Wenn das Herz für Dortmund schlägt

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Lea Flechtner (15) erkundet in ihrem BVB-Buch die Seele der Stadt und ihres Vereins; (Foto: IN-StadtMagazine)

Was macht man als 13-Jährige in der Regel, wenn es einem im Urlaub mal so richtig langweilig wird? Ab an die Spielekonsole? Mit Freundinnen chatten? Oder sogar das „gute alte Buch“?
Für diese Variante jedenfalls entschied sich im Sommer 2016 Lea Flechtner – allerdings nicht so, wie man zunächst denken könnte. Das besagte Buch nämlich hat sie nicht gelesen, sondern angefangen zu schreiben.

Nach einem Thema musste Lea dabei nicht lange suchen, wartete ihre Begeisterung für den BVB doch förmlich darauf, in Worte gefasst zu werden. Wenn aber die Schülerin des Bochumer Schiller-Gymnasiums eine neue Aufgabe angeht, dann macht sie’s gründlich. Und in diesem Falle hieß das: Konzept erstellen, Liste der möglichen Kontakte anlegen, Zeitplan ausarbeiten. Ganz schön strukturiert für eine (damals) 13-Jährige! Auf unsere entsprechende verblüffte Nachfrage kann sie sich dann auch das Grinsen nicht verkneifen, und gibt unumwunden zu, wohl seit jeher eine „Planerin“ zu sein.

Aus diesem Plan aus dem Hause Flechtner aber wurde weit mehr als nur eine Strategie, um die Sommerferien zu überstehen. Annähernd anderthalb Jahre Recherche- und Schreibarbeit steckte Lea in ihr Herzensprojekt, und hing anschließend noch einmal sechs Monate für das Layout und die Vermarktung hintendran.

Anfang März 2018 dann war endlich alle Arbeit getan: „Wir sind Dortmund – stolz in der Brust und das Herz auf der Zunge“ heißt das Werk, welches nicht nur aufgrund seines Umfangs von satten 156 Seiten Respekt abnötigt. Logistiktalent Lea nämlich hat nicht einfach nur „irgendein“ Buch über ihren Lieblingsverein geschrieben – vielmehr kombinierte sie Fan-Statements, eigene unvergessliche Erlebnisse, Reflexionen über den BVB und die Region sowie einiges mehr, um einen Eindruck davon einzufangen, was es bedeutet, mit Haut und Haaren an dieser Stadt und ihrem Verein zu hängen. Ein Kind des Ruhrgebiets nämlich ist die Schülerin mit Leib und Seele. Gleichzeitig hat sie den Eindruck, ihrer Generation gehe die Identifikation mit der Heimat immer mehr verloren. „Das Traditionelle wird in meinem Alter nicht mehr so wertgeschätzt“, sagt sie, und klingt dabei eher erstaunt als kritisch.

Diesem Trend möchte ihr Buch entgegenwirken, das sich daher nicht nur Dortmunds bekanntesten Verein und seine Szene zum Thema genommen hat, sondern den Bogen bis zu Identifikationspunkten des öffentlichen Lebens wie Kirchen oder Museen spannt.

Nun besteht bekanntermaßen ja mitunter ein erheblicher Unterschied zwischen „gut“ und „gut gemeint“. Zweifel aber, ob die jugendliche Autorin ihren eigenen Ansprüchen gewachsen ist, erweisen sich schon im Vorwort als ausgesprochen unbegründet. So lebendig und leidenschaftlich taucht Lea Flechtner in ihr Herzensthema ein, dass es jedes Dortmunder Herz wärmen dürfte. Sicherlich nicht die schlechteste Lektüre, die man einem BVB-Neuzugang mit dem neuen Arbeitsvertrag rüberschieben könnte!

Persönliche Gänsehauterlebnisse finden sich in Leas Erstlingswerk ebenso wie etwa eine Art Liebeserklärung an des Fußballfans wichtigstes Kleidungsstück – die Kutte natürlich! – oder ein Portrait von Edel-Fan „Borsti“ alias Fabian Ludwig. Im letzten Drittel ihres Buches dann beweist die Schülerin, dass sie neben Traditionsbewusstsein und schriftstellerischer Begabung noch eine weitere wertvolle Eigenschaft für sich in Anspruch nehmen kann: Lea Flechtner nämlich hat eine Haltung. Aus dieser heraus bezieht sie Stellung sowohl zur Entwicklung der Ticketpreise, der problematischeren Spieler-Fan-Beziehung der jüngsten Vergangenheit sowie zum Thema „Frauen in der aktiven Fanszene“. Ganz offensichtlich hat ein entflammtes Herz wie ihres einfach kein Interesse daran, sich zu verstellen.

Derlei aufrichtige Begeisterung hat, seitdem Lea ihr Buch auf den Markt gebracht hat, selbst schon in der Führungsetage des BVB für Aufmerksamkeit gesorgt. Umso mehr, weil die 15-jährige Bochumerin – unterstützt von ihrer Familie – ein ausgesprochen hartnäckiges Mädchen sein kann. Auch „Aki“ Watzkes Büro antwortete der Schülerin via Email, konnte ihr allerdings mangels freier Zeit keine persönliche Unterstützung zusichern. Mehr Erfolg indes war ihr bei Sebastian Kehl beschieden, der seine Anwesenheit bei einer unter der Südtribüne stattfindenden Lesung von Lea nicht nur persönlich ankündigte, sondern anschließend sein Versprechen auch hielt – und zu allem Überfluss richtig viel Zeit dabeihatte (siehe Extra-Artikel „Heimat ist, sich einfach mal fallen lassen zu können“).

Von der Arbeit an ihrem Buchprojekt, so sagt die Bochumerin, habe sie auch als Person enorm profitiert. Was durchaus als Floskel interpretiert werden könnte, glaubt man ihr aufs Wort. Auch im Angesicht des Stars gibt’s bei Lea kein Wegducken, von flatternden Nerven keine Spur.

Da saß dann also eine 15-Jährige neben dem Chef der aktuellen Lizenzspielerabteilung und fragte so investigativ nach, wie das längst keine Selbstverständlichkeit ist. Der ehemalige Borussen-Käpitän wiederum hörte aufmerksam zu, antwortete gewissenhaft und schaute dabei nicht auf die Uhr – so dass beide an diesem Abend im Grunde für genau einen dieser „BVB-Momente“ sorgten, die den Verein in seinem Innersten zusammenhalten. Und die Lea Flechtner bei ihrem Buchdebüt mit viel Herzblut eingefangen hat.