Autismus wird oft erst im Erwachsenenalter erkannt

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Ulrich Zielke, Oberarzt an der LWL-Klinik Dortmund und Leiter der dortigen Autismus-Ambulanz. (Foto: LWL)

Der LWL bietet wohnortnahe Unterstützung für Betroffene: von der Diagnostik bis zur Förderung

Seit Jahren nimmt die Zahl der Menschen zu, bei denen Autismus diagnostiziert wird. Die Unterstützungsbedarfe dieser Menschen sind sehr vielfältig. Aus diesem Grund bieten Experten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) den Betroffenen umfassende Hilfen an: in den Kliniken, Förderschulen und in der LWL-Eingliederungshilfe. „Der LWL legt großen Wert darauf, die Leistungen möglichst wohnortnah und personenzentriert anzubieten“, sagt LWL-Sozialdezernent Matthias Münning.

Menschen mit Autismus können die Eindrücke, die auf sie einströmen, nicht filtern. Ein lautes, hektisches Umfeld sorgt für eine innere Unruhe. Stimmt das Umfeld, können die Erkrankten das Leben genießen und zuverlässige sowie treue Partner oder Mitarbeiter sein. „Die Sensibilität gegenüber Menschen mit Autismus ist in den vergangenen Jahren gewachsen“, so Ulrich Zielke, Oberarzt an der LWL-Klinik Dortmund und Leiter der dortigen Autismus-Ambulanz. Darüber ist er froh: Denn wenn sich die Mitmenschen auf die Betroffenen einstellen, könne das gemeinsame Leben erleichtert werden.

Menschen mit Autismus sind nur eingeschränkt in der Lage, sich flexibel Situationen anzupassen. Insbesondere fällt es ihnen schwer, „zwischen den Zeilen zu lesen“ und zu deuten, was andere Menschen bewegt, so Zielke. Das belastet soziale Kontakte. Autisten neigen zur vermeintlichen Lösung dieses Problems dazu, sehr rigide an Verhaltensritualen festzuhalten. Manchmal fragen sie unermüdlich nach kleinsten Details, um Abläufe verstehen zu können, oder werden aggressiv, wenn sie die Situation überfordert. „Am wichtigsten ist es, offen mit der Erkrankung umzugehen“, sagt Ulrich Zielke seinen Patienten. Nur, wenn Freunde und Kollegen Bescheid wüssten, könnten sie besondere Verhaltensweisen verstehen und auch damit umgehen.

„Dass Autisten anders fühlen als gesunde Menschen, ist ein Gerücht“, sagt Zielke. „Sie können Gefühle nur nicht so gut zeigen und auch nicht so gut wahrnehmen.“ Wer an einer schweren Form des Autismus erkrankt ist, wurde wahrscheinlich schon als Kind beim Arzt vorstellig. Wer nicht auffällig war, wundert sich als Erwachsener, warum er immer wieder massive Probleme am Arbeitsplatz oder in der Familie hat. An Autismus Erkrankte fühlen sich häufig als Versager, werden depressiv oder leiden unter Angststörungen.

Körpersprache und Mimik sowie Ironie und Andeutungen können Autisten nicht deuten. Wichtig für die Betroffenen sind klare Aussagen in Gesprächen. Am Arbeitsplatz sollten eine möglichst reizarme Umgebung und gut planbare, störungsfreie Abläufe gegeben sein. „In der IT-Branche können Menschen mit Autismus gut arbeiten“, sagt Zielke. „Ein richtiger Nerd ist von einem Autisten erstmal nicht zu unterscheiden.“ Doch die Arbeitswelt, die immer hektischer wird, die auf Teamwork setzt und zur Effektivitätssteigerung Computersysteme und Abläufe ändert, sei kräftezehrend für Autisten.

Regelmäßigkeit und Rhythmus sind auch in der Partnerschaft wichtig. „Zärtlichkeit, Flirten und Romantik gibt es nicht. Aber dafür bekommt der Partner Zuverlässigkeit und Treue“, so Zielke.

In vielen Städten gibt es Autismus-Therapie-Zentren, die den Betroffenen konkret weiterhelfen. Diese brauchen aber erst einmal eine ärztliche Diagnose.

Eine Diagnostik wird seit 2014 in der Autismus-Ambulanz der LWL-Klinik Dortmund durchgeführt. Adresse: Marsbruchstraße 179, 44287 Dortmund, Tel. (Ambulanzzentrum): 0231 4503 – 8000, Mail: Anja.Hufnagel@lwl.org.

Weitere NRW-Autismus-Ambulanzen gibt es erst wieder in Aachen und Köln.

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