Weltreise ab Hörder Neumarkt – ein Kurztrip nach Sierra Leone

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(v. l.) Jan Peter Schneider, Jacquelyn Kathke und Dr. Morie John Peter Bunduka nahmen die Gäste mit auf eine Reise nach Sierra Leone. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Wir stehen an Deck und schauen auf ein Land, wie wir es nie gesehen haben: Unmittelbar an der Küste ragt ein Gebirge in das Himmelsblau hinein. Wir vermeinen ein Brüllen aus den rauen und wilden Bergen zu hören. Das hier muss das Gebirge des Löwen sein, das hier ist Sierra Leone.

So oder so ähnlich könnte ein Tagebucheintrag des Portugiesen Pedro da Cintra begonnen haben, der dem Land im Jahr 1462 seinen Namen gab. So romantisch die Geschichte der Namensgebung klingt, als so grausam erwies sich die Ankunft der Europäer für die heimische Bevölkerung: Der Sklavenhandel begann. Ab 1791 wurde Sierra Leone offiziell als britische Kolonie geführt. Als Großbritannien im Jahr 1807 die Sklaverei verbot, bedeutete dies für die westafrikanische Bevölkerung aber keinesfalls das große Glück.

Als die ehemaligen Sklaven zunehmend verarmten, wurden die „freien“ Menschen gemeinsam an einen Ort gebracht, der „Freetown“ genannt wurde. Versammelt wurden dort Menschen aus verschiedenen westafrikanischen Ländern, die die unterschiedlichsten Kulturen mit in die Stadt brachten. Heute ist Freetown die Hauptstadt Sierra Leones.

Am 4. Juni 2019 erzählte Dr. Morie John Peter Bunduka diese Geschichte seines Heimatlandes den interessierten Gästen des Vereins Wir am Hörder Neumarkt e. V., der die Veranstaltungsreihe „Weltreise ab Hörder Neumarkt“ ins Leben gerufen hat. Doch der romantische Blick auf ein vielfältiges Freetown geht Bunduka ab: „Wir waren so verschieden wie Engländer und Araber“ und beständige Konflikte sorgen für eine angespannte Lage in Sierra Leone. Mit einer wachsenden Bevölkerung wird das Leben in Freetown zunehmend schwieriger. „Es ist der Mensch: Er will dort leben, wo es Wasser gibt“, erklärt Bunduka das Wachstum.

In ganz Afrika wächst die Bevölkerung exponentiell, in Sierra Leone bekommt eine Frau im Durchschnitt etwa sechs Kinder. Dass die Ernährungslage in Afrika kritisch ist, ist bekannt, doch je mehr Menschen versorgt werden müssen, umso knapper werden die Ressourcen. „Wir sind arm“, sagt Bunduka, „Pro Kopf 488 Dollar im Jahr“. Deshalb ist für ihn eindeutig, warum viele Menschen aus Sierra Leone zum Arbeiten nach Deutschland kommen: „Jemand, der hier mit Salatwaschen 300 Euro im Monat verdient, kann eine 12-köpfige Familie in Sierra Leone ernähren.“

Diese Armut erstaunt, als Bunduka konstatiert: „Sierra Leone ist eins der reichsten Länder der Welt mit Diamanten.“ Doch die Armut ist eine Spirale: Die sehr armen Menschen schürfen in den Flüssen nach Diamanten, die ihnen für wenig Geld abgekauft werden, das sie aus Not gerne annehmen. Weiterverkauft werden die Schätze dann für „das Tausendfache“ und die Menschen in Sierra Leone bleiben arm. Der aktuelle sierra-leonische Präsident Julius Maada Bio hat den Kampf gegen Korruption auf seine Agenda gesetzt, ebenso wie ein anderes brennendes Thema in Sierra Leone: die Vergewaltigung von Frauen, die noch immer zum Alltag gehört.

Warum dieses Problem in Sierra Leone so massiv ist, dass Bio den Notstand ausrufen musste, ist unbekannt. Jan Peter Schneider vom Verein Wir am Hörder Neumarkt e. V. hat jedoch eine Vermutung, warum besonders sierra-leonische Jungfrauen vermehrt sexuelle Gewalt erfahren. Denn bei vielen Männern in Sierra Leone herrsche ein Irrglaube: „Wenn sie krank sind und mit einer Jungfrau schlafen, geht die Krankheit weg.“ Mit dem Ausbruch der Ebola-Epidemie im Jahr 2014 vergrößerte sich das Problem daher nicht von ungefähr.

Bunduka appelliert an die Menschen in Deutschland, Sierra Leone bei seiner Regeneration zu unterstützen, die mit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2002 begonnen hat. Mit einem Video machte Schneider Sierra Leone an diesem Abend im Juni den Gästen als Reiseziel schmackhaft, denn Tourismus fördert die Wirtschaft und kann seinen Teil dazu beitragen, die Armut der Bevölkerung zu bekämpfen. Eine wunderschöne Landschaft und teilweise ungenutzte Strände laden ein, sich in ein Flugzeug mit dem Reiseziel Lunghi bei Freetown zu setzen und Sierra Leone kennenzulernen.

Einen Vorgeschmack gab es für die Interessierten bereits am Hörder Neumarkt, denn traditionell werden die Gäste bei der „Weltreise“ mit den Speisen des jeweiligen Landes bewirtet. Fried Rice mit Kokosnuss, Hähnchenspieße in Erdnusssoße, Salat und „ganz viel Bananenzubehör“, durften die Anwesenden an diesem Abend kosten. Zubereitet hatte es Jacquelyn Kathke, unterstützt von Jan Peter Schneider.

 

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