Huckarde im Wandel – von Dr. Günter Spranke

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Schmiede, Gemüsehandel, Wohnhaus – Ein altes Fachwerkhaus in Huckarde erzählt. – Das Foto zeigt das Fachwerkhaus in einem Zeitungsbericht von 1965. (Foto: privat)

Wie aus der Zeit gefallen, wirkt das alte Fachwerkhaus an der Straßenecke der Huckarder Str. und der Wengestraße. Das zweigeschossige Querdeelenhaus wurde auf einem L-förmigen Grundriss, mit einer Toreinfahrt auf der Innenseite, errichtet. Was schon auf den ersten Blick ungewöhnlich für eine landwirtschaftliche Hofstelle erscheint, erklärt sich, wenn man weiß, dass das Gebäude mit der Hausnummer 323 ursprünglich als Schmiede genutzt worden war. Der Name des Erbauers Johann Caspar Möller ist noch auf dem vorhandenen Tragebalken zu entnehmen, der über der ehemaligen Toreinfahrt erhalten blieb. Auch das Baujahr 1804 ist der Inschrift zu entnehmen.

Der geschnitzte Balken verrät manches zur Entstehungsgeschichte des Hauses. (Foto: privat)

Spätestens mit diesem Neubau wurde für zwei Generationen aus der bäuerlichen Familie eine (Nebenerwerbs-?) Handwerkerfamilie, die einen Schmiedebetrieb führte. Im damals von der Landwirtschaft geprägten Huckarde hatten Schmiede viele Aufträge. Die Herstellung und Reparatur von Pflügen, Radreifen für die zahlreichen Karren und sonstige Arbeiten an metallischen Werkstücken beschäftigten mehrere Betriebe. Bis heute haben sich einige Handwerksstätten aus der bäuerlichen, wie der industriellen Vergangenheit Huckardes erhalten.

Doch um das Jahr 1844 hatten Missernten (Kartoffelfäule) ganz Deutschland getroffen und daraufhin setzte eine generelle Armutswelle im ganzen Land ein. Im Jahr 1852 gelingt es der Familie Möller dennoch den Kotten zu kaufen, die dazugehörige Wiese und das Ackerland mussten an die Kirche abgetreten werden. Spätestens im Jahr 1862 jedoch dürfte der Schmiedebetrieb aufgegeben (Zwangsvollstreckung) worden sein, die Nachkommen arbeiteten als Schuster und dann im Bergbau.

Familienbande
Interessant ist die enge verwandtschaftliche Beziehung der Familien Gerstkamp und Möller, die laut dem Ur-Kataster in direkter Nachbarschaft in Huckarde, im sogenannten „Kathaken“, lebten. In engem verwandtschaftlichem Zusammenhang ist auch der spätere Hotelier Johann Heinrich Gerstkamp (1802–1866) zu erwähnen, der in Dresden das renommierte Grandhotel de Sax betrieb und für sein unternehmerisches, wie für sein soziales Engagement zum Kommerzienrat ernannt worden war und mit dem „Königlich Sächsischen Albrechts-Orden“ ausgezeichnet worden ist.

Als großzügiger Stifter zeichnete er sich nicht nur in seiner zweiten Heimat in Sachsen aus, sondern besuchte auch immer wieder seinen Geburtsort. In Huckarde stiftete er seinem Lehrer und frühen Förderer Hermann Pötting (1798-1842) ein Denkmal und unterstützte dazu auch die hiesigen Verwandten. Seine Schwester Catharina Gerstkamp kaufte beispielsweise im Jahr 1853 mit seiner Unterstützung von 1600 Talern den Kotten, den der Schmied Caspar Möller finanziell nicht mehr tragen konnte. Auch dabei spielten wohl familiäre Einflüsse eine Rolle, denn der Großvater von Johann Heinrich Gerstkamp war Heinrich Möller (1736-1807), der mit der Eheschließung vom 29.11.1762 den Namen seiner Ehefrau Anna Gerstkamp (1742-1778) angenommen hatte und sich von da an als Möller gen. Gerstkamp bezeichnete.

So sieht das Haus heute aus. (Foto: IN-StadtMagazine)

Jüngere Vergangenheit
In den Nachkriegsjahren knüpfte man an die Tradition als Schusterbetrieb an und Schuster Lohmann arbeitete in einer Werkstatt, die sich in einem zur Wengestraße gelegenen kleinen Anbau befand. Die Zunahme des Kfz-Verkehrs in den 50er-Jahren und die zentrale Lage in der Dorfmitte führte zum Überbauen der einstigen Gartenflächen mit einer Tankstelle. Tankwart Holtrop und seine Nachfolger boten daraufhin Sprit der Marken Shell, Dea oder Avia an. Der zur Huckarder Straße gelegene Trakt des Hauses wurde in den 1960er Jahren als Obst- und Gemüsegeschäft genutzt. Dort wurden Kohlköpfe und Bananen aufgestapelt und Gurken, Möhren und Kartoffeln angeboten. In großen Holzfässern warteten Sauerkraut und Gewürzgurken auf die werte Kundschaft.

Dann wurde das Haus mehrfach renoviert, schließlich unter Denkmalschutz gestellt und als originelles privates Wohngebäude genutzt.

 

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