Knabenchor der Chorakademie Dortmund ist Teil eines großen virtuellen Flashmobs

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Insgesamt 45 Knabenchöre haben sich unter dem Hashtag #KulturGutKnabenchor zusammengetan, um auf ihre Nachwuchs-Sorgen insbesondere in Corona-Zeiten aufmerksam zu machen. Das Foto zeigt den Jugendkonzertchor der Chorakademie Dortmund beim Weihnachtsoratorium 2018. © Pascal Amos Rest

Erstmals in ihrer Geschichte schließen sich 45 Knabenchöre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer grenzübergreifenden Kooperation zusammen, um auf die Nachwuchssorgen der Knabenchöre aufmerksam zu machen.

Am 14. November 2020 um 11:55 Uhr treten die Chöre mit einem digitalen Flashmob unter dem Hastag #KulturGutKnabenchor und der Botschaft „Viva la musica!“ auf der virtuellen Bühne bzw. in den sozialen Netzwerken auf.

Initiiert wurde die Aktion von den Augsburger Domsingknaben, den Regensburger Domspatzen, dem Tölzer Knabenchor und dem Windsbacher Knabenchor.

Viva la musica ist das medial verbindende musikalische Werk. Wo Singen noch möglich ist, tragen die teilnehmenden Chöre im digitalen Format die anspruchsvollere vierstimmige Version Viva la musica, op. 43 von Iván Eröd (*1936) für Sopran, Alt, Tenor und Bass, alternativ den gleichnamigen Kanon von Michael Praetorius (1571 – 1621) vor. Wo die aktuelle Lage Singen nicht mehr erlaubt, kommen stattdessen Chorleiter mit eigenen Statements zu Gehör.

Hintergrundinformationen
Die aktuelle Corona-Krise stellt für Knabenchöre eine große Herausforderung dar. Chorproben müssen teils entfallen, Solounterricht/Stimmbildung kann nur im Fernunterricht angeboten werden. Wenn überhaupt, dann wird mit regional unterschiedlichen Hygieneauflagen geprobt und unterrichtet: Mindestens zwei Meter Abstand zum nächsten Sänger sind gefordert, weshalb eine Chorprobe häufig nur in Kleingruppen stattfindet. Bereits fixierte Konzerte entfallen oder werden in spätere Saisons verschoben. Wie alle Künstler braucht auch ein Knabenchor sein Publikum, nicht zuletzt, um Nachwuchs fürs Singen zu begeistern. Nachwuchswerbung kann nicht oder nur sehr begrenzt betrieben werden, ein „Tag der offenen Tür“ oder Schnupperunterricht darf nur in sehr reduziertem Rahmen stattfinden. Die Talentsuche in öffentlichen Schulen entfällt völlig. Eltern werden in der Betreuung ihrer Söhne noch stärker belastet und scheinen zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu meiden.

Für die Nachwuchssuche ist es fünf vor zwölf
Wenn Knabenchöre längerfristig keine Möglichkeit haben, Nachwuchs in den unteren Chorgruppen zu finden und Kinder zu begeistern, werden große Konzerte wie Bachs Matthäuspassion oder Weihnachtsoratorium sowie Mozarts Requiem in näherer Zukunft nicht mehr von Knabenchören interpretiert werden können. Auch berühmte Knabenpartien wie beispielsweise die drei Knaben in Mozarts Zauberflöte können dann an großen Häusern wie der Bayerischen Staatsoper, der Dresdner Semperoper oder der Staatsoper Unter den Linden nicht mehr regelmäßig mit Knabenstimmen besetzt sein.

Singen bildet Persönlichkeit
Bis ein Knabe abendfüllende Konzerte singen kann, durchläuft er eine anspruchsvolle mehrjährige Ausbildung bis zur Aufnahme in die Konzertchöre. Abhängig von der jeweiligen Bildungseinrichtung beginnen die Kinder im (Vor-)Schulalter oder zu Beginn der weiterführenden Schule mit ihrer sängerischen Ausbildung. Erst nah am Stimmbruch sind die Knaben in der Lage, die ganz großen Werke bzw. Partien zu singen. Das Singen in einem Knabenchor fördert die persönliche Begabung der Jungen, schärft die Sozialkompetenz und legt den Grundstein für eine mögliche spätere Musikerkarriere. Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen gehören zum Handwerkszeug eines jeden Sängerknaben. Die intensive Ausbildung der Knaben mündet in der Teilnahme an Tourneen in Europa und weltweit sowie an Konzerten in der Hamburger Elbphilharmonie, Concertgebouw Amsterdam, dem Wiener Musikverein oder der Carnegie Hall, um nur einige zu nennen.

#KulturGutKnabenchor
Die Nachwuchssicherung ist ein integraler Bestandteil zum Fortbestehen der Knabenchöre. Um das derzeitig hohe Niveau auch langfristig halten zu können, will die Initiative #KulturGutKnabenchor Knaben für das Chorsingen begeistern. Konzertchöre mit ausgebildeten Frauenstimmen, wie beispielsweise dem Chor des Bayerischen Rundfunks, können bereits während des Abklingens der Pandemie, spätestens aber mit dem Ende der Pandemie ihre Konzerttätigkeit in der gewohnten Qualität wieder aufnehmen. Knabenchöre bekommen schon jetzt die Folgen der Pandemie zu spüren.

