Historie unterm Mittelkreis

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Peter Hogrebe (3. v. r.) ist Leiter des Dezernats für Altbergbau bei der Bergbehörde. Dem Areal zwischen Bolmke und BVB-Stadion widmen die „Gefahrenabwehrer“ besondere Aufmerksamkeit. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Rings um den Signal Iduna Park sind Fußball und Steinkohle sich verblüffend nahe
Fußball und Steinkohle sind die prägendsten Symbole des heutigen und des früheren Dortmund. Mancherorts allerdings sind die beiden sich vermutlich noch näher, als es der BVB-Fan von heute ahnt. Was sich nämlich kein Filmregisseur schöner hätte ausdenken können: Auf dem Gelände des heutigen Signal-Iduna-Parks traten einstmals mindestens sechs Förder- bzw. Belüftungsschächte des Kohlebergbaus zu Tage. Und dies nicht irgendwo, sondern u. a. im Strafraum vor der Nordtribüne sowie – wie kann das Zufall sein? – geradewegs unter dem Anstoßkreis!

Das klingt erst einmal nach möglicherweise überraschenden und ungewöhnlichen Spielverläufen, aber diese Sorge ist unbegründet. Denn wenn auch bekanntermaßen Ende 2018 die letzte Zeche der Region ihre Förderung einstellte, wird das Kapitel Bergbau für die Menschen des Ruhrgebiets schon aus rein praktischen Gründen noch etliche Jährchen gegenwärtig bleiben. Insbesondere Eigentümer südlich der A 40 dürften wissen, worum es geht: Hier wie auch bei öffentlichen Bauvorhaben muss, sofern die Stadt Dortmund es auf Grundlage ihrer Karten für nötig hält, stets der Untergrund auf etwa vorhandene Hohlräume hin untersucht werden. Und genau an dieser Stelle kommt die Bergbehörde NRW mit Sitz an der Goebenstraße ins Spiel, welche sich seit den 1960er Jahren um die Erfassung der Risiken des Bergbau-Erbes sowie deren Beseitigung kümmert.

Bei der grundsätzlichen Abschätzung der Gefahren machen schon wenige hundert Meter einen elementaren Unterschied. Während nämlich nördlich der A 40 das Deckgebirge oberhalb der Kohleflöze in der Regel so dick ist, dass Tagesbrüche nicht zu befürchten sind, sieht’s an Ardeystraße und Strobelallee schon völlig anders aus. Obendrein liegt – abgesehen von einigen wenigen vereinzelten Schächten – just unterhalb eines Gebiets, das sich von den südlicheren Stadionparkplätzen bis zur Bolmke zieht, die Wiege des Dortmunder Bergbaus. Und auch wenn im Umfeld des Stadions keinerlei Gefahr kurzfristig absackenden Erdreichs droht, entschied man sich angesichts der kleinen schwarzgelben Völkerwanderung, der sich dieser Teil Dortmunds etwa vierzehntägig ausgesetzt sieht, vor zwei Jahren für „Nägel mit Köppen“. Seither wird auf den Parkplätzen E3 und C2 gebohrt, untersucht und verfüllt. Erfährt man, dass allein auf diesen beiden Flächen drei Kohleflöze – Johann, Präsident und Helene – an die Oberfläche treten, kann man sich gut vorstellen, dass die Bergleute vergangener Jahrhunderte dort, wo heute der Fan sein Auto abstellt, mit Volldampf zu Werke gingen. Zugleich allerdings nicht allzu systematisch, wie die Probebohrungen erwartungsgemäß zeigten. Findet der in 5 m-Abständen gesetzte Bohrer nun einen entsprechenden unterirdischen Hohlraum bzw. eine sog. „Verbruchzone“, wird über dieselbe Zuleitung ein zementhaltiger, flüssiger Baustoff in den Untergrund gepresst. Auf diese Weise arbeitet sich die von der Bergbehörde beauftragte Firma seit anderthalb Jahren, und aller Voraussicht nach noch bis in den kommenden August, durch das Prüfgebiet, auf dem künftig auch geringe Absenkungen ausgeschlossen werden sollen.

Um aber zum Mittelkreis des Stadions zurückzukommen: Der entsprechende Schacht wurde ebenso wie seine „Kollegen“ schon beim Bau des alten Westfalenstadions erfasst und abgesichert, so dass sich kein aktueller Mittelfeldstratege Sorgen muss, dass an der Strobelallee der Begriff „Pass aus der Tiefe des Raums“ plötzlich eine wörtliche Bedeutung erlangt. Den Fußballtempel selbst allerdings offenbar nicht – wie die nahegelegenen Parkplätze – auf einem Stückchen Erde errichtet zu haben, unter der Altbergbau seine Spuren hinterlassen hat, sondern knapp daneben, kann man nach Ansicht eines zuständigen Mitarbeiters der Bergbehörde auch ein gutes Stück weit unter „Glück“ verbuchen. Wer aber wüsste besser als Fußballfans, dass es auch davon hin und wieder eine Portion braucht?