Huckarde im Wandel – von Dr. Günter Spranke: Reise nach „Vyfhusen“

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Das Land rund um den Welkenerhof ist mittlerweile auch mit Ein- und Mehrfamilienhäusern bebaut. (Fotos: Die Singularität/Wikipedia)

Wenn man im Huckarde vergangener Tage vom eigentlichen Dorf „hucreta“, wie man den Ort im 9. Jhd. nannte, nach Dorstfeld gehen wollte, so kam man nach „Vyfhusen“. Die heutigen Bewohner des Stadtteils können sich darunter nicht mehr viel vorstellen, gehen die jetzigen Vororte doch fast nahtlos ineinander über. Doch die Menschen des frühen Mittelalters dachten in viel kleineren Dimensionen und ihre Welt war deutlich kleinflächiger strukturiert.

Noch in einer Urkunde aus dem Jahr 1395 begegnet uns die Siedlung „Vyfhusen“ als, wie der Name schon aussagt, kleiner Ort mit fünf Häusern. Diese Höfe blieben dem adligen Haus, am Roßbach gelegen, unterstellt, auch noch als das übrige Huckarde längst von den Essener Äbtissinnen regiert wurde.

Overbeck`sche Bauernschaft
Diese kleine Gemeinschaft wurde auch mit dem Namen „Overbeck´sche Bauernschaft“ bezeichnet, was meint, dass die Höfe „jenseits des Baches“ lagen. Dieser Bach war der „Roßbach“, der nicht nur, wie der Name es andeutet, dem Tränken der Pferde diente, sondern durch sein damals noch klares Wasser den angrenzenden Familien als Trink- und Brauchwasserreservoir wichtig war. Die dort ansässigen Bauern sind namentlich bekannt, zu nennen sind Viefhaus (Johan tho Viffhusen, Everdt tho Viffhusen, später Welkener), Mittelviefhaus und Degener. Deren Familien sollten über Jahrhunderte die genannten Höfe bewirtschaften. Eine Besonderheit dieser Höfe lag darin, dass sie zwar, wie alle anderen Huckarder Bauerhöfe, dem Damenstift in Essen hörig waren, aber weiterhin dem Adelshaus in Huckarde gehörten und in dessen Auftrag landwirtschaftlich bebaut wurden.

Von „Vyfhusen“ ausgehend gab es im Huckarde jener Tage einen regelrechten Gebäude- und Geländeriegel, der quer durch den Ort verlief und auch die Häuser südlich der Urbanuskirche, also etwa Hoppe und Sträter/Schneider/Domschänke und das spätere kath. Gemeindehaus an der Müllerstraße, das Gebiet um den Regenbogenhof und den ehemaligen Nachbarhof von Travermann sowie kleinflächigen Streubesitz im Ort umfasste. Für all diese Höfe bestand ein besonderes Verhältnis zu den Stiftdamen in Essen. In manchen Bereichen wurden sie deshalb anders behandelt als die zum Dorf zugerechneten Bauern.

Zu den Zeiten, als etwa den Huckarder Bauern als Markgenossen Rechte, die das Genossenschaftsrecht eigentlich vorsah, zugesprochen wurden, mussten die Aufsitzer der Höfe am Roßbach auf volle Rechte bei der Nutzung der der Allgemeinheit zustehenden Flächen verzichten. Anders als die Bauern aus „hucreta“, durften sie nicht ihr Vieh im mit Bäumen bestandenen Teil des Mailoh (Waldemey) weiden lassen. Auch in dieser Hinsicht mussten sich die Bauern aus Vyfhusen eher Richtung Dorstfeld orientieren und ihr Vieh in der Dorstfelder Mark und im Hallerey auf die Weide schicken. Diese Geländeflächen dienten auch der „Hude“, wie das Hüten der Schafe und auch der Gänse damals genannt wurde.

Das stolze Wohngebäude der Bauernfamilie Degener erinnert heute noch an die ehemalige Nutzung.

Landmarken
Zur Grenzfestlegung und zur Vermessung der dortigen Flächen orientierte man sich in alten Zeiten an sogenannten „Landmarken“. Im Grenzbereich zwischen Vyfhusen, Wischlingen und Dorstfeld wurde deshalb ein Baum auf dem später vom Landwirt Fahnemann genutzten Gelände bestimmt, möglichst dauerhaft erhalten und gegebenenfalls nachgepflanzt. Dieser Baum wurde wohl erst nach dem letzten Weltkrieg, in Unkenntnis seiner einstigen Bedeutung, gefällt. Man schuf mit der Zeit für die Bauernschaft eine eigene Infrastruktur, so gab es eigene Backhäuser und auch ein Feuerlöschteich wurde angelegt. Letzterer diente in der kalten Jahreszeit den Kindern als Eislauffläche und auch als Eislieferant für das Kühlen der Getränkebestände der Brauhäuser. Wie auch in den anderen zum Adelshaus zuzurechnenden Gebieten, durften die Höfe Bier brauen und Schnaps brennen und so werden auch Braustätten im Umkreis der Höfe erwähnt.

Im übrigen Huckarde sorgten sich die Stiftsdamen mit Nachdruck um die guten Sitten der Einwohner und versuchten den Alkoholkonsum zu unterbinden, was allerdings nicht immer gelang. Zu den wenigen halbwegs ausgebauten Straßen in Huckarde zählte die Straße an den Bauernhöfen entlang, die in Kaisers Zeiten Moltkestraße hieß, später als Spichener Straße bezeichnet wurde und heute Allensteiner Straße heißt. Eine Eisenbahnersiedlung, Einfamilienhäuser und in den 1960er Jahren die „Ostpreußensiedlung“ säumten die neuangelegten Straßen.

Vielleicht machen Sie einmal, wenn Sie diese Straße mit ihren alten Bäumen entlanggehen, an den stolzen ehemaligen Höfen von Welkener und Degener vorbei, in Gedanken eine Reise nach „Vyfhusen“.

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Uwe Wallrabe
Uwe Wallrabe

Danke für diese historischen Einblicke!