Von Freundschaften und gefrorenem Wasser – seit 33 Jahren trägt Norbert Dickel den BVB im Herzen

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Unser Redakteur im Gespräch mit Norbert Dickel. (Foto: IN-StadtMagazine)

Insgesamt 13 Borussen tummelten sich am 24. Juni 1989 auf dem Rasen des Olympiastadions, der Titel „Held von Berlin“ allerdings gebührt bekanntermaßen zuallererst ihm. Aber selbst, wenn seine Biografie von einem einzigen Spiel geprägt wurde, wie das nur selten bei Fußballern der Fall ist, gab es für Norbert Dickel doch ein Sportlerleben „vor dem Finale“ – mit gar nicht mal geringem Nutzen für den BVB.

Und auch danach war für den Siegerländer Müßiggang nie eine Option, blieb er sprichwörtlich am Ball und fügte seiner beruflichen Laufbahn noch einige Kapitel hinzu. Für eine abschließende Bilanz ist es wohl noch ein wenig früh – trotzdem blickt der Mann, der als „Nobby“ längst Teil der schwarzgelben DNA geworden ist, im Interview mit uns sowohl ein Stückchen nach vorne als auch zurück.

Redaktion: Feiert Norbert Dickel eigentlich einmal oder zweimal im Jahr Geburtstag?

Norbert Dickel: Nur einmal – aber denkbar wäre es anders auch, das stimmt! Es ist selten, dass ein einziges Ereignis – ein Spiel – das Leben eines Sportlers so nachhaltig beeinflusst hat.

Redaktion: Deswegen vergeht doch bestimmt auch kein Jahr, in dem Ihnen am 24. Juni nicht bewusst wird, dass sich der denkwürdige Tag gerade wieder einmal jährt?

Norbert Dickel: Doch, das kann tatsächlich passieren. Allerdings gibt es immer Freunde, die mich auf das „besondere Datum“ hinweisen, das ist wirklich schön!

Redaktion: Träumen Sie womöglich auch immer noch vom ‘89er-Pokalfinale?

Norbert Dickel: Es gibt viele kleine Anekdoten und Ereignisse, die einen dorthin zurückbringen. Erst gerade bei der Saisoneröffnung wurden Trikots präsentiert – und prompt war meines aus dem Endspiel mit dabei.

Redaktion: Apropos träumen, und um den Bogen mal noch ein wenig weiter zu spannen: Welche Karriere hat sich der junge Norbert Dickel damals in Diensten der SF Siegen erträumt? Wie ehrgeizig sind Sie damals gewesen?

Norbert Dickel: Jetzt werden Sie vielleicht überrascht sein, aber ich habe damals überhaupt nicht mit einer Profi-Fußballerkarriere gerechnet, ich hielt mich immer für viel zu schlecht. Ich war allerdings – um mich auf den zweiten Teil der Frage zu beziehen – tatsächlich enorm ehrgeizig, und das war möglicherweise mein großer Trumpf.
Mein Ehrgeiz ging allerdings nicht so weit, dass ich unbedingt in der Bundesliga landen wollte, ich wollte einfach jeden Sonntag treffen. Ich hab‘ also nach dem Motto gelebt: „Mir ist egal, wer die Tore schießt, Hauptsache ich!“ Aus diesem Grunde habe ich immer viel und fleißig trainiert, und durfte auch einige Probetrainings absolvieren: Bei Kickers Offenbach, RW Essen, Bayer Uerdingen, Arminia Bielefeld. Allerdings haben die mich alle nicht genommen!

Redaktion: Aber den Wunsch, in einer der beiden oberen Ligen Fuß zu fassen, gab es schon?

Norbert Dickel: Der Wunsch existierte, aber sogar in Siegen kannte ich jede Menge Spieler, die technisch besser waren als ich. Da habe ich mir gesagt: Mit meinen Fertigkeiten komme ich keinesfalls so weit. Doch das Ziel des Spiels ist es nun mal, Tore zu erzielen, und ich war mir bewusst: Das kannst du vielleicht ein bisschen besser als die anderen.

Redaktion: Dann allerdings hat’s ja doch noch geklappt: Zuerst wechselten Sie 1984 zum 1. FC Köln, und 1986 wurden Sie schließlich ein Schwarzgelber. Und obwohl Sie von den eigenen Fähigkeiten nur begrenzt überzeugt waren, sind Sie sofort durchgestartet und haben in der ersten Bundesligasaison 20 Treffer erzielt! Was war der Grund für diese Leistungsexplosion?

