Was die Hand erschaffen kann – Großprojekt des Hombrucher Mosaizisten Robert Kaller

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(v. l.) Robert Kaller, Christopher Baumert und Houran Almahrouk rekonstruieren gemeinsam die Hände der Kunstgeschichte. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Nach christlicher Vorstellung beruht unsere Welt auf dem Handwerk. Denn mit seinen Händen erschafft Gott sie aus dem Nichts. Als Menschen sind wir nur ein Teil dieser Schöpfung und doch göttliches Ebenbild. Im Handwerk manifestiert dieses Ebenbild sich und wenn der Mensch die Hand Gottes mit den Händen rekonstruiert, scheint sich geradezu der Kreis der Schöpfung zu schließen.

Mit seinen Mitarbeitern Christopher Baumert und Houran Almahrouk hat der Löttringhauser Mosaizist Robert Kaller die Hand Gottes, die in Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle Adam als den ersten Menschen zum Leben erweckt, als Mosaik aus über 6.000 Steinen neu erschaffen. Nach dem Entwurf der Trierer Architektin Raphaela Sauer und des Südtiroler Künstlers Michael Meraner soll das neue Berufsbildung- und Technologiezentrums (BTZ) in Trier bald über einen Weg der Kunstgeschichte der Hand erreichbar sein. Denn wer die Berufsschule Tag für Tag betritt, erlernt in der Regel ein Handwerk.

Insgesamt 17 einzelne Mosaik-Hände sollen nach Sauer und Meraner in den fast hundert Meter langen Gussasphaltweg eingelassen werden. „Verschiedenste Handmotive dienen als Vorlage, von Michelangelos Erschaffung Adams bis hin zu modernen Roboterhänden, von den ersten Höhlenmalereien der Neandertaler bis hin zu Schieles knöchrigen Abbildungen“, schreibt Sauer in ihrem Entwurf. Hinzu kommen unter anderem die „Hand des Kaisers Konstantin“, die Hand der Fatima und ein Ausschnitt aus Mirós „The Potato“. Abhängig von den individuellen Gegebenheiten der einzelnen Vorlagen verwenden Kaller, Baumert und Almahrouk individuell ausgewählte Materialien. So setzen die Künstler Roy Lichtensteins Pointilismus in „Finger Pointing“ mit kleinen roten Fliesen in Kreisform, und um die sozialistische Faust darzustellen, die gemeinhin als Symbol der Antifa bekannt ist, verwendeten sie großformatige Schieferplatten.

Die zentrale Herausforderung liegt bei allen Motiven darin, Gemälde als Mosaike umzusetzen. Das „Mosaik hat andere Gesetze“ als die Malerei, betont Kaller, „Das Problem ist: Wie kriegst du diese Farben hin?“ Viel Zeit hat er mit seinen Mitarbeitern in Steinbrüchen und im Handel verbracht, um allein die richtigen Materialien für die Hand Gottes zu finden. Dabei ist aber nicht allein die Optik der Steine entscheidend. So muss jeder einzelne Stein die gleiche Stärke haben wie alle anderen 6.000 Steine. Nur winzigste Unebenheiten lassen sich beim Einbau ausgleichen, indem die Steine unterschiedlich tief in den Kleber gedrückt werden. Zusätzlich bauen die drei Handwerker hier einen Weg und „alles, was wir machen, muss rutschfest sein, begehbar, stabil und rutschfest. Sonst gibt es da einen Regen und dann gibt es erstmal ein paar Tote“, formuliert Kaller salopp.

In Anbetracht dieser Herausforderungen hatte Kaller „bei diesem Auftrag auch durchaus meine Muffen“, gibt der Mosaizist zu. „Dann ist es natürlich toll, wenn man solche Typen an seiner Seite hat.“ Beide hat er selbst in seiner Mosaikbauschule ausgebildet, die er im Jahr 2015 in Löttringhausen eröffnete. Doch war es keineswegs so, dass er sie gesucht hätte: sie fanden ihn.

Schon mit 15 Jahren stand Baumert vor Kallers Tür an der Max-Brandes-Straße – ein Teenager mit rotem Irokesen. „Ich wollte ein Praktikum machen. Ich wollte Künstler werden“, erzählt Baumert. Doch zunächst brauchte der Junge eine Berufsausbildung. Die Mosaikbauschule gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gemeinsam mit Kaller machte der junge Christopher die Ausbildung des Bau- und Objektbeschichters ausfindig, ein Beruf, der dem Kunsthandwerk sehr nahekommt. Nachdem er die Ausbildung erfolgreich absolviert hatte, stieg er bei Kaller als Geselle ein. Mittlerweile hat dieser den nun jungen Mann zum Mosaizisten ausgebildet. Der rote Iro ist in der Zwischenzeit einem dunklen Kurzhaarschnitt gewichen.

So lernte ihn auch Almahrouk kennen, als er im Jahr 2017 seine Ausbildung in der Mosaikbauschule begann. Doch bis dahin musste er einen weiten Weg zurücklegen – nicht nur geografisch. Mit seinem Vater führte er eine Mosaikbaubetrieb mit 15 Mitarbeitenden im syrischen Idlib. Nachdem er von dort fliehen musste, kam er im Jahr 2014 nach Deutschland, wo er sich dem Arbeitsamt als Mosaizist vorstellte. Doch der Sachbearbeiter im Jobcenter antwortete ihm schlicht: „Das ist kein Beruf.“ Aber „ich habe das nicht aufgegeben“, erzählt Almahrouk. Stattdessen suchte er parallel zu seinen Verhandlungen mit dem Jobcenter selbst im Internet nach einer beruflichen Perspektive – bis er auf Kallers Mosaikbauschule stieß. Nachdem die beiden Männer sich intensiv miteinander unterhalten hatten, vereinbarte Kaller kurzerhand einen Deal mit dem Jobcenter: „Ihr lasst ihn jetzt ein Jahr lang in Ruhe und ich bilde ihn hier aus.“ Denn natürlich beherrschte Almahrouk bereits das Handwerk, doch hatte er sich bislang vorrangig mit traditionellen Motiven auseinandergesetzt. Nun erlernte er den modernen Umgang mit dem Mosaik. Geld nahm Kaller nicht von ihm: „Ich habe ihm was geschenkt und das Arbeitsamt hat ihm auch was geschenkt.“

Doch auch für das Jobcenter zahlte sich dieses „Geschenk“ bald aus. Nachdem Almahrouk seine Ausbildung im Jahr 2018 abgeschlossen hatte, ging er nach Berlin, um ein Großprojekt eines Architekten umzusetzen. Dabei blieb es nicht. „Ich bin gerade auf dem Weg in die Selbständigkeit“, formuliert Almahrouk sachlich. Diesen Gedanken hebt Kaller auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene, indem er konstatiert: „Jetzt wird er zum Präzedenzfall.“

Denn ja, den Beruf des Mosaizisten gibt es, wie Kaller, Baumert und Almahrouk beweisen. Ein Glücksfall für Trier, wo bald die angehenden Handwerkerinnen und Handwerker über die handwerklich gestaltete Geschichte der Hand hinweg ihre Ausbildungsstätte betreten werden.

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