Weltreise ab Hörder Neumarkt – ein Kurztrip nach Indonesien

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Die Indonesierinnen (v. l.) Dewi Gelis, Anastasia Windarti und Dewi Rathi Skiba ließen die Gäste ihre Heimat mit allen Sinnen erleben. (Foto: IN-StadtMagazine)

„Indonesien ist da, wo der Pfeffer wächst“, nahm Dewi Gelis am 1. Oktober mit einem Augenzwinkern ein Sprichwort wörtlich. Gemeinsam mit Anastasia Windarti und Dewi Rathi Skiba brachte sie die ertragreiche und prachtvolle indonesische Flora und Fauna ins Haus Rode am Hörder Neumarkt. Und auch Tanz, Theater und Religion kamen nicht zu kurz.

„Indonesien, Land der Götter und Göttinnen, Land, in dem Kunst und Schönheit sich begegnen, Land der zeitlosen Schönheit, ein traumhaftes kulturelles Erbe“, heißt es in dem Kurzfilm, den Frau Skiba den Gästen vorführte. Kräftige warme Farben, viel Rot und Orange und so viel Grün beleuchteten die Leinwand. Helle Instrumentalmusik fügte sich sanft in die schwärmerische Off-Stimme. Und auch als die Gäste zurück im Haus Rode waren, träumten Frau Gelis und Frau Skiba noch ein wenig von dem Paradies für Rucksacktourist*innen und Kulturreisende.

Doch Gertrud Bönschen mochte sich nicht einlullen lassen. „Es kann doch nicht sein, dass es nur schön ist bei Ihnen“, wandte sie sich an die Indonesierinnen. Später verriet sie mit Blick auf das einseitig positive Bild, das sie bis hierhin vermittelt bekommen hatte: „Das kann ich nicht haben, weil es das auf der ganzen Welt nicht gibt. Hat es übrigens noch nie gegeben.“

Doch bei den Gastgeberinnen, die erwartet hatten, dass ihre Gäste vor allem die schönen Seiten Indonesiens kennenlernen wollten, rannte Frau Bönschen offene Türen ein. „Ich glaube, heile Welt ist utopisch“, formulierte Frau Gelis so hart wie eindeutig, „Die Schere wird immer größer und größer. Die Reichen haben mehr als ein Haus, sie haben Angestellte, sie haben Autos – nicht ein Auto, sondern Autos“, während ein großer Teil der Bevölkerung „nicht mal zwei Mahlzeiten am Tag“ bekäme, geschweige denn sozial- und krankenversichert sei.

Extrem ist die Lage in Papua, einer Provinz, die über besonders viele Bodenschätze verfügt. Und die Paradoxie hinter diesem Zusammenhang täuscht nicht. Denn es sind nicht die Papua, die vom Reichtum ihrer Heimat profitieren. „Das wird alles kommandiert von der Hauptstadt“, benennt Frau Gelis die Praxis, US-Konzerne vor Ort Kupfer und Gold abschöpfen zu lassen, ohne die Menschen an den Erlösen zu beteiligen. Laut einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus dem August sind Beobachtende in den Schürfgebieten nicht zugelassen, sodass die genauen Hintergründe vage bleiben. Doch auch Papua, die beispielsweise zum Studieren auf die Insel Java kommen, von der auch Frau Gelis und Frau Skiba stammen, erwartet kein roter Teppich. Im Gegenteil, ihnen schlägt – teilweise struktureller – Rassismus entgegen, der kürzlich zu brutalen Konflikten führte.

Und das in einem Land, das sich das Motto „Einheit in Vielfalt“ auf die Fahne schreibt. Doch was sich wohl keineswegs bestreiten lässt, ist die Vielfalt in dem Inselstaat. Bereits die drei Damen im Haus Rode repräsentierten die religiösen und sprachlichen Unterschiede in ihrem Heimatland. So bereitete an diesem Abend die Muslima Skiba gemeinsam mit der Buddhistin Gelis und der Christin Windarti die traditionellen indonesischen Gerichte für die Gäste zu. Gleichzeitig ist Frau Gelis überzeugt, dass sie Frau Windarti niemals würde verstehen können, wenn diese in ihrer Muttersprache mit ihr spräche. Und ginge sie in Frau Windartis Heimatstadt auf den Markt, wüssten die Menschen „sofort, dass ich eine Fremde bin“. Etwa 250 Sprachen erstrecken sich über 5.000 Kilometer in der Breite und über drei Zeitzonen.

Doch vielleicht sind die drei Damen sogar etwas vielfältiger als die Gesamtbevölkerung in Indonesien, die zu 90 Prozent muslimisch ist. Gleichzeitig ist es eigentlich richtig, was Jan Peter Schneider vom Verein Wir am Hörder Neumarkt über die Stellung des Islam in Indonesien sagte: „Es wird dort wirklich Staat und Religion getrennt.“ Diese Haltung der Bevölkerung schlägt sich in der Wiederwahl des Präsidenten Joko Widodo im Mai nieder, der als besonders fortschrittlich gilt. Um jedoch die konservativen muslimischen Positionen nicht zu vernachlässigen, machte er den Geistlichen Maruf Amin zum Vizepräsidenten. Und nun gehen die Indonesier*innen in Jakarta auf die Straße: Die streng konservativen Kräfte wollen den Kampf gegen Korruption zurückfahren und den Einwohner*innen sowie allen Tourist*innen im Land den außerehelichen Sex verbieten.

Gerade Letzteres könnte die Armut im Land weiter steigern, denn unter einem Reiseparadies, in das sie gern aus der Urlaubskasse investieren, stellen sich viele Menschen wohl nicht vor, dass sie sich ohne Eheurkunde im Urlaub nicht berühren dürfen. Doch eines läuft den konservativen Bestrebungen diametral entgegen. „Wir sind sehr emanzipiert“, sagte Frau Skiba im Haus Rode. Und das hat sie nicht aus der Luft gegriffen, versteht man unter Emanzipation Gleichstellungsbestrebungen zwischen Mann und Frau. So wählte das indonesische Parlament Anfang Oktober mit Puan Maharani erstmals eine Frau zu seiner Vorsitzenden.

Entsprechend selbstbewusst gaben sich auch die Gastgeberinnen im Haus Rode. Dennoch ist Frau Gelis’ Blick auf ihre Zukunft nicht ungetrübt. Seit 13 Jahren wohnt sie in Hagen, aber „wenn ich keinen deutschen Mann bekomme, muss ich gehen“. Paradoxerweise sind es also gerade die deutschen Aufenthaltsregelungen, die der Emanzipation der drei im Wege stehen. Doch an diesem Abend Anfang Oktober gaben sich die Gastgeberinnen in Haus Rode selbstbewusst. Schließlich sind sie Indonesierinnen und als solche sowohl unter den Gästen als auch in ihrem Heimatland in ihrer Weiblichkeit, ihrer Religion und ihrer Herkunft respektiert.

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