Der eine Schluck Sekt – Ein Brünninghauser erzählt von seinem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS)

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Kevin Bernd Elster lebt seit 25 Jahren mit dem Fetalen Alkoholsyndrom. (Foto: IN-StadtMagazine)

„Sie hat normal weitergefeiert“, weil sie in den ersten beiden Monaten nichts von ihrer Schwangerschaft wusste, erzählt Kevin Bernd Elster. Der Brünninghauser leidet am Fetalen Alkoholsyndrom (FAS), das durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft ausgelöst werden kann – und „sie“ ist seine Mutter.

Dass bei ihm etwas anders ist als bei den anderen, wurde Kevin schon als Kind klar. In der Schule hatte er es mit Mobbing wegen seines Ohres zu tun. „Das ist halt klein“, beschreibt er sehr sachlich sein rechtes Ohr. Allerdings kann er auf der rechten Seite auch nichts hören und besuchte deshalb eine Gehörlosenschule. Umso unverständlicher erscheinen ihm die damaligen Angriffe seiner Mitschüler*innen. Doch offen räumt er ein, dass deren Befremden wohl nicht allein auf das Äußere zurückzuführen war: „Ich habe Lehrer geschlagen …“ Er sagt das mit drei Punkten in der Stimme, die andeuten, dass die Gewalt nur die physische Äußerung eines größeren Problems darstellte.

„Im ersten Moment war ich stinkig“
Existenziell wurde es, als Kevin mit Anfang 20 drei Monate vor seiner Abschlussprüfung zum Fachlageristen „alles hingeschmissen“ hat. Unter dem großen Prüfungsdruck verletzte er sich selbst und wies sich schließlich mit Suizidgedanken in eine psychiatrische Klinik ein. Dort gab es dann die Diagnose. Zunächst aber reagierte Kevin unaufgeregt: „Okay, ich habe Fetales Alkoholsyndrom. Keine Ahnung, was das ist, wird schon nichts Schlimmes sein. Dann habe ich mich schlau gemacht und erstmal einen Schock bekommen.“

„Im ersten Moment war ich erstmal stinkig auf meine Mutter“, erzählt Kevin. Doch seine Wut verlagerte sich schnell, als er erfuhr, dass seine Mutter mehrfach beim Gynäkologen gewesen war, „weil sie gemerkt hat, dass irgendwas ist“ und dieser sie nicht über ihre Schwangerschaft aufgeklärt habe. Ob er sie selbst nicht erkannte, weiß Kevin nicht. In der achten Schwangerschaftswoche erfuhr seine Mutter von dem entstehenden Leben in ihrem Körper – kein ganz unüblicher Zeitpunkt.

Wie sich FAS „in Luft auflöst“
Doch da waren ihrem Sohn die Karten bereits gelegt. Schon als Kind wurde ihm eine allgemeine Lernbehinderung diagnostiziert und mit 17 Jahren machte Kevin einen Förderabschluss. Mittlerweile wohnt er allein in Brünninghausen und „zu Hause brauche ich zurzeit keine Unterstützung“. Doch im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens steht er in regelmäßigem Kontakt mit einer Betreuerin und einem Betreuer, die ihn beispielsweise bei Behördengängen unterstützen.

In diesem Zusammenhang hat er gerade eine Odyssee hinter sich. Anfang Februar hat er eine Fördermaßnahme begonnen, die in eine Ausbildung zum Verkäufer mündet. Jedoch bedurfte das einer Finanzierung, die wiederum an die Anerkennung seiner Erkrankung geknüpft war. „Dass die Leute auf den Ämtern denken, dass sich das Fetale Alkoholsyndrom mit 18 Jahren in Luft auflöst“, hatte Kevin bereits im Kontakt mit dem Verein Happy Baby no Alcohol gehört, auf den er im Rahmen seiner Recherche gestoßen war.

Der „Botschafter“
Für ihn stellte das einen von vielen Gründen dar, für den Verein als „Botschafter“ aufzutreten. „Es ist gut, dass es diese Kampagne gibt, denn sie wird die Menschen sensibilisieren, für die Betroffenen ein dringend notwendiges Hilfesystem aufzubauen“, wird Kevin auf der Internetseite des Vereins zitiert. Doch nicht nur als ein Gesicht der Kampagne hat er sich im letzten Jahr an die Öffentlichkeit begeben. Als kevken95 berichtet er auf Instagram von seinem Leben mit FAS. Er möchte aufklären, „weil es mich ankotzt, wie man mit den Menschen umgeht“. Und weil er Betroffenen Mut machen möchte und „den Leuten, die mobben, gebe ich ein Zeichen“. Auch dass „es immernoch Frauenärzte gibt, die sagen, ein Schluck Sekt geht ja immer“, ist für Kevin vollkommen unverständlich.

 

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