„Man saß nicht mehr nebeneinander“ – Studierende entwickeln Live-Hörspiel am Theater Dortmund

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Malin Laurenz (l.) und Beran Kosan (r.) wirken als TU-Studierende am Live-Hörspiel „Fighting Depression“ des Theater Dortmund mit. (Foto: IN-StadtMagazine)

Worin liegt der Unterschied? Ob man jetzt auf dem Bildschirm zwei Gesichter nebeneinander betrachtet oder im Hörsaal? Was für Beran Kosan fehlt, wenn er an TU-Seminaren in Videokonferenz-Räumen teilnimmt, ist der direkte Austausch. Statt sich einzubringen, dreht man am Rechner eben die Lautstärke hoch und treibt nebenbei ein bisschen Sport an den neu angeschafften Geräten.

Auch seine Kommilitonin Malin Laurenz, die an der TU Sozialpädagogik und Psychologie auf Lehramt studiert, vermisst die Interaktion. Nicht umsonst haben die beiden sich während der letzten Monate eingebracht in ein Studierenden-Projekt am Theater Dortmund. Herausgekommen ist ein ungewöhnliches Format: Ein Live-Hörspiel mit dem Titel „Fighting Depression“.

Zu Beginn bestand das Studierenden-Ensemble noch aus fünf Studierenden sowie Ekkehard Freye. (Foto: Schauspiel Dortmund)

Studieren in Corona-Zeiten
Dass auch die Lehrenden nicht einfach „irgendwelche coolen Methoden aus dem Hut“ zaubern konnten, dafür hat Laurenz durchaus Verständnis: „Die mussten sich auch erstmal komplett umstellen.“ Trotzdem war sie enttäuscht, als ihre Dozentin im Sommersemester eine „Veranstaltung, wo man sich hätte einbringen können“ im Online-Format in eine schnöde Vorlesung verwandelte. Andere Dozent*innen hingegen fanden mit der Zeit durchaus kreative Lösungen für neue Veranstaltungsformate. Und dennoch: „Man saß nicht mehr nebeneinander.“

„Das Thema Einsamkeit“ ist auch für Kosan der zentrale Knackpunkt des Studiums auf Distanz. Sein Praxissemester musste er verschieben, alles andere „war online“. „Sogar der Gesangsunterricht war online“, erzählt der Musik- und Wirtschaftswissenschafts-Student. So freute er sich sehr, als es „langsam besser wurde“, die Gesellschaft eine Möglichkeit gefunden hatte, wieder persönliche Kontakte zuzulassen – und „jetzt wird’s wieder schlimmer“. Die „Lebensfreude“, die langsam zurückkehrte, erfährt nun mit steigenden Infektionszahlen und entsprechenden Regularien einen erneuten Dämpfer.

Denn auch jenseits des unmittelbaren Lernens müssen die Studierenden kreativ werden. „Klavier übe ich viel“, sagt Kosan, und: „Ich schreibe selber ein bisschen Sounds.“ Laurenz geht regelmäßig laufen und freut sich, sich „schon so auf 10 Kilometer gesteigert“ zu haben. „Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag zu Hause sitze und Trübsal blase“, räumt sie ein. Sie und ihre Kommiliton*innen seien schon „extrem privilegiert und anderen geht’s schlechter“. Und dennoch: „Das ist so ein bisschen unsere Semesterzeit, die dabei draufgeht.“

Das Projekt Live-Hörspiel
Umso intensiver betrieben die Studierenden das „Character Crafting“* für ihr Live-Hörspiel, um mit Kosans Worten zu sprechen: „Wie man sein möchte oder was man gerne hätte: Das kann man alles projizieren auf diese Person.“ Unter der Regie von Sarah Jasinszczak und der Leitung von Lorenz Hippe verfasste die Gruppe ein geteiltes Textdokument, alle vier teilnehmenden Studierenden gaben jeweils ihrer eigenen Figur eine Stimme, interagierten frei in der Fiktion. Lediglich das Thema stand von Anfang an fest, es war ihr Thema, das Studieren in Corona-Zeiten.

„Wir haben uns drauf eingelassen und geguckt: Wo führt das Ganze hin?“, so Laurenz. Auf diese Weise entstand unter den Tastaturen die Geschichte von vier jungen Menschen, die im Therapie-Raum im Universitätsgebäude aufeinandertreffen, sich begegnen und wieder- und wiederbegegnen. Dort wartet Dr. Brunner mit „seinen ungewöhnlichen Methoden“ auf sie, wie es in der Veranstaltungsankündigung des Theater Dortmund heißt. Und den wiederum spricht Ekkehard Freye aus dem Schaupiel-Ensemble des Theaters.

Das „hybride Semester“ 2020/21
Mit der Erstaufführung Mitte Oktober traf man einen Zeitpunkt des stark steigenden Infektionsgeschehens innerhalb des vorlesungsfreien Zeit, in der man sich an den Sommer erinnerte. Das nun begonnene soll ein „hybrides Semester“ werden, mit Präsenz- und Onlineveranstaltungen. Was das in der Praxis für Kosans Musikseminare bedeuten wird, muss sich noch zeigen. Für Laurenz ist aber klar, dass das Live-Hörspiel sie und ihre Mitwirkenden über Wasser gehalten hat. „Wir brauchen auf jeden Fall noch ein neues Projekt. Lass uns uns darum kümmern“, fordert sie Kosan auf. Das „hybride Semester“ aber wird sie, die bereits in ihrer Bachelorarbeit steckt, nur noch indirekt betreffen.

*Figurenentwicklung

Informationen zu weiteren Vorstellungen von „Fighting Depression“ gibt es unter www.theaterdo.de.

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