Huckarde im Wandel der Zeit – von Dr. Günter Spranke: Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

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Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude der einstigen Mühle lagen direkt an der Emscher (1932). (Foto: privat)

Am Ortseingang von Huckarde, gleich neben der Esso-Station, steht ein Wohnhaus, von dessen langer und wechselvoller Geschichte ich Ihnen heute berichten möchte.

Von der Mühle zum Wohnhaus
An der Emscher lag schon über viele Jahrhunderte eine Wassermühle, die ursprünglich als „Aldenroggen-Mühle“ bezeichnet wurde und um 1277 in den alten Urkunden auftaucht. An dem noch klaren und sauberen Verlauf der Emscher lagen damals mehrere Wassermühlen, die meist als Kornmühlen dienten. Über den Ursprung der Huckarder Mühle kann nur gemutmaßt werden, ob diese Kornmühle wohl schon zum hiesigen Hofverband gehörte, als Huckarde an das Essener Damenstift überging.

Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich die Verwendung der Mühle von einer Walkmühle zur Herstellung von Stoffen, über eine Ölmühle wieder zu einer Kornmühle. Nach einem Inventar aus dem Jahr 1836 gehörten zum Gutshof ein Wohnhaus, ein Mühlengebäude, eine Scheune, ein Backhaus und ein sog. Einwohnerhaus, das noch bis 1931 an der Ecke zur Franziusstraße stand. Im Jahr 1858 wurde dann ein neues Mühlengebäude mit einer Wohnung für den Müller gebaut.

Zeitenwende
Der Tod des letzten Müllers mit dem Namen Welkener im Jahr 1899 leitete eine Veränderung im Betrieb der angestammten Wassermühle ein. Heinrich Welkener (1832–1899), der sich noch stolz Guts- und Mühlenbesitzer nannte, hatte noch 1896 eine umfangreiche Sanierung des Antriebs, der daraufhin eine Kraft von 21 PS erbrachte, umgesetzt. Nach seinem Tod blieb der Witwe nur noch die zugehörige Landwirtschaft zu veräußern und den Mühlenbetrieb zu verpachten. Als Glücksfall für Huckarde erwies sich, dass die Wahl auf August Wittkamp fiel. Sein gleichnamiger Sohn sollte später (1928–1959) die vielgelesene Chronik von Huckarde verfassen.

Ende der Badefreuden
Die Neuzeit brach über Huckarde hinein. Aus dem kleinen Bauerndorf war mit der rentablen Förderung der Steinkohle (seit 1869) ein aufstrebender Industrieort geworden. Das Flüsschen Emscher war um 1900 kaum noch das klare Gewässer, in dem die Kinder baden und planschen konnten, und auch konnte sich das Wasserrad der Mühle nicht mehr gemächlich drehen. Seit dem Jahr 1902 diente es der Erzeugung von elektrischer Energie – diese speiste die 60 Glühbirnen, die als erste in Huckarde, das Wohnhaus und das Mühlengebäude erhellten. Die moderne Energiequelle begeisterte die übrigen Huckarder so, dass beschlossen wurde, ab 1904 auch die Straßenbeleuchtung im Ort zu elektrifizieren.

Aber Zeiten des technischen Fortschritts bringen gewöhnlich auch den Abschied von alten Sitten und Bräuchen mit sich. Berichtet wurde etwa von einer Fastnachtsfeier aus dem Jahr 1903, bei der nach alter Sitte eine Bacchus-Figur zu Grabe getragen und somit letztlich nahe der Mühle in der Emscher versenkt werden sollte. Die Obrigkeit in Form eines Polizei-Gendarmen verhängte dafür an die Beteiligten Geldstrafen von 30 Mark und beendete nebenher den alten Volksbrauch. Die Gewässergüte ließ ohnehin nach, im Jahr 1906 konnte der letzte Karpfen im Mühlenteich gefangen werden und die Begradigung der Emscher im Jahr 1913 machte ohnehin den Mühlenbetrieb unmöglich.

Der Pächter Wittkamp hatte schon im Jahr 1910 eine elektrisch betriebene Mühle an der Rahmer Straße gebaut (heute Elektro-Walther). Nachdem der Mühlenbetrieb aufgegeben worden war, wurde das Mühlengebäude 1913 zu einem Wohnhaus umgebaut, 1928 an die Emschergenossenschaft veräußert und seither als Mietshaus genutzt. Um 1960 wurde in der Nachbarschaft zum Grundstück eine Esso-Station errichtet, die ursprünglich von dem Tankwart Lotz betrieben wurde. Nach mehreren Umbauten stillt sie bis heute den Energiehunger der Kraftfahrer.

Das Wohngebäude, die sog. „Villa Dieckhöfer“, blieb bis heute erhalten. (Foto: IN-StadtMagazine)

Wir bedanken uns bei Dr. Joachim Dieckhöfer für die Übermittlung der historischen Aufnahme.