Ohne ärztliche und physiotherapeutische Betreuung funktioniert kein Leistungssport

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Die Trainerteams der Beachhandball-Nationalmannschaften setzten sich in Polen mit Delegationsleiter Jens Pfänder, Teamkoordinator Alexander Gehrer, Mannschaftsarzt Dr. Florian Dreyer sowie dem Physioteam Christina Stracke (2. v. r.; Männer) und Franziska Stadler (Frauen) zusammen. (Foto: Julia Nikoleit)

Interview der IN-Stadtmagazine mit Christina Stracke, Physiotherapeutin beim Deutschen Handball Bund:

Höchstgeschwindigkeiten von mehr als 35 Kilometern pro Stunde, Laufstrecken von bis zu 11 Kilometern in 90 Spielminuten – der Profifußball hat sich auf ein extrem hohes sportliches Niveau entwickelt. Und der Amateursportler zieht im Zuge moderner Trainingsmethoden und ambitionierter Ziele der Profis nach. Aber auch beim knallharten Handballsport wird intensives Zweikampfverhalten mit viel Körperkontakt eingefordert.

Als erfahrene Physiotherapeutin genießt Christina Stracke einen tiefen Einblick in die Welt des Handball- und Fußballsports. So begleitete sie im vergangenen Jahr die australischen Beachhandball-Nationalteams der Damen und Herren auf ihrem Weg zur WM in Russland. Erst diesen Sommer gehörte Christina Stracke bei der Beachhandball EM in Polen dem fünfköpfigen Betreuerstab der Deutschen Beachhandball-Nationalmannschaften an.

Probleme mit der Wurfhand – jetzt ist Christina Stracke gefragt (Foto: privat)

Als Chef-Physiotherapeutin und Geschäftsführerin des Sportmedizinischen Instituts in Dortmund (SMIDO) beschäftigt sich Christina Stracke gemeinsam mit Geschäftsführer und Sportwissenschaftler Dominik Gloszat sowie einem fast 40-köpfigen Team aus Physiotherapeuten, Sportwissenschaftlern und Sportlehrern mit der stationären und ambulanten Versorgung von Patienten, Leistungs- und Breitensportlern, ganzheitlichen Therapien sowie Prävention und Rehabilitation.

Sowohl die Frauen des Handball-Bundesligisten Borussia Dortmund als auch die Jungs in den Nachwuchs-Teams des BVB schätzen hinsichtlich der Leistungsdiagnostik das medizinische Wissen und die Betreuung der SMIDO-Fachkräfte in unmittelbarer Nähe des BVB-Trainingszentrums.

REDAKTION: Warum ist das Verletzungsrisiko beim Fußball so hoch?

CHRISTINA STRACKE: Fußball ist statistisch gesehen die verletzungsanfälligste Sportart. Die Gründe liegen in der hohen Spielgeschwindigkeit, in äußerst körperbetonten Zweikämpfen und dem daraus resultierenden häufigen Foulspiel.

REDAKTION: Welche Verletzungen sind am häufigsten zu beklagen?

CHRISTINA STRACKE: Am meisten betroffen sind laut Statistik Sprunggelenke und Knie.

REDAKTION: Für welche Art von Verletzungen sind Handballspieler/innen besonders anfällig?

Spielszene aus der EM-Partie Deutschland gegen Türkei in Polen (Foto: privat)

CHRISTINA STRACKE: Zu Sprunggelenk- und Knieverletzungen kommen beim Handball noch relativ häufig Schulterverletzungen hinzu.

REDAKTION: Sport am Strand unter blauem Himmel macht besonders viel Spaß. Dürfen z. B. Beachhandballer/innen auf weichem Sand mit einem geringeren Verletzungsrisiko rechnen?

CHRISTINA STRACKE: Oha, auch Sand kann hart sein – Beachhandball aber ist im Vergleich zum Hallenhandball eine ganz andere Sportart. Beachhandball ist ein spannendes, aber dennoch fast körperloses Spiel – ich darf meinen Gegner nicht einmal anfassen. In der Halle wird wirklich mal ein Gegenspieler „aus der Luft gepflückt“, was sicher auch ein Foul ist, beim Beachhandball gibt es den Kontakt zwischen Abwehr- oder Angriffsspieler in dieser Form nicht. Man darf einen Block stellen, sich leidenschaftlich in den Weg werfen, sobald aber der Angreifer vorbei ist, darf man nicht mehr einschreiten. Dementsprechend ist das Verletzungsrisiko beim Beachhandball weniger hoch.