Norbert Dickel: Obwohl wir am Ende in der Saison 1986/’87 auf Platz 4 standen, waren wir nicht das viertbeste Ligateam. Stattdessen aber hatten wir die beste Kameradschaft! Wir waren alle Freunde, und genau so haben wir Fußball gespielt. In dem Jahr, das ja nach den Relegationsspielen so etwas wie einen Neuanfang für den BVB darstellte, haben wir sehr viel über das Prinzip „Einer hilft dem anderen“ gemeistert. So herrschte eine richtige Aufbruchsstimmung, und am Ende stellten wir fest: Wir können das! Einer hat für den anderen alles gegeben, und ich habe halt ein paarmal richtig gut gestanden.

Redaktion: Ein Messi am Ball sind Sie zwar bekanntlich nie gewesen, aber nur auf Glück und Teamspirit kann man die persönlichen Erfolge doch sicherlich nicht reduzieren. Daher nochmal nachgehakt: Was machte die Qualitäten des Fußballers Norbert Dickel aus?

Norbert Dickel: Ich war ein fleißiger, ehrgeiziger, kopfballstarker Stürmer, der immer wusste, wo das Tor steht. Der ehemalige Manager Michael Meier hat mal gesagt: „Der ballert in Situationen auf’s Tor, bei denen man sich fragt: Wieso tut der das? Und dann ist das Ding drin!“
Es hat mir immer richtig Spaß gemacht, mich im Strafraumgetümmel durchzusetzen, zu behaupten und den Ball reinzuhauen.

Redaktion: Könnte man denn das Leben des Norbert Dickel – trotz der vorherigen Erfolge und seines Standings im Verein – glasklar trennen in „vor dem Finale“ und „nach dem Finale“?

Norbert Dickel: Nee, das kann man nicht. Ich habe ja nach dem Ende meiner aktiven Laufbahn zunächst Antriebstrommeln für Fördergurtanlagen verkauft, dann für einen Sportartikelhersteller gearbeitet und ein Küchenstudio gehabt.
Erst Ende 1995 bzw. Anfang 1996 bin ich zurück zum Verein. Und da musste ich – genau wie zuvor auf dem Platz – meine Leistung bringen und mich nach und nach durchsetzen. Selbstverständlich spielt dieser wunderschöne Tag seit dreißig Jahren in meinem Leben eine große Rolle, aber am Ende ist es doch immer wie auf dem Spielfeld: wenn du nicht fleißig bist, wirst du keinen Erfolg haben. Das habe ich mir auch nach dem Ende meiner Sportlerkarriere immer gesagt.

Redaktion: Ihre allerletzten Treffer in Schwarzgelb waren die Final-Tore im Übrigen auch gar nicht, oder? Das hat die Zeit womöglich etwas verklärt!

Norbert Dickel: Stimmt, denn wir brauchten ja noch etwas Schönes für die Statistik: Deswegen habe ich in der 90. Minute meines 90. und letzten Bundesligaspiels auswärts bei Fortuna Düsseldorf meinen insgesamt 40. Ligatreffer für den BVB erzielt: Am 15.12.1986 war das!

Redaktion: Ein Tor in der allerletzten Einsatzminute, das ist wirklich perfekte Dramaturgie! Wie eng ist denn der Kontakt zu den Weggefährten Ihrer damaligen Karrierehighlights eigentlich heute noch?

Norbert Dickel: Immer noch ziemlich eng! Viele leben ja auch nach wie vor hier im Umkreis: Günter Kutowski, Michael Lusch, Thomas Helmer – von dessen erstem Sohn bin ich sogar der Patenonkel. Wir sind tatsächlich noch alle miteinander verbunden – und in diesem Jahr haben wir uns ohnehin getroffen, weil das 30-jährige Endspiel-Jubiläum anstand.

Redaktion: Zu Frank Mill gibt’s auch noch Kontakt?

Norbert Dickel: Ja, klar!

Redaktion: „Rocky und Zocky“ hießen Sie beide damals, nicht wahr? Aber die Spitznamen haben sich dann nicht gehalten.

Norbert Dickel: (lacht) Nee, die haben sich nie richtig durchgesetzt.

Redaktion: Wie kam es eigentlich, dass Sie dann nach dem erzwungenen Karriere-Aus nie wirkliche Ambitionen in Richtung Trainerbank hatten?

Norbert Dickel: Das war damals alles nicht ganz so einfach: Ich hatte im Mai ein Haus gekauft, im Juni war das Endspiel. Mein Erspartes – damals verdiente man als Fußballprofi noch nicht so viel wie heute – habe ich in die Immobilie gesteckt. Ich musste also auf irgendeine Art und Weise Geld verdienen, um die Raten abbezahlen zu können. Da war eine Ausbildung zum Trainer oder Manager schlicht nicht drin.

