Wie Beruhigungstabletten zum Problem werden können

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Angst ist in vielen Lebenssituationen angemessen. Gesunde Angst hat vielen von uns schon das Leben gerettet. Oft vermeiden wir aus Angst gefährliche Orte oder unterlassen gefährliche Handlungen. Andererseits kann sich Angst auch verselbstständigen. Dann wird sie schon bei geringeren Anlässen so groß, dass wir nicht mehr frei entscheiden können und in unserem Handlungsspielraum zunehmend eingeengt werden.

In Einzelfällen kann eine regelrechte Angsterkrankung stehen, die psychotherapeutisch behandelt werden sollte. Unabhängig davon, wie ausgeprägt die Angst nun ist – Beruhigungstabletten entlasten den Betroffenen zuverlässig und schnell von jeglicher ängstlicher Anspannung. Diese Medikamente gehören ganz überwiegend zur chemischen Gruppe der Benzodiazepine. Sie werden in großen Mengen über die Apotheken verkauft, wobei es sehr viele verschiedene Fertigarzneimittel mit den unterschiedlichsten Namen gibt. Es empfiehlt sich, auf der Packung nach der chemischen Bezeichnung des Arzneimittels zu sehen: Lorazepam, Oxazepam, Diazepam, Flunitrazepam, Nitrazepam – die Wortendung -azepam verrät, dass wir es mit einem Benzodiazepin zu tun haben.

Die Pharmaindustrie hat mittlerweile Arzneimittel entwickelt, die chemisch kein Benzodiazepin sind, aber im Organismus wie ein Benzodiazepin wirken: Zolpidem, Zoplicon und andere. Sie machen die Situation für Patienten und Ärzte unübersichtlicher, haben sie doch ein gleiches Abhängigkeitspotenzial wie Benzodiazepine. Da die angstlösende Wirkung nach Einnahme einer solchen Tablette rasch eintritt, verwundert es nicht, dass diese Medikamente abhängig machen. Je öfter ein Mensch die Erfahrung macht, dass sich jegliche Angst durch die Einnahme eines solchen Medikamentes rasch und vollständig beseitigen lässt, desto größer ist die Gefahr, dass er abhängig wird. In anderen Fällen werden die Beruhigungstabletten genommen, um Anspannung und Stress zu mindern oder um abends zuverlässig einschlafen zu können.

Die Betroffenen könnten die Entwicklung einer Abhängigkeit daran bemerken, dass sie immer regelmäßiger nach Benzodiazepinen greifen, dass die Menge der eingenommenen Tabletten gesteigert wird oder dass die Tabletten eingenommen werden, obwohl die Einnahme oft schläfrig und geistesabwesend macht. Entwickelt sich eine Abhängigkeit, werden die Medikamente weiter genommen, obwohl man oft nicht mehr allen Aufgaben seines Alltages gerecht werden kann. Mit zunehmender Abhängigkeitsentwicklung wächst die Sorge, die Tabletten könnten einem ausgehen. Die Medikamente werden dann über verschiedene Quellen besorgt und kleine „Sicherheitsvorräte“ angelegt.

Diese Veränderungen sich selbst einzugestehen, fällt den Betroffenen schwer. Nicht selten sind es die Angehörigen, die die oben genannten Warnzeichen wahrnehmen. Sie tun gut daran, dieses Problem dem Erkrankten gegenüber anzusprechen und ihn zu ermutigen, sich damit in Behandlung zu begeben. In der LWL-Klinik in Dortmund Aplerbeck gibt es jeden Werktag von 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr eine offene Sprechstunde, in der sich Betroffene und/oder Angehörige in derartigen Problemlagen ohne vorherige Anmeldung freibleibend ambulant behandeln lassen können. Nur wenn es erforderlich ist, wird dort eine stationäre Entzugsbehandlung oder auch eine medizinische Rehabilitation Sucht (Entwöhnung) empfohlen und dann gerne auch direkt in die Wege geleitet.

Leider gibt es jedoch hierzulande Ärzte, die trotz der deutlichen Warnung der Ärztekammer Westfalen Lippe zu unkritisch diese Medikamente verschreiben. Meine Empfehlung: Machen Sie sich selbst zum Experten Ihrer Gesundheit und der Gesundheit Ihrer Angehörigen. Wenn wegen Angst, Stress oder Schlafstörungen Benzodiazepine regelmäßig und in steigender Dosis genommen werden, ist dies ein ernstes Gesundheitsproblem. Die Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenverkehr erlischt und ältere Leute neigen zu Stürzen und Oberschenkelhalsfrakturen. Die kleinen Helferchen sind also keine Kleinigkeit und es gibt insbesondere hier im Westfälischen Ruhrgebiet gute Möglichkeiten, dieses Problem hinter sich zu lassen.

PD Dr. med. Gerhard Reymann
Telefon: 0231-45 03 2777
E-Mail: gerhard.reymann@lwl.org

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