BVB U23: Eine Talentschmiede im ständigen Wandel

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Jan Siewert (36), Trainer der BVB U23 im Interview. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Jan Siewert über Training, Talentförderung und die „Herausforderung U23“
Die U23 des BVB ist eine Talentschmiede nicht nur des Vereins, sondern im Grunde des gesamten deutschen Profifußballs. Dieses Eisen allerdings will jedes Jahr aufs Neue geschmiedet werden, gehören in Borussias „Zweiter“ doch ständige Veränderung und eine hohe Fluktuation zum Standard.

Im Gespräch mit unserer Redaktion verriet der Coach des Regionalligateams, Jan Siewert (36), wie er mit dieser Herausforderung umgeht, und gab darüber hinaus einen kleinen Einblick in die eigene Arbeitsweise sowie die Anforderungen seines Jobs.

Redaktion: Wie fällt Ihre Bilanz des Saisonstarts der U23 aus, Herr Siewert?

Jan Siewert: Definitiv positiv! Wir mussten im Laufe der Vorbereitung etliche neue Kräfte integrieren, denn wir haben viele Spieler aus der U19 oder von anderen Clubs dazubekommen. Aber es ist uns gelungen, schnell zusammenzuwachsen und schon zu Saisonbeginn eine hohe Intensität in unser Spiel zu bekommen. Gegen Bonn haben wir die Partie gedreht, und am Anfang der Spielzeit ist es immer besonders wichtig, solche knappen Spiele für sich zu entscheiden.

Mit dem 2:2 gegen Viktoria Köln bin ich ebenfalls vollauf zufrieden, da die Kölner in diesem Jahr ein echter Aufstiegsaspirant sind.

Redaktion: Den Umbruch zu Beginn der Spielzeit haben Sie ja gerade bereits angesprochen. Das ist bekanntlich eine Situation, der die Trainer von 2. Mannschaften der Bundesligisten immer wieder aufs Neue und deutlich stärker als ihre Liga-Kollegen ausgesetzt sind. Wie gehen Sie mit dieser Ausgangslage um?

Jan Siewert: Wenn man eine U23 trainiert, liegt diese Fluktuation selbstverständlich in der Natur der Sache. Ich nehme diese Situation gerne an und freue mich auch darauf, immer wieder mit neuen, talentierten Spielern arbeiten zu dürfen. Auch als Trainer kann man so nämlich ständig weiter dazulernen, sowohl persönlich als auch fachlich. Das ist es u. a., weshalb mir diese Aufgabe so viel Spaß macht.

Redaktion: Aber steht man so nicht auch sehr oft vor der Herausforderung, das Team zur neuen Saison taktisch ganz neu ausrichten zu müssen – einfach, weil ganz andere Spielertypen zur Verfügung stehen als im Vorjahr?

Jan Siewert: Meine Spielidee bleibt zwar vom Grundsatz her die gleiche – d. h., dass der Fußball, den ich spielen lasse, Wiedererkennungswert haben soll und hat. Ich bin aber niemand, der die Spieler taktisch in die immer gleiche Schablone zwängen würde. Innerhalb meines Systems gilt es also Facetten zu entwickeln, durch welche die aktuellen Spieler ihre Stärken perfekt ausspielen und zur Geltung bringen können. Auch genau diese Stärken zu entdecken macht meinen Job so interessant. David Sauerland etwa wurde – um mal ein Beispiel zu nennen – beim BVB ursprünglich als Mittelfeldspieler ausgebildet, von mir dann aber auf der rechten Außenbahn eingesetzt. Und auf dieser Position hat er dann jetzt auch den Sprung in den Profibereich, in die Stammelf von Eintracht Braunschweig, geschafft.

Redaktion: Unterscheidet sich das Fitness- und Konditionsprogramm eines U23-Spielers beim BVB eigentlich von dem der Bundesligaprofis hinsichtlich der Intensität oder der Komponenten?

Jan Siewert: Unser Ziel ist es ja, dass Spielern unseres Teams der Sprung in den Bundesliga-Kader gelingt. Das bedeutet, dass wir die jungen Spieler darauf vorbereiten müssen, physisch ggf. gleich auf Erstliga-Topniveau oder in der Champions-League mithalten zu können. Trainingsintensität oder Trainingsumfang dürfen also bei uns nicht geringer sein als in der ersten Mannschaft. Es ist sogar unser Ziel, die Belastungsintensität im Trainingsbetrieb so hochzuhalten, dass sie auch in Wochen, in denen für die Profis mehrere Wettbewerbe auf dem Plan stehen, denen des Bundesligateams entspricht. Der Cheftrainer muss jederzeit davon ausgehen können, dass meine Schützlinge physisch und konditionell auf dem gleichen Niveau wie seine Jungs agieren.