Redaktion: Einige Jahre später kam der Verein dann aber auf Sie zu und bot Ihnen an, Stadionsprecher zu werden. Für den Job muss man sich ja an der Rampe schon recht wohlfühlen. Steckte das schon immer in Ihnen?

Norbert Dickel: Der Präsident hat damals gesagt: „Komm bitte, wir brauchen dich!“

Redaktion:Und wussten Sie: „Das ist was für mich“?

Norbert Dickel: Ich sagte ihm, dass ich in meinem ganzen Leben noch nicht vor mehr als zehn Leuten gesprochen habe.

Redaktion: Ging der Adrenalinspiegel da also nach oben?

Norbert Dickel: Sehr! Plötzlich vor 54.000 Menschen reden zu müssen, das ist wirklich nicht ganz so einfach.

Redaktion: Ein Sprung ins kalte Wasser?

Norbert Dickel: Das war eher gefroren! (lacht)

Redaktion: Obwohl Sie doch insgesamt schon jemand sind, der den Trubel mag, oder?

Norbert Dickel: Das nimmt mir jetzt sowieso keiner ab, aber: Nee, eher nicht! Ich bin lieber in einer kleinen Runde.

Redaktion: Stille und Zeit zum Abschalten können Sie also durchaus genießen?

Norbert Dickel: Das kann ich sogar sehr gut. Ich bin begeisterter Golfspieler und Präsident eines Golfclubs: Diese Ruhe beim Spielen liebe ich. Einfach durch den Wald laufen, den viel zu kleinen Ball nicht treffen: Das ist schön!
Aber genauso liebe ich natürlich meinen Job bei Borussia Dortmund, in dem ich viele Leute treffe. Jeder, der mich näher kennt, weiß allerdings, dass ich zwar einerseits ein lustiger Mensch und für jeden spaß zu haben bin, dass ich aber andererseits auch die Ruhe mag.

Redaktion: Treffen mit Fanclubs, Autogrammstunden, Außentermine gemeinsam mit Emma: Beim BVB sind Sie aber auch so etwas wie ein Stimmungsbeauftragter, nicht wahr?

Norbert Dickel: Stimmt, und das bin ich richtig gerne. Ich sage ganz klar: Ich arbeite für den besten Club der Welt, und es macht mir Riesenspaß, ein Rädchen im Räderwerk von Borussia Dortmund zu sein. Für mich ist es nach wie vor eine Ehre, vor der Südtribüne zu stehen und die Mannschaftsaufstellung zu zelebrieren. Ich habe es in der Vergangenheit schon einige Male erwähnt: Ich gehe nicht zur Arbeit, ich gehe zu Borussia!

Redaktion: Kritik gab es in der Vergangenheit gelegentlich daran, dass Norbert Dickel als Moderator im BVB-Netradio die Welt zu sehr durch die schwarzgelbe Brille betrachtet. Wie sehen Sie das? Müssen Sie da womöglich nachjustieren?

Norbert Dickel: Das Netradio ist nun mal ein Fan-Radio, ein Sender für BVB-Fans. Aus diesem Grunde muss ich dabei durch die schwarzgelbe Brille blicken – alles andere wäre nicht authentisch! Als Fußball-Moderator beim WDR müsste ich selbstverständlich Neutralität wahren, aber hier möchte ich gar nicht neutral sein.

Redaktion: Vom schwarzgelben Virus infiziert: Was macht Norbert Dickel eigentlich in zehn oder fünfzehn Jahren?

Norbert Dickel: Hmm, da muss ich kurz überlegen. Das sind im Grunde zwei Paar Schuhe: Meine Lebensplanung ist, dass ich – wenn möglich – noch zehn Jahre arbeite. Und in fünfzehn Jahren werde ich dann entspannt auf der Tribüne sitzen, mir die BVB-Spiele anschauen und dabei hoffentlich noch gesund sein!

Redaktion: Und wie lautet Norbert Dickels Zwischenfazit nach über 30 gemeinsamen Jahren mit dem BVB?

Norbert Dickel: Ich bin mit meiner Frau 40 Jahre zusammen und nach wie vor glücklich, und mit dem BVB sieht es nach 33 Jahren ebenso aus. Ich glaube also wirklich, dass ich zum BVB gehöre. Wo immer ich auf der Welt bin, werde ich sofort mit diesem Verein in Verbindung gebracht, und das gefällt mir sehr. Allzu viel scheine ich also doch nicht verkehrt gemacht zu haben!

Redaktion: Vielen Dank, Norbert Dickel, für das nette und ausführliche Gespräch!

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