Eine grüne Oase mitten in Kirchlinde

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Dieses Vogelhaus hat Sabine durch ein größeres ersetzt, das den Bedürfnissen der Tiere besser entgegenkommt. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Da hat doch der eine Mann dem anderen eine seiner Töchter untergejubelt. „Auf jeden Fall hatte er irgendwann drei Mädchen im Haus und hat die alle gefüttert“. Es ist ein ganz bestimmtes Amselmännchen, von dem Sabine* hier spricht. Die Kirchlinderin kennt ihren Gartenbewohner schon eine ganze Weile. Abgesehen von seinem Familienstand hat sie noch etwas über ihn herausgefunden: Er liebt Heidelbeeren ebenso wie sie. In der Regel ist er aber schneller bei der Jagd nach den Köstlichkeiten in Sabines Garten. „Manchmal hatte ich auch das Gefühl, er lacht mich aus“, erzählt die Endfünfzigerin.

Doch sie erhebt kaum Besitzansprüche auf das, was in ihrem Garten wächst: „Auf dem Papier gehört der Garten mir, aber die Tiere wohnen hier und die verbringen hier auch deutlich mehr Zeit als ich.“ Schließlich ist sie vollzeit berufstätig.

Doch nicht nur deshalb lässt sie weite Teile ihres Gartens weitgehend nach seinem Gutdünken wachsen. Auch Disteln und Brennnesseln sind ihr willkommen, sofern sie sie nicht beim Wäscheaufhängen piesacken. Schließlich lieben die Schmetterlinge, was der Mensch vielfach als „Unkraut“ bezeichnet. Trotzdem empfindet Sabine das heutige Schmetterlingsaufkommen als „Trauerspiel“. Als Kind habe sie häufig mit ihren Geschwistern Schmetterlinge gezählt und es irgendwann aufgegeben, weil es einfach zu viele waren, um noch den Überblick zu behalten, erzählt sie.

Gerade deshalb möchte sie dem Artensterben zumindest in ihrem begrenzten Radius etwas entgegenhalten. Und das betrifft bei Weitem nicht nur Insekten. Allein ein Dutzend Vogelarten zählt Sabine auf, die sie aktuell in ihren Garten beobachten kann, darunter auch Buntspecht, Heckenbraunelle und Dompfaff – und auch eine Wildentenfamilie hat im Frühjahr ihren Weg auf Sabines kleinen Teich gefunden. Mit einem großen Vogelhaus, in das sie morgens und abends Futter stellt, und einem Wasserbad direkt nebenan heißt sie die Vögel willkommen.

Zwischendurch bereitet sie ein Mahl zu, bei dem ihr Lebensgefährte Thomas* die Nase rümpft: „Gegen den Geruch von Igelfutter ist eine volle Windel quasi eine Wohltat!“ Aber auch der Igel soll es bei ihr gut haben, findet Sabine – obwohl sie einräumt, dass sein Futter wirklich unangenehm riecht.

Eine kleine Kälteinsel

Vier erkrankte Kastanien wurden vor Kurzem auf der anderen Straßenseite gefällt – und die Hitze im Haus steigt. Nur eine kleine Linde wurde nachgepflanzt. Dagegen ist der Garten „hier unter den Bäumen und nach hinten hin natürlich deutlich kühler“, erzählt Sabine. Dass Bäume dem Klimawandel entgegenwirken, ist natürlich auch für sie nichts Neues.

Auch die Tiere fühlen sich sichtlich wohl. Neben all den Vögeln sichtet Sabine hier Mäuse und auch schonmal einen Mauswiesel. An ihrem blühenden Apfelbaum und in all den Blüten, die sie teilweise mit Zuckerwasser beträufelt, hat es im Frühjahr nur so „rumgesummelt und -gebrummelt“. Und die Eichhörchen lieben ihre Haselnusssträucher, von denen hier tatsächlich vier verschiedene Sorten wachsen. Sabine genießt es, gelegentlich von einem Streit zwischen Amseln und Eichhörnchen aufzuwachen.

Nur bestimmte Gäste sieht sie hier gar nicht gern: die Ratten, die sich mit dem Abriss der alten Gebäude auf dem heutigen Lidl-Gelände ein neues Zuhause suchen mussten. Mit Essiggeruch versucht sie sie zu vertreiben. Und auch die Nachbarschaft kennt das Problem, teilweise bereits aus der Zeit, in der der Rewe gebaut wurde.

Doch mit diesem Problem lässt sich umgehen. Sabines „Ziel ist, dass dieser Garten überquillt von Blumen, die unsere Tierchen interessant finden“. Bis zu ihrer Rente sind es noch ein paar Jahre, aber dann will sie es anpacken. Und vielleicht schafft sie es ja schon eher, das momentan sehr „komfortable und durchgestylte“ Hummelhaus den tatsächlichen Bedürfnissen der Tiere anzupassen, um diese bald auch hier zum Einzug zu bewegen.

*Namen von der Redaktion geändert

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