Interview mit Ralf Novy vom Pflegedienst Ovital

0
37

Ralf Novy ist Gründer und Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Ovital Pflege in Dortmund und Hagen.
 
Obwohl der Schutz vor einer Infektion im Vordergrund steht, wünscht sich Ralf Novy Lockerungen bei den Besuchsverboten von älteren Menschen. Denn: „Nicht nur ein Virus, auch Einsamkeit macht krank – gerade alte Menschen. Sie fühlen sich durch die sozialen Distanzregeln eingesperrt.“

Herr Novy, wir befinden uns seit 6 Wochen in der Krise. Was hat sich im Alltag des Ovital Pflegedienstes verändert?
Die größten Veränderungen sind, dass wir neben den Schutzmaßnahmen, die wir ergreifen müssen, auch viele Schulungen zum Thema Hygiene machen, z. B. wie man Handschutz- und Mundschutzmaßnahmen während der Pflege anwendet.

Wir vermeiden derzeit auch den Kontakt zur Laufkundschaft, das heißt, wir bitten darum, uns derzeit nicht an unseren Standorten in Dortmund und Hagen zu besuchen. Wir haben eine Gymnastik- und Gedächtnistraining-Gruppe, die seit den Ausgangsbeschränkungen pausiert und erhalten regelmäßig Nachfragen, wann es endlich wieder losgeht.

Wir haben im Haus Händedesinfektionsbehälter montiert, und versuchen auch unter den Mitarbeiterinnen den Mindestabstand zu halten. Dort, wo wir normalerweise Kaffee trinken und frühstücken, halten wir uns nur so lange auf, wie es unbedingt nötig ist. Wir haben unsere Mitarbeiterinnen im Büro durch Spuckschutz geschützt. Alles, was man berührt, wie Türgriffe, Waschbecken, Wasserhähne, Fußböden wird mit Desinfektionsmitteln jeden Tag gereinigt.

Wir klären auch über das Virus auf und fassen die wichtigsten Informationen zusammen, weil wir in den Medien mit Informationen überladen werden. Da sind ständige Gespräche und Fortbildungen nötig, damit unsere Kunden und Mitarbeiter vernünftig informiert sind.

Wie stelle ich mir den Pflegebesuch bei einem älteren Menschen derzeit vor?
Unsere Mitarbeiter tragen Mundschutzmasken, vorwiegend unsere selbstgenähten, wenn sie die KlientInnen besuchen. Jede Mitarbeiterin hat mehrere Masken, damit sie regelmäßig gewaschen werden können. Die Masken sind bunt, damit die Angst vor der Vermummung genommen wird. Viele lachen auch, wenn sie unsere Superman und Kinderbagger-Motive sehen.

Unsere Kunden brauchen keine Masken, es sei denn, sie wurden unter Quarantäne gestellt. Wenn ein pflegebedürftiger Mensch positiv auf das Coronavirus getestet wurde, dann bekommen wir Unterstützung von den städtischen Behörden. Wir erhalten dann FFP2 Masken, deren Filter gegen eine Tröpfcheninfektion gut schützen. Natürlich entsorgen wir dann die verwendeten Handschuhe, waschen die Hände – das volle Programm. Wir stellen dann auch eine eigene Tour zusammen, wo ausschließlich Covid-19 Verdachtsfälle oder am Virus Erkrankte betreut werden.
 
Oft fällt die Frage, warum ältere Menschen von ihren Familien nicht besucht werden sollen, wo sie doch auch von Pflegern besucht werden?
Wir ergreifen Maßnahmen, das ist bei den Angehörigen nicht sichergestellt. Das Problem ist, wenn ein Angehöriger in der Kontaktkette erkrankt, ist es schwer nachzuvollziehen, von wem das Virus kommt und mit wem jede/r Kontakt hatte.

Wie ist die Stimmung unter den älteren Menschen, die Sie betreuen? Wie gehen die Menschen mit der sozialen Distanz/sozialen Isolierung um?
Die sind in erster Linie traurig und betroffen. Man muss gucken, was man machen kann, um möglichst viele soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Viele können Videocalls machen, wie Skypen, Whatsappen, Facetimen oder einfach telefonieren. Wir haben Telefongruppen eingerichtet, wo Patienten, die sich regelmäßig in Gymnastikgruppen treffen, miteinander telefonieren können, damit der soziale Kontakt nicht vollständig abreißt. Das sind ja Freundschaften, die sich entwickelt haben. Die Menschen kommen ja nicht nur zum Turnen, man unterhält sich, trinkt Kaffee zusammen. Das wird auch gut angenommen, die Leute telefonieren sehr häufig untereinander.
 
Was fehlt den Leuten am meisten?
Einerseits ist es der Besuch der Familie, anderseits fehlt die Routine. Wir begleiten ja viele unserer Kunden zum Einkaufen oder zum Arzt. Der Besuch beim Arzt ist für viele eine Form von sozialem Kontakt.

Es gibt viele, die im Internet unterwegs sind. Fast alle haben moderne Handys. Wenn man ihnen das zeigt, können sie mit den Kindern und Enkeln telefonieren und Videocalls machen. Der eine oder andere konnte das schon vor der Krise, aber vielen zeigen wir das. Wir haben ja viel Kontakt zu den Angehörigen, d.h. meine MitarbeiterInnen erklären die Anwendungen den älteren Menschen.

Da unsere Kundinnen unter Kontaktarmut leiden, verbringen unsere MitarbeiterInnen mehr Zeit als üblich mit unseren Kundinnen, wo man mal eine Tasse Kaffee gemeinsam trinkt, plaudert oder eben bei der digitalen Vernetzung mit der Familie hilft.
 
Wie halten die SeniorInnen den Kontakt zu ihren Familien aufrecht? Was erzählen die Leute Ihrem Personal?
Das Problem ist, dass die Angehörigen nicht unbedingt in der Nähe der pflegebedürftigen Menschen wohnen. Es gibt auch welche, die einen ganz anderen Weg gewählt haben. Die sind in dieser Zeit zu ihrer Mutter oder ihrem Vater gezogen. Und übernehme einen Teil der Versorgung. Diese Versorgung wird bei uns dann abbestellt, weil sie das innerhalb der Familie selber organisieren. Das finden wir cool, das kann aber nicht jeder leisten, weil die Kinder irgendwann in ihr Leben zurückkehren müssen.

Was hat die Krise in Ihrem Betrieb verändert?
Wir versuchen zu helfen, wo wir können. Es gibt einen älteren Menschen, der vom Sozialamt abhängig ist, der wird von uns mit Lebensmitteln versorgt. Wir haben gehört, dass er seinen Fernseher verkaufen wollte, weil er sich das Essen nicht mehr leisten konnte.

Unsere Mitarbeiter spenden auch immer wieder Geld; das hat mir gezeigt, dass viele bereit sind, über ihre Grenzen zu gehen. Wir haben uns in unserem Stadtteil an Aktionen beteiligt. Wir haben eine Mauer eingerichtet, an der Lebensmitteltüten und Gebrauchsgüter für bedürftige Menschen aufgehängt werden. Menschen können dort ihren Hilferuf antackern und wer möchte, kann das besorgen und damit helfen.

Wir kaufen Desinfektionsmittel, die derzeit viel teuer als sonst sind, und verwenden sie nicht nur selber, sondern spenden sie auch an Arztpraxen und sagen „bevor ihr nicht weiterarbeiten könnt, helfen wir euch“.

Derzeit klatschen die Menschen für Helfer, die sich um das Wohl und die Verpflegung unserer Gesellschaft kümmern. Wird das Ansehen des Pflegeberufs dadurch gestärkt?
Ich bin schon viele Jahre in der Pflege tätig. Ich kämpfe schon lange für das Standing der Pflege in der Öffentlichkeit. Mit Babyschritten ist das Ansehen des Pflegeberufs schon besser geworden. Das jüngste Beispiel ist, dass Pflege endlich auch als Studienfach zur Verfügung steht. In Medien wird nun kommuniziert, dass neben Polizei und Feuerwehr auch die Pflegekräfte von besonderem Wert in der Gesellschaft sind. Das wird hoffentlich nachhaltige Wirkung erzielen.
 
Wie kann man den Pflegeberuf attraktiver machen? Durch bessere Bezahlung?
Bei der Bezahlung gibt es verschiedene Herangehensweisen. Der Kunde kann mehr bezahlen oder der Kostenträger kann mehr bezahlen. Unsere Materialien kosten derzeit 300x so viel wie normalerweise. Das können wir als Unternehmen gar nicht auffangen, da brauchen wir Hilfe vom Staat. Aber langfristig muss sich die Regierung überlegen, wie unsere MitarbeiterInnen besser entlohnt werden, damit mehr Leute in diesem Beruf arbeiten wollen. Die Preise auf die KonsumentInnen umzulegen, ist kaum vorstellbar.

Ich finde Aktionen, wie von Autotuner JP Kraemer toll, der erklärte, dass sein Team von JP Performance Personen, die im Pflegebereich und medizinischen Bereich arbeiten und täglich den Gefahren des Coronavirus ausgesetzt sind, das Auto gratis servicieren. Das ist ein schönes Zeichen dafür, welchen Stellenwert die Pflege derzeit hat.
 
Was wird nach der Coronakrise anders als vorher sein?  Wie wird sich das Leben für Ihre KundInnen verändern?
Schwierige Frage. Die Einschränkungen werden bald gelockert. Für mich stellt sich die Frage, wie vernünftig wir als BürgerInnen mit den Lockerungen umgehen werden. Wird eine gesunde Distanz zwischen den Menschen bleiben? Ein Bundesligaspiel ohne Zuschauer, da sollte jeder Fan zustimmen, auch wenn’s schwerfällt. Ich bin ja selber ein Fußballfan und halte das aus. Auch andere Großveranstaltungen sollte es in diesem Jahr nicht geben. In kleinerem Rahmen sollte man aber seine Angehörigen unbedingt besuchen können. Unsere Enkel wachsen mit einer Angst vor Pandemien auf. Der Zwang auf Distanz hat die Gesellschaft verändert. Wir werden dieses Coronavirus wohl so schnell nicht aus unseren Köpfen kriegen.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
500