Mensch Leute, nehmt die Hände! – Ein Portrait des Hombrucher Künstlers Jochen Pieper

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Die Kiesel für seine Serie „Steinzeit“ hat Pieper aus dem Hengsteysee „gefischt“. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Wer Kunst ernsthaft betrachten möchte, muss genau hinsehen – vermeintlich. Seit einer seiner Ausstellungen im Westfalenpark ist Jochen Pieper anderer Ansicht. Als er im Rahmen dieser Ausstellung eine Gruppe von Männern beobachtete, die mit der Nase beinahe seine dreidimensionalen Bilder berührten, sprach er die Begleitung der Gruppe an. Fast blind seien die Männer, erklärte diese dem Hombrucher Künstler, dem klar wurde, dass es dafür eine einfache Lösung gab. „Mensch Leute, nehmt die Hände!“, forderte er seine Besucher auf.

Seitdem spielt das „Haptische“ eine grundlegende Rolle in Piepers Kunst: „Meine Bilder muss man berühren.“ Diese ungewöhnliche Art der Kunstbetrachtung stößt auf viele Hemmungen. So erzählt Piepers Ehefrau Karin: „Die haben ja immer Angst, die Bilder anzufassen, weil sie meinen, etwas kaputt zu machen.“ Doch es war gerade die Gruppe im Westfalenpark, die erkannte, worum es ging. Als die Männer mit den Fingern über Piepers Werke der Serie „Sich lösen“ fuhren, fragten sie, ohne den Titel zu kennen: „Was ist denn da los? Wollen die weg?“ Ja, genau das wollten die Steine, die Hölzer, die Bambusstreben: sich aus der Gruppe lösen.

In Piepers Kunst geht es um das Thema: Bevor er das Material in die Hand nimmt, erhält jedes Werk einen Titel, der dann seine Aufgabe darstellt, die es zu erfüllen gilt. Und „wenn man sich“ im Rahmen der Betrachtung „die Mühe macht und sich wirklich damit beschäftigt“, mit den Augen und den Händen das Werk erkundet, „dann erkennt man den Titel auch“. Dabei geht es weniger um den Wortlaut des Titels, sondern vielmehr um das Thema, mit dem sich das Werk befasst. So beschäftigen sich viele seiner Bilder mit der Flucht und dem Streben der Menschen dorthin, „wo sie glauben, dass es ihnen besser geht“.

Nun könnte man dieses Thema als Aufarbeitung der Biografie des Künstlers deuten, der als Kind aus der DDR in den Westen geflohen ist. Doch mit seiner persönlichen Geschichte, für deren Begreifen er seiner Ansicht nach deutlich zu jung war, hat Pieper abgeschlossen. Vielmehr geht es um das Heute, die Flucht seit 2015. Aber auch die Musik und zerstörte Träume sind Themen, die sich in seiner Kunst finden – in Form einer zerbrochenen Geige oder einer Gitarre, deren Hals abgewinkelt neben dem Korpus liegt.

Gerade die zerstörte Violine erregte Anstoß bei der jährlichen Ausstellung im Westfalenpark, im Rahmen derer Pieper immer auch an einem Werk arbeitet, deren Entstehen die Besucher*innen verfolgen. Diese betrachtet er als „Geburtshelfer“ für sein Projekt, denn aus der ständigen Interaktion erwachsen weitere Ideen, die er in das neue Werk einfließen lässt.

Wer dann eines der Bilder kaufen möchte, erhält ein ebenso ungewöhnliches Angebot wie die Betrachtung unter Einsatz der Hände: „Er hat 14 Tage Zeit, sich mit dem Bild zu beschäftigen“ und zu eruieren, ob es zu seinen Möbeln passt und ob es auch nach längerer Betrachtung noch gefällt. Wenn es in der Garage verschwinde, helfe es keinem, findet Pieper. Aber wenn der potenzielle Käufer oder die Käuferin nach Ablauf der zwei Wochen noch immer überzeugt ist, kommt Pieper mit ihm oder ihr „ins Geschäft“. Seiner Ansicht nach muss der Käufer von seiner Kunst überzeugt sein – auch aus ökonomischen Gründen, denn „ich leb’ ja davon, dass der mich auch weiterempfiehlt“.

Nur ein einziges Mal entschied Pieper sich, einem Fremden ein Bild zu schenken. Eine Kleinfamilie kam auf einem Künstlermarkt an seinem Stand vorbei. „Das Kind war ganz frisch. Er [der Vater] hatte sich so in ein Bild verknallt.“ Doch seine Frau wandte ein, dass die kaputte Waschmaschine ersetzt werden müsse und dementsprechend kein Geld für ein Bild zur Verfügung stünde. Grund genug für Pieper, das Geld Geld sein zu lassen.

  • Die nächste Möglichkeit, Piepers Kunst zu erleben, stellt am 11. August das Preussenhafenfest in Lünen dar.
  • Am 31. August stellt Pieper auf dem Hafenfest in Dortmund aus und am
  • 7. September auf dem Kunstmarkt in Bergkamen-Rünthe.
  • Im Haus Bittermark in Kirchhörde ist eine Dauerausstellung mit seinen Bildern zu sehen.

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