Paracycler Hans-Peter Durst: »Es geht immer was!«

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Als ältester deutscher Teilnehmer ging Durst bei den Sommer-Paralympics 2016 in Rio an den Start und gewann zwei Goldmedaillen. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Der deutsche Paracycler Hans-Dieter Durst (58) führte als Geschäftsführer einer Brauerei mit seiner Frau Ulrike und den beiden Kindern Katharina und Sebastian ein beschauliches Leben, bis im Jahr 1994 ein unverschuldeter Verkehrsunfall der Familie einen schweren Schlag verpasste. Wir haben Hans-Dieter Durst in der Dortmunder Gartenstadt interviewt und wollten wissen, wie er nach diesem Schicksalsschlag sein Leben neu in die Hand genommen hat und was für ihn der Sport bedeutet.

Redaktion: Wenn Sie die 23 Monate Klinikaufenthalt nach dem Unfall Revue passieren lassen, hätten Sie jemals damit gerechnet, Ihren Körper in die aktuelle Verfassung mit diesem Leistungsvermögen bringen zu können?

Durst: In den ersten 6 Wochen war ich im Koma und habe nach dem Unfall sowieso nicht viel mitbekommen. Als Schädel-Hirn-Patient wird man langsam wach und begreift nur in Stücken, was überhaupt mit einem passiert ist. Man liegt in der Zeit dauerhaft und wird gelegentlich an ein Stehbrett gestellt, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Erst langsam wurde ich mit Rehamaßnahmen über einen Liege-Rollstuhl, Rollstuhl und Stöcken zurück zur Mobilität gebracht. Dabei habe ich natürlich nie an Sport gedacht, sondern nur an meinen Alltag. Wie komme ich aus diesem „Wohlfühlbereich“ Klinik wieder raus und was wird dann zu Hause auf mich zukommen? Zwischenzeitlich habe ich auch erfahren, dass mir der Posten als Geschäftsführer in der Brauerei nicht mehr freigehalten werden kann, weil die Gesamtaufgabe der Geschäftsführung durch meine Verletzung und Medikation nicht mehr ausgeführt werden kann. Durch den Unfall ist mein Gleichgewichtsorgan gestört, so dass ich nicht mehr ohne Hilfsmittel gehen oder laufen kann, das Reaktionsvermögen ist verlangsamt, die Koordination eingeschränkt und mein Sehfeld ist beidäugig nach links unvollständig. Außerdem leide ich gelegentlich an Epilepsie. Durch diese Umstände ist es mir bis heute auch nicht möglich, mit dem Auto zu fahren. Der Professor in der Klinik hat mir 3 Monate vor der Entlassung dann ein Rezept für ein Dreirad ausgestellt, damit ich nach der Entlassung nicht in ein tiefes Loch falle, sondern mit meiner inneren Energie zu Hause weiter an mir und meinem Körper arbeiten kann – alles unter der Prämisse der Familienzusammenführung. Im Jahr 1999 habe ich dann an meiner ersten Radtourenfahrt auf dem Dreirad über 154 km erfolgreich teilgenommen und kam nach ca. 7 Stunden völlig erschöpft ins Ziel. Aber durch das Erreichen des Ziels habe ich gemerkt, dass ich plötzlich wieder jemand war – die Begeisterung für das Paracyclen war geweckt. Bei einer weiteren Tour, der „Tour der Hoffnung“ für krebskranke Kinder, wurde ich von dem Assistenten des Bundestrainers gefragt, ob ich nicht für den „Deutschen Behindertensportverband Radsport“ Dreirad fahren will.

Redaktion: Wie haben Sie die schwierigen Zeiten während Ihrer Rehabilitation gemeistert?

Durst: Das ist aus heutiger Sicht schwierig zu beantworten, weil ich heute alle Hilfsmittel und mentalen Fähigkeiten besitze, um mit diesen Situationen umzugehen. Anfangs waren die Mitarbeiter in der neurologischen Klinik und meine Familie die wichtigsten Stützen, um mich aus den schwierigen Phasen zu holen. Heutzutage habe ich zwar auch immer mal wieder schwere Zeiten, aus denen ich mich aber inzwischen selbst holen kann.

Redaktion: Wie steuern Sie Ihre Ernährung, wenn Sie sich für einen Wettkampf vorbereiten? Müssen Sie sich im Vergleich zum Alltag stark umstellen?