Den Unterschied gibt es eher auf der kognitiven Ebene, da die Abfolgen bei der ersten Mannschaft merklich schneller sind – etwa bei der Ballannahme oder beim Passspiel steigen die Anforderungen. Da wiederum existiert natürlich eine Wechselwirkung mit der Kondition, denn wenn man müde ist, leidet bekanntermaßen die Reaktionsfähigkeit.

Redaktion: Und wie führt man neue Spieler ggf. konditionell an die übrige Mannschaft heran?

Jan Siewert: Letztlich müssen natürlich alle Spieler auf das gleiche physische Niveau gebracht werden – das geht bei dem einen etwas schneller, bei dem anderen dauert’s etwas länger. Schlussendlich gelingt das in Abstimmung mit meinem Athletiktrainer aber in den allermeisten Fällen. Sollten Spieler Nachholbedarf haben, führt man sie durch individuelle zusätzliche Einheiten heran.

Wenn dann in der Winterpause die Laktattests gemacht werden, sollten nach Möglichkeit alle Akteure im gleichen Bereich liegen – zumindest in etwa, denn abhängig vom Körpertyp gibt es da natürlich Unterschiede.

Ein anderer sehr wichtiger Parameter neben den Laktatwerten ist die Herzfrequenz, denn es kann durchaus vorkommen, dass ein Spieler schon am Anschlag läuft, aber noch nicht im kritischen Laktatbereich ist – und den umgekehrten Fall gibt’s naturgemäß auch.

Hier können wir unmittelbar kontrollieren, ob sich ein Spieler in dem Bereich bewegt, den wir uns für ihn vorgestellt haben, und sind so in der Lage, individuell nachzukorrigieren. Auch der Vergleich mit den Profis kann hier direkt vorgenommen und so überprüft werden, ob wir uns physisch bereits auf einem identischen Level befinden.

Redaktion: Können Sie einschätzen, wie viele Ihrer U23-Schützlinge anschließend im Profibereich Fuß fassen?

Jan Siewert: Eine Quote kann ich Ihnen da zwar nicht nennen. Ich weiß aber, dass man aktuell im deutschen Profifußball einen kompletten 18er-Kader an ehemaligen U23-Spielern des BVB zusammenbekommen würde – darunter beispielsweise Kerem Demirbay, Marcel Halstenberg, Daniel Ginczek oder Lasse Sobiech. Und da sind diejenigen, die in ausländischen Top-Ligen auflaufen, noch gar nicht mit einberechnet.

Redaktion: Was sind denn Ihre Saisonziele mit der aktuellen Truppe?

Jan Siewert: Das erste Ziel war es, aus dem Kader eine schlagkräftige Einheit zu schmieden – und ich denke, das ist uns schon gelungen. Außerdem ist es grundsätzlich meine Intention, einen Spieler zu den Profis zu bekommen. Auch da können wir aktuell sehr zufrieden sein: In Amerika etwa waren fünf Feldspieler und zwei Torhüter von uns dabei, und wir haben sehr positive Rückmeldungen bekommen. Momentan haben wir zudem zwei bis drei Spieler, die regelmäßig mit der ersten Mannschaft trainieren. Sollte sich letzten Endes einer von ihnen tatsächlich im Erstligakader festsetzen, wäre das natürlich fantastisch, denn immerhin reden wir hier von einem Club, der in der Champions League spielt.

Bezogen auf das Team lautet das Ziel selbstverständlich, den Jungs zu vermitteln, wie man Spiele gewinnt. Sollte das häufig gelingen, freuen wir uns darüber, oben mit dabei zu sein und – im besten Falle – vielleicht tatsächlich erneut den Sprung in die 3. Liga zu schaffen. Wobei sich allerdings in den letzten Jahren klar gezeigt hat, dass dieser Plan für die zweiten Mannschaften der Bundesligisten immer schwieriger umzusetzen ist, da sich die Mehrzahl der talentierten jungen Spieler immer schneller auf die weