Berufsbild Physiotherapeut – lohnt Ausbildung trotz geringer Vergütung?

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(v.l.) Michaela Rieger, Sharon Hinrichs und Lars Heuer

Nachdem das Berufsbild des Masseurs und medizinischen Bademeisters fast ganz von der Bildfläche verschwunden ist, scheint es demnächst auch dem Gesundheitsberuf des Physiotherapeuten „an den Kragen zu gehen“. Mit einer einheitlich geregelten 3-jährigen schulischen Ausbildung an Berufsfachschulen oder Privatschulen für Physiotherapie erwerben die Auszubildenden einen Abschluss, der hoch anerkannt und in der Mitte unserer Gesellschaft verankert ist. Eigentlich ein guter Grund, den sehr anspruchsvollen Job mit Freude und Zuversicht zu ergreifen. Jedoch wird der wichtige Beitrag der Physiotherapie zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung bei weitem nicht angemessen honoriert.

Grund genug für die Redaktion von Gesund&Fit, diesbezüglich in einer Praxis für Physiotherapie anzufragen.

Der Physiotherapeut und Inhaber der Praxis für Physiotherapie „Fit today“, Lars Heuer, möchte Physiotherapeutinnen und -therapeuten einstellen und vor allem gerecht bezahlen – damit sich die Aufwendungen für ihre Aus- und Fortbildungen am Ende auch wirklich lohnen. „Doch das ist kaum möglich“, prangert Herr Heuer an. Denn während der 3-jährigen Ausbildung werden in der Regel mehr als 400 Euro Gebühren im Monat fällig, Lehrmaterial und Fahrtkosten zu den Praktika und Prüfungsgebühren noch nicht eingerechnet. Ist man dann endlich fertig, so hat man noch keinen Cent in der Tasche, erst werden satte 1.000 Euro für die erste Weiterbildung fällig, ohne die eine Anstellung schwerlich zu Stande kommt. Wer nicht über das nötige Kleingeld von ca. 16.000 Euro verfügt, die die Ausbildung etwa kostet, muss es bei den wenigen staatlichen Schulen versuchen, durch ein Losverfahren einen Platz zu bekommen.

Und nach der Ausbildung? „Berufsanfänger verdienen durchschnittlich gerade einmal 1.800 Euro brutto bei 40 Arbeitsstunden im Monat“, macht Sharon Hinrichs, Physiotherapeutin in der Praxis Fit-today, deutlich. Dabei gibt es in Deutschland kaum Steigerungsmöglichkeiten. „Bedenkt man, dass der Physiotherapeut für eine Behandlung in der Regel nur ganze 15 Euro erhält – und das auch noch nach „gefühlten 50 Fortbildungen“ – wird klar, dass mehr Gehalt für den Angestellten nicht drin ist“, ergänzt Sharon Hinrichs.

Doch es geht auch anders: „Ökotrophologen (Ernährungsberater) beispielsweise erhalten im Verhältnis 1:1 für ein 30-minütiges Beratungsgespräch 30 Euro erstattet, für eine 20-minütige Behandlung eines Physiotherapeuten hingegen gibt es nur 15 Euro – eine Massage schlägt gar nur mit einem Festsatz von gut 10 Euro zu Buche. Hier zahlt der Praxisinhaber noch drauf – ein Umstand, der so nicht sein kann“, schimpft Sekretärin Michaela Rieger aus der Praxis Fit-today. Dabei ist die Qualität des Berufsbildes Physiotherapie in letzten 20 Jahren stark gestiegen und wesentlich wissenschaftlicher geworden, die Vergütungen hingegen wurden äußerst gering angepasst. Zudem sind die Physiotherapeuten dazu verpflichtet, Fortbildungspunkte nachzuweisen, die regelmäßig bei Bildungskursen erworben werden müssen. „Auch diese Kosten bleiben zu 100% beim Physiotherapeuten hängen – eine Wochenendkurs schlägt schnell mit 400 Euro zu Buche, für eine Bobath-Ausbildung müssen über 2.000 Euro aus dem Portemonnaie des Therapeuten fließen. Unmöglich, diese Kosten bei den geringen Einkommen auch nur annähernd zu kompensieren“, macht Lars Heuer deutlich.

Die Berufsverbände
Auf die für den Bereich Physiotherapie zuständigen Berufsverbände ist Lars Heuer nicht so gut zu sprechen: „Sie sprechen keine einheitliche Sprache und machen Lobbyarbeit für die Krankenkasen, nicht für uns Therapeuten.“ „Die gesamte Situation ist rundum verfahren“, fügt Sharon Hinrichs hinzu. „Lokführer und Erzieher können dank starker Gewerkschaften medienwirksam auf Missstände aufmerksam machen, wir stehen nur im Schatten des Rampenlichts und haben keine echte Lobby. Wie wir erfahren haben, hat sich der Verein „Bund vereinter Therapeuten e. V.“ gegründet, um genau auf diese Situation der Physiotherapeuten aufmerksam zu machen.

Falscher Weg
Jetzt in eine Diskussion einzusteigen, die Ausbildung mit finanziellen Anreizen auszustatten – für Lars Heuer der falsche Weg. „Solange die Vergütungssätze für Behandlungen nicht deutlich angehoben werden, kommt der Physiotherapeut auf keinen grünen Zweig. Am Ende müssen Physiotherapeuten in andere Arbeitsbereiche abwandern, da sie von ihrer anspruchsvollen Tätigkeit am Menschen kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können.“

Fazit
Bedingt durch die knappe Budgetierung von Ärzten kann die Therapiebedürftigkeit des einzelnen Patienten nicht voll berücksichtigt werden, denn der behandelnde Arzt ist an die Verordnungsmenge des Heilmittelkataloges gebunden.

Eine adäquate Vergütung des Physiotherapeuten kann zudem so nicht stattfinden.

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