Depression im Alter (Kolumne)

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Viele Menschen verherrlichen heute einen hemmungslosen Jugendkult und verdrängen so, dass „Leben“ „Altern“ heißt – vom Augenblick der Zeugung an. In der Vorstellung vieler heißt „Altern“ „Krankheit“, aber darüber wird vergessen, dass viele der älteren Menschen bis ins hohe Alter geistig und körperlich relativ gesund sein können. Die Entwicklung der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter zeigt unterschiedliche Verlaufsformen. Schwerer bewältigt werden Aufgaben, die Abstraktions- und Kombinationsvermögen verlangen. Aber Allgemeinwissen und erfahrungsabhängige Lösungsstrategien bleiben bis ins hohe Alter konstant, ja zeigen sogar teilweise Verbesserungen (Altersweisheit).

Wegen normaler Altersveränderungen steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit, an einer oder mehreren Erkrankungen zu leiden. Depressionen kommen relativ häufig vor, Symptome zeigen sich oft körperlich oder stehen häufig im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen, wie z. B. Angsterkrankungen. Das depressive Syndrom kann auch Ausdruck einer Hirnkrankheit wie z. B. einer Demenz oder einer anderen körperlichen Krankheit sein. Entsprechend müssen die Behandlungsformen gewählt werden. Während meiner 24-jährigen Tätigkeit in der Abteilung Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Dortmund, in der wir bisher Menschen zwischen 60 und 99 Jahren behandelten, haben wir häufig in der Lebensgeschichte der Patienten noch Hinweise auf Schicksalsschläge aus der Kriegszeit gefunden. Z. B. kam es bei einer Patientin nach der Trennung vom alkoholkranken Ehemann zu einer längerfristig bestehenden depressiven Symptomatik. Sie kam als 5-Jährige mit der Kinderlandverschickung auf das Land und wurde nach Kriegsende nicht abgeholt. Sie kam erst als 12-Jährige, nach dem Tod des Vaters im Krieg, wieder zurück. Bisher „griff“ keine Therapie und erst das Ansprechen des möglichen Zusammenhangs brachte eine Entlastung für die Patientin.

Psychotherapie hat sich in verschiedener Form ebenfalls auch bei Älteren bewährt, ein häufiges Thema ist der Verlust des Partners. Hierdurch können lebenslange Trennungsängste oder frühkindliche Verluste aktualisiert werden. Offenkundig kann auch werden, dass lebenslang keine Kompetenzen erworben wurden, selbst sein Leben zu gestalten. Manche denken, das Leben „verpfuscht“ oder „nicht richtig gelebt zu haben“ und „Versäumtes nicht mehr nachholen zu können“.

Der Erfolg einer Therapie hängt davon ab, inwieweit es dem Therapeuten gelingt, zum Patienten eine tragfähige und von Vertrauen geprägte hilfreiche Beziehung herzustellen.

Realistische therapeutische Ziele müssen definiert werden:
• Bewältigung von Kränkun- gen, Trennungen und Verlusten
• Förderung und Wiedererlan- gung von Selbständigkeit und
Eigenverantwortung
• Verbesserung und Vermeh- rung psychosozialer Fähigkeiten
und Fertigkeiten
• Erarbeitung praktischer
Handlungsstrategien
• Aussöhnung mit der Endgültigkeit und Begrenztheit des Lebens

Um leben zu können, müssen wir uns mit unserer Sterblichkeit und unseren Grenzen auseinandersetzen.

Dr. Petra Dlugosch, LWL-Klinik Dortmund,
Chefärztin der Abteilung Gerontopsychiatrie

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