Ein Spitzen-Objekt des Monats: MKK zeigt kostbare „Berthe“ für die Dame von Welt

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Berthe“ aus Nadelspitze; Point de Venise, Leinen, Anfang 20. Jahrhundert, verm. Belgien, aus dem Nachlass der Spitzenmanufaktur Louis Franke Wiesbaden - Brüssel, (Foto: MKK)

Eine so genannte Berthe aus dem frühen 20. Jahrhundert ist das Objekt des Monats im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK). Ausgestellt ist sie im „Bremer Saal“ in der dritten Etage des Museums. Der Eintritt in die Dauerausstellung ist frei.

Als „Berthen“ wurden die großen Ausschnittumrahmungen an Ballkleidern um 1830 bezeichnet. Generationen von Frauen haben sie getragen, wobei sich die modische Form änderte. Zunächst aus feinen Stoffen, verziert mit Bändern, Rüschen, Stickereien und Spitzen, waren sie um 1900 ganz aus Spitze gefertigt. Die teuersten Berthen waren Luxusobjekte aus verschiedenen Nadelspitzenarten mit Preisen von 135 bis 475 Goldmark. Berthen waren nur leicht mit dem Kleid verbunden, auswechselbar, vielseitig, modisch und hoch elegant. Sie konnten vielfältig dekoriert werden, einfach rund, jabotartig mittig oder seitwärts fallend, als Bolero, passend zum viereckigen Ausschnitt.

Das Objekt des Monats stammt aus der Spitzenmanufaktur Louis Franke, Wiesbaden – Brüssel. Es ist aus Venezianischer Nadelspitze gearbeitet. Mit einer Breite von fast 20 Zentimetern ist es ein prächtiges, aufwändiges modisches Beiwerk, das den Wohlstand der vermutlich noblen Trägerin zum Ausdruck brachte. Venezianische Spitzen, deren Blütezeit im Barock lag, erlebten um 1900 im Historismus eine Renaissance. In Frankes Angebot befanden sich Venezianische Spitzen unterschiedlicher Qualität, von einfachen Besätzen bis hin zu einem derartigen kostbaren Kragen zur Verzierung einer Abendrobe.

Die Blütezeit der Spitzen-Manufaktur Louis Franke fiel in die Zeit zwischen 1890 und 1914. Wiesbaden entwickelte sich um die Jahrhundertwende zu einer der elegantesten und mondänsten Kurstädte. Das Frankesche Geschäft befand sich im Zentrum des Weltbades. Kaiser Wilhelm II. reiste jährlich hierher, während die Kaiserin und ihr Hof in Bad Homburg vor der Höh weilten. Dort betrieb Franke eine Filiale.

Das Unternehmen vermarktete sich regional und überregional gut mit attraktiven Angebotskatalogen und Werbeprospekten sowie auf Ausstellungen und Messen, woraus Anerkennungen und sieben Diplome als Hoflieferant für in- und ausländische Hoheiten resultierten. Das Angebot war weit gefächert und entsprach dem Geschmack der höfischen und mondänen Gesellschaft. Frankes Kundschaft war die sozial führende Schicht, die die sinnlichen Reize der handgearbeiteten Spitze und ihren Hauch des Besonderen noch zu schätzen wusste, die sich mit diesem kostbaren Luxusgut gesellschaftlich positionierte und für die die Spitzenobjekte durch ihre Kennerschaft zunehmend zu einem Kunst- und Sammelgut wurden. Als Spitzenhändler und -manufakteur hatte Louis Franke im Deutschland der Kaiserzeit vermutlich eine Monopolstellung inne.

Der Nachlass der Manufaktur Franke kam im Zuge der Ausstellung „Spitze – Luxus zwischen Tradition und Avantgarde“ im Jahr 1995 ans MKK. Er besteht aus Spitzen und Firmenunterlagen und ist als materielles Kulturerbe auf nationaler, vielleicht sogar europäischer Ebene einzigartig. Derzeit bemüht sich das MKK um ein umfassendes Forschungs- und Restaurierungsprojekt zur Erschließung des Nachlasses.

In der der Ausstellung sind neben der Berthe drei Fächerblätter in verschiedenen Techniken und Ausführungen aus dem Nachlass Franke zu sehen. Eine Station der Ausstellung „Mein Dortmund“ vermittelt darüber hinaus Einblick in die Vielfalt des Firmennachlasses der Spitzenmanufaktur.

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