eigenen Zeichnung ergänzt.

„Was ihr wollt?!“

Fantastica, das kleine pummelige Einhorn, wuchs im Tal der sieben Regenbögen auf.

Als es klein war, schickten sie ihre Eltern zum Malkurs. Dort lernten alle kleinen Einhörner das Malen. Das kleine Einhorn wäre aber lieber durch die Wälder galoppiert und hätte Schmetterlinge gejagt, aber es sagt brav: „Ich mache, was ihr wollt!“ und ging zur Malschule. Fantastica gab sich wirklich Mühe, aber das Zeichnen und Malen wollte ihr einfach nicht gelingen. Die Regenbögen waren immer etwas zittrig und ihre gemalten Schmetterlinge hatten längere Fühler als Flügel und Körper. Die anderen Einhörner lachten Fantastica aus und der Lehrer verzweifelte an ihren Künsten. „Du musst dich mehr anstrengen und mehr üben!“, verlangten ihre Eltern und ihr Lehrer. „Ich mache, was ihr wollt!“ sagte Fantastica traurig und strengte sich wirklich mehr an.

Doch trotz Übens wollte es ihr nicht gelingen, schöner und genauer zu zeichnen. Schließlich sagte ihre Mutter: „Ich glaube, das Malen liegt dir nicht. Ich habe dich in einem Tanzkurs angemeldet. Dort wirst du lernen, dich anmutig und elegant zu bewegen.“ Das kleine pummelige Einhorn wäre aber lieber durch den Wald galoppiert und hätte Schmetterlinge gejagt und hätte Cookies gegessen. Trotzdem sagte es zu ihren Eltern: „Ich mache, was ihr wollt!“. Fantastica ging brav zum Tanzkurs. Sie gab sich wirklich Mühe, aber dass Pirouetten drehen und das in einer Reihe Tanzen wollte ihr einfach nicht gelingen. Sie stolperte, trat den anderen Einhörnern auf die Hufe oder verlor das Gleichgewicht. Einmal während einer Aufführung war es besonders schlimm. Zuerst wollte das Tütü nicht über den pummeligen Popo rutschen und dann kam Fantastica so aus dem Tanz-Takt, dass sie zu Boden stürzte und noch drei andere Einhörner mit sich riss. Die Eltern schämten sich sogar ein bisschen für ihre Tochter und beschlossen, dass es Zeit wäre, den Tanzunterricht zu beenden.

„Schluss mit dem Tanzen!“ sagte der Vater, „wir haben dich zur Backschule angemeldet!“ „Ich mache, was ihr wollt!“ sagte das kleine pummelige Einhorn traurig und ging brav in die Backschule. Dabei wäre es viel lieber durch den Wald galoppiert, hätte Schmetterlinge gejagt, hätte Cookies gegessen oder Comics gelesen. Aber sie ging brav in die Backschule. In der Backschule war es eigentlich sehr schön, es roch nach leckeren Keksen und die Torten der anderen Einhörner waren richtige Kunstwerke. Fantastica fiel es aber schwer sich zu merken, in welchen Töpfen Salz oder Zucker waren. Oft verwechselte sie die Zutaten und wurde ausgeschimpft. Das Verzieren des Gebäcks bereitete ihr auch Probleme, mal war der Guss zu dick, mal zu dünn, mal die Farbe zu blass, dann zu kräftig. Die Lehrerin schimpfte oft mit ihr und Fantastica wurde immer trauriger und blasser. Am liebsten wäre sie fortgelaufen. Oft flüsterte sie: „Ich mache, was ihr wollt!“. Und Fantastica hielt durch und ging weiter brav zur Backschule, dabei wäre sie viel lieber durch den Wald galoppiert, hätte Schmetterlinge gejagt, Cookies gegessen, Comics gelesen und laut gesungen.

Eines Morgens bemerkte ihre Mutter, dass Fantasticas Mähne und Schweif komplett ihre Farbe verloren hatten. Fantastica war plötzlich kein glitzerndes, leuchtendes, pummeliges Einhorn mehr. Eher glich sie einem Schimmel mit Horn. Die Mutter war sehr erschrocken und fragte: „Fantastica, was ist passiert?“ Fantastica war ebenfalls erschrocken und schämte sich. Sie weinte. „Ich bin so unglücklich, Mama. Ich mache alles, was ihr wollt und mache euch doch nur Kummer. Ich kann nicht malen und zeichnen, ich kann nicht tanzen und ich kann weder backen noch dekorieren. Ich kann gar nichts!“

Da erkannten die Einhorn Eltern, dass sie einen Fehler gemacht hatten und fragten endlich: „Und was möchtest du? Was willst du?“ „Ich möchte durch den Wald galoppieren, über Bäche springen, Berge erklimmen und auf Feldern und bunten Wiesen laufen. Ich möchte Schmetterlinge jagen und Cookies essen, Comics lesen und laut singen“, flüsterte Fantastica. Die Eltern sahen sich an. „Genau das sollst du von nun an auch tun. Galoppiere durch den Wald, spring über Bäche, laufe über Felder und bunte Wiesen, erklimme Berge und jage Schmetterlinge! Esse Cookies, lies Comics und singe dabei laut. Sei ein unbeschwertes Kind. Genieße die Zeit als kleines Einhorn!“, beschloss der Vater schließlich und sah seine Tochter lange an. Eine letzte Träne kullerte aus Fantasticas Auge. Die Träne schillerte in allen Regenbogenfarben und statt zu zerrinnen, schwebte sie plötzlich und flog in den Himmel.

Von nun an war Fantastica immer fröhlich und nach und nach bekamen Schweif und Mähne auch ihre Farbe zurück. Auch ihre Eltern wurden fröhlicher und zufriedener. „Alles was ihr wollt!“ hat Fantastica nie mehr gesagt.

Und wisst ihr was? Ihre Eltern haben seitdem auch immer gefragt: „Was willst denn du, Fantastica?“

© Lena-Meike Neuhaus
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