Die erschwerte Nachwuchsfindung verringert die Zahl der Neuzugänge in den niedrigeren Chorstufen. Jüngere Knaben lernen in der Regel von den älteren Knaben und werden vorsichtig an die große Bühne herangeführt. Da der Stimmbruch aber immer früher einsetzt und jüngere Knaben nicht in gewohnter Stärke nachrücken, fehlen erfahrene Sänger, das wichtige Lernen voneinander kommt zu kurz. Diese entstehende Lücke bedroht die kontinuierliche Ausbildungsstrategie der Chöre. In einigen Jahren werden weniger gut ausgebildete Knaben in den Konzertchören singen, die hohe Qualität der Chöre wird leiden. Die Konsequenz: Mit den jungen Kindern, die in den ersten Jahren nach der Krise den Weg zu den Chören finden, muss eine komplett neue Aufbauarbeit in der mehrjährigen Grundlagenausbildung geleistet werden. Nun gilt es, diese existenzbedrohende Lücke möglichst klein zu halten oder gar ganz zu schließen und unter #KulturGutKnabenchor auf die Lage aufmerksam zu machen.

Was bisher geschah – ein von langer Hand geplanter Aktionstag geht viral
Bereits zum Ende der Sommerferien 2020 taten sich die Konzertmanager der Augsburger Domsingknaben, der Regensburger Domspatzen, des Tölzer Knabenchors und des Windsbacher Knabenchors zusammen, um sich gemeinsam für eine gezielte Nachwuchsfindung stark zu machen. Der erste coronabedingte Lockdown im Frühjahr sowie die eingeschränkten Möglichkeiten danach hatten es vielen Chören unmöglich gemacht, im gewohnten Maße Nachwuchsfindung zu betreiben. Deshalb planten die Knabenchöre eine Nachwuchsoffensive mit der Botschaft „Viva la musica“! Schnell wurde jedoch klar, dass der Nachwuchsmangel im Schuljahr 2020/21 nicht ein rein lokales oder gar bayerisches Phänomen ist, und so entschlossen sich die vier Chöre, den Aktionstag auf den gesamten deutschsprachigen Raum auszuweiten. Als erste gemeinsame Aktion war eine unangekündigte Präsenz der Chöre in Fußgängerzonen, auf öffentlichen Plätzen, vor Kirchen oder in Museen am 14. November 2020 um 11:55 Uhr geplant.

Die Resonanz, die diese Initiative auslöste, ist äußerst vielversprechend. Die Vielfalt der Knabenchöre im deutschsprachigen Raum erwies sich als überwältigend, im wahrsten Sinne des Wortes ein Kulturgut. Nach und nach schlossen sich 41 weitere Knabenchöre der Initiative #KulturGutKnabenchor an, um gemeinsam für Nachwuchs zu werben. An verschiedensten Orten wurden originelle Auftritte geplant, um Kinder und Familien fürs Singen zu begeistern und potenzielle Nachwuchssänger anzusprechen. Der Knabenchor der Chorakademie Dortmund hatte bereits die Genehmigung für einen Auftritt im Deutschen Fußballmuseum hatte, der Stadtsingechor zu Halle, plante einen Auftritt an drei verschiedenen Orten in Halle. Für den Mozartchor Wien stand als Auftrittsort das Mozarthaus Vienna fest, ehe die Corona-Ampel auf Rot schaltete und damit das Singen verbot. Der Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart wollte am Schlossplatz in Stuttgart auftreten, jetzt sind dort nicht einmal mehr Proben möglich. Der Windsbacher Knabenchor hatte vor, vor der Nürnberger Lorenzkirche zu singen, die Augsburger Domsingknaben am Rathausplatz, die Regensburger Domspatzen auf dem Domplatz, die Münchner Chorbuben am Stachus und der Tölzer Knabenchor in einer großartigen Aktion direkt vor der Bayerischen Staatsoper in München um nur einige der vielen Auftritte zu nennen.

Die enorme Vielfalt an Auftrittsvorhaben kann nun leider nicht mehr umgesetzt werden. Die Presse sollte bereits Anfang November regional wie überregional zu den Live-Events eingeladen werden. Nun verlagert sich der Aktionstag ins Netz und geht viral, weswegen wir auch erst kurzfristiger auf das Event aufmerksam machen. Die Knabenchöre zeigen mit ihrem Schulterschluss, dass sie auch in schwierigsten Zeiten um Solidarität und Durchhaltevermögen bemüht sind, gemeinsames Engagement und Freude am Singen fördern und Nachwuchs gewinnen wollen.

Weiterführende Informationen zur diesem einzigartigen Zusammenschluss einer gesamten musikalischen Szene, zur aktuellen Aktion bzw. zu möglichen zukünftigen klangkörperübergreifenden Aktivitäten der Knabenchöre dieser grenzübergreifenden Kooperation finden Sie auch unter www.kulturgutknabenchor.de

Für Hörfunk und TV steht das Video unter folgendem Link zur Verfügung: drive.google.com/file/d/1jXDXPlAEV6m2_MibCEvIrOJG-oRvqh97/view?usp=sharing
Die Premiere bei Facebook: https://www.facebook.com/chorakademie.dortmund

 

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