„Um mich geht es hier gar nicht“ – Ausstellung von Ulrich Seydak im Haus Rode

0
63

Wer als IT-Consultant erfolgreich war, kann nur als Künstler größere Erfolge feiern. Ökonomisch ist das im Normalfall absurd. Doch Ulrich Seydak misst seinen Lebensweg nicht am Einkommen. Bevor er Künstler wurde, wechselte er stattdessen aus der IT-Branche erst einmal in einen 450-Euro-Job bei Kaufland.

Diese Entscheidung entspricht Seydaks Attitüde insgesamt. „Ihr seid Eigentümer, ich bin nur Mieter“, sprach der Hörder am 26. Juli seine tatsächlich anwesenden Vermieter im Rahmen der Eröffnung seiner ersten Ausstellung im Haus Rode am Neumarkt an. „Hier im versumpften Süden fühle ich mich viel wohler als im reichen Norden.“ Doch Seydak beschränkt sich nicht auf die persönliche Ebene, sondern wird in seiner Eröffnungsrede geradezu politisch. Den reichsten Mann der Welt – derzeit ist das Amazon-Chef Jeff Bezos mit einem jährlichen Einkommen von 131 Milliarden US-Dollar – würde er „einfach enteignen“ und die gefährliche Flucht aus der Armut über das Mittelmeer so obsolet machen.

Auch seine Kunst und sein eigenes Kunstverständnis tragen immer wieder politische Züge, auch auf lokaler Ebene. So verlieh er im Rahmen einer Fotomontage einem in den See im Rombergpark ragenden Baumstamm einen Schwanz und Krallen, denn Krokodile in Dortmund hält er in Anbetracht des Klimawandels über kurz oder lang für gar nicht so abwegig. Auch der Phoenix See überzeugt ihn aus umweltpolitischer Perspektive nicht: „Wenn ich heute ins Naturparadies gehe, schwitze ich zwischen dem ganzen Beton ganz gut.“

Immer wieder landete Seydak in Hörde und ist hier vor 15 Jahren ob seiner Vaterschaft „sesshaft“ geworden. So bezieht sich auch seine Kunst immer wieder auf den Hochofen und den Phoenix See, aber auch auf die Hörder Hinterhöfe und Verkehrswege. In einem „Sinnig tiefgründigen poetischen Hörder Bildermandala“, einem schmalen Bilderheft, versehen mit Lyrik von Jupp Damberg, kommen Seydaks IT-Kenntnisse zum Tragen. Durch geschickte Fotomontage entsteht der Eindruck, den Stadtbezirk durch ein Kaleidoskop zu betrachten, wodurch sich einfache Motive bis zur Unkenntlichkeit geradezu aufheben und sich konkrete Elemente ästhetisch wiederholen.

Doch die Ästhetik steht für Seydak niemals im Vordergrund. So befasst er sich derzeit mit einem „Verbot der Massenmenschenhaltung“ und stellt die Frage, inwiefern der „massentaugliche“ Clarenberg, wo er einige Zeit lang wohnte, „lebenswert“ ist. Nie geht es ihm um l’art pour l’art, vielmehr versucht er sich als „Rufer in der Wüste“ Gehör zu verschaffen für seine politischen Ansätze, in der Regel vergeblich, wie er glaubt: „Keiner hat mich gehört.“

Auch seine Ausstellung im Haus Rode, zu der ihn der Verein Wir am Hörder Neumarkt geradezu überreden musste – denn ausgestellt hatte er seine Bilder bislang noch nie – widmet er einem Zweck: „Ich dachte, ich leite hier einen kleinen Beitrag zum Erhalt – um mich geht es hier gar nicht.“ Im Vereinszweck spiegelt sich daher auch Seydaks Haltung. Laut Vereinsmitglied Damberg geht es im Haus Rode darum, „kulturelle Wurzeln freizulegen“.

Auf der Homepage des Vereins heißt es weiter: „Wir würden gerne wieder den Zusammenhalt und den Gemeinsinn aufleben lassen, der hier existierte, als noch Stahl gekocht wurde, und jeder jeden kannte.“ Auch eine „Ausstellungsmöglichkeit für hiesige Künstler“ zu schaffen, schreibt sich der Verein auf die Fahne. Auf diese Weise greifen die Ziele ineinander und Künstler und Verein gehen ihren Weg ein Stück gemeinsam in die gemeinsame Richtung.

Seydaks Ausstellung ist noch bis zur ersten Oktoberwoche im Haus Rode, Am Heedbrink 72, zu sehen.

Weitere Informationen zum Verein unter www.wir-am-hoerder-neumarkt.de

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
500