REDAKTION: Erst kürzlich waren Sie bei der Beachhandball EM in Polen im Einsatz …

CHRISTINA STRACKE: Ja, mein zweiter internationaler Einsatz hat mir Riesenspaß bereitet. Unsere medizinische Abteilung ist während des Turniers täglich bis zu 16 Stunden für die Spielerinnen und Spieler im Einsatz. Es ist immer eine tolle Erfahrung, im Ausland mit dabei zu sein und auf andere Nationen zu treffen. Die besonders lockere Atmosphäre beim Beachhandball ermöglicht es, schnell Freundschaften zu knüpfen. Die deutschen Männer sind definitiv wieder an der Weltspitze dran, bei der EM in Polen aber leider nur auf dem 6. Platz gelandet. Platz 5 hätte die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Italien bedeutet, ein Nachrücken ist aber noch möglich.

REDAKTION: Teamwork stand dabei im Vordergrund …

CHRISTINA STRACKE: Absolut, es gibt für das Frauen- und Herren-Team jeweils einen Physio – in unserem Falle halt zwei Mädels, Franziska Stadler und mich. Beide Mannschaften werden intensiv von unserem Arzt Dr. Florian Dreyer betreut, so dass wir in der medizinischen Abteilung dann zu dritt sind und ein optimales, professionelles Arbeiten im Team gewährleisten können.

REDAKTION: Der Beachhandball träumt von Olympia?

CHRISTINA STRACKE: Ja – und Christina Stracke träumt mit (lacht). 2020 wird entschieden, ob die aufstrebende Sportart 2024 in Paris olympisch wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, dann käme richtig Drive in die Sache. Für unser leidenschaftliches Team ginge ein Riesentraum in Erfüllung – wie auch für mich! Wie beim Beachvolleyball kocht auch beim Beachhandball die Stimmung richtig hoch, es ist immer Musik an, der athletische Sport ist an Coolness kaum zu überbieten.

REDAKTION: Warum ist der Spannungs- und Spaßfaktor beim Beachhandball so hoch?

CHRISTINA STRACKE: Statt den Ball zu prellen, ist hier temporeiches Direktspiel gefragt. Dabei darf der ballführende Spieler aber auch, wie in der Halle, nur drei Schritte mit dem Ball machen, bevor er ihn abspielen oder auf das Tor werfen muss. Somit ist Beachhandball hinsichtlich Tempo und Dynamik noch intensiver als sein Pendant aus der Halle. Der Clou: Ein Spieler erzielt 2 Punkte, wenn er ein Tor nach einer akrobatischen Pirouette (Spin-Shoot) geworfen hat. 2 Punkte erhält auch, wer einen Treffer nach dem handballerischen Geniestreich „Kempa-Trick“ erzielt. Das Spiel ist taktisch hochinteressant, dennoch für Laien schnell zu verstehen. Übrigens: Erzielt der Torhüter ein Tor, zählt dieses auch 2 Punkte.

REDAKTION: Wer hat am Ende gewonnen?

Beide Halbzeiten werden getrennt gezählt. Will ich das Spiel glatt gewinnen, muss ein Team beide Halbzeiten gewinnen (2:0). Endet eine Halbzeit unentschieden, so wird diese per Golden Goal entschieden. Gewinnt jedes Team eine Halbzeit, geht es direkt in das dramatische Shootout (Penalty-Werfen). Wer dieses gewinnt, gewinnt das Match. Also selbst, wenn man eine Halbzeit klar verliert, bleibt es spannend, da man immer noch die zweite Halbzeit gewinnen und somit den Gegner ins Shootout zwingen kann.

REDAKTION: Zurück zum Verletzungsrisiko: Lässt sich dieses durch Prävention verringern?

CHRISTINA STRACKE: Eindeutig: ja! Sicherlich kann man ein Foul vom Gegner nicht beeinflussen. Es ist aber so, dass man als Leistungssportler auf Belastungen immer optimal vorbereitet sein sollte. Mittlerweile gibt es viele Präventionsprogramme, die in die Saisonvorbereitungen eingebunden werden können.

REDAKTION: Welche Tipps können Sie Freizeitsportler/innen mit auf den Weg geben?

CHRISTINA STRACKE: Bitte mit einem ordentlichen Warm-up starten! Nur 3 Mal den Arm kreisen lassen oder mit dem Ball ein paar Meter umhertraben – das reicht definitiv nicht! Ich nenne das jetzt mal böse „Thekenmannschaften-Warm-up“. Es ist leider häufig so, dass das Warmmachen als uncool betrachtet wird. Sinn des Warmmachens ist es, dass man anschließend fühlt, seinen gesamten Körper im Spiel ohne Risiko einsetzen zu können. Beim Hallensport z. B. sind mindestens 20 Minuten Warm-up unabdingbar. Das Dehnen sollte unbedingt in das Warm-up mit einbezogen werden. Ich empfehle eine 5-10 minütiges Dehnprogramm für die wichtigsten Muskelgruppen. Anschließend sollte man eine kleine explosive Einheit oder kurze Bewegungssequenzen hinten dranhängen. Bei allen Laufsportarten ist es zudem unerlässlich, auf vernünftiges Schuhwerk zu achten.

REDAKTION: Vielen Dank, Frau Stracke, für dieses Gespräch!

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