Durst: Wir Athleten werden von Ernährungsberatern betreut, die eng mit unseren Trainern zusammenarbeiten. Es wird vor allem auf die richtige Ernährung geachtet, bei der aber auch unsere Vorlieben nicht ganz außer Acht gelassen werden. Für mich ist zum Beispiel am Morgen das Müsli mit viel Obst und Nüssen der normale Start in den Tag. Mittags ernähren wir uns relativ normal mit wenig Fleisch in der Woche, dafür aber qualitativ hochwertig und nicht aus dem Discounter. Außerdem bin ich kein Freund von künstlichen Zusatzstoffen in Form von Pulver oder Tabletten. Zum Abend hin achte ich auf eine kohlenhydratarme Ernährung, wie Salat, Fisch oder Fleisch. Auch das Bier darf an manchen Abenden für mich nicht fehlen, weil es in sportlicher Hinsicht kaum Nachteile hat: wenig Alkohol, viel Flüssigkeit, viele Proteine und es ist isotonisch.

Redaktion: Welche sportlichen Ziele haben Sie noch im Fokus und denken Sie schon über die Zeit nach dem Sport nach?

Durst: Es gibt für mich noch eine ganze Menge schöne Ziele, aber ich kann nicht sagen, dass ich nur noch ein wichtiges Ziel habe und dann aufhöre, weil ich das nicht einhalten kann. Das kommende Projektziel für unser Team sind die paralympischen Spiele in Tokyo im Jahr 2020. Natürlich ist das ein Wunschziel, weil vier Jahre schon eine lange Strecke für einen 58-Jährigen sind. Daneben gibt es für mich noch drei wichtige Ziele, die ich in der nächsten Zeit angehe: 1. Den Rad-Marathon Tannheimer Tal, 2. meinen ersten Wettkampf über 300 km an einem Tag und 3. als Markenbotschafter von ABUS starten wir von München nach Venedig (ABUS Race for friends).

Redaktion: Bei welcher Sportart würden Sie Deutschland gerne im Wettkampf vertreten, wenn Ihre körperlichen Einschränkungen nicht vorhanden wären?

Durst: Ich habe immer gerne Tischtennis gespielt und es ist immer noch eine meiner leidenschaftlichen Sportarten, die ich mir gerne anschaue. Erst vor kurzem hatte ich eine wunderbare Begegnung mit dem ehemaligen deutschen Tischtennis-Profi Eberhard Schöler. In meiner ganzen Jugend habe ich immer Tischtennis auch im Verein gespielt, aber immer auf Amateurebene.

Redaktion: Können Sie dem Unfall im Jahr 1994 auch „gute“ Aspekte abgewinnen, weil Ihr Leben rückblickend für Sie in anderen Bereichen auch positiv beeinflusst wurde?

Durst: Über den Unfall und die körperlichen Folgen bin ich natürlich nicht froh und nicht nur mein Leben hat sich daraufhin geändert, auch die Lebensplanung meiner Familie wurde beeinflusst. Ich bin manchmal dankbar, dass ich so viele tolle Menschen kennenlernen durfte, die mich wieder auf meinen Weg in mein zweites Leben gebracht haben und ich bin natürlich total froh, was ich in meinem neuen Leben erleben durfte. Ich weiß z. B. nicht, ob ich es als Geschäftsführer einer Brauerei eines Tages geschafft hätte, mit dem Bundespräsidenten am Tisch zu sitzen und über Sport zu reden, oder mit der Bundeskanzlerin Seite an Seite in Berlin-Kreuzberg mit Sportlern zusammenzusitzen. Früher war ich eher ein Reisemuffel, weil ich im Beruf schon so viel unterwegs war. Das hat sich durch Wettkämpfe, Trainingsvorbereitungen und Einladungen zu Vorträgen sehr stark verändert, so dass ich auch oft mit meiner Frau zusammen viele Länder bereist habe.

Redaktion: Wenn Sie mal nicht sportlich aktiv sind, gibt es noch andere Leidenschaften?

Durst: Ich lese zum Beispiel sehr gerne Krimis und Biographien von interessanten Menschen. Außerdem habe ich aus meinem „alten“ Leben die Lust am Wandern übernommen. Das kann ich zwar nur mit Stöcken als Hilfsmittel, aber das fällt kaum auf, weil der Wanderstock inzwischen für alle Wanderer im Gebirge dazugehört. Wenn wir unsere Wanderungen mit Freunden planen, nehmen wir für abends oft schicke Kleidung mit, weil wir entlang der Route in schöne Restaurants gehen und dort die kulinarischen Highlights genießen. Dazu passt natürlich auch, dass ich gerne esse und koche.

Redaktion: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in Tokyo 2020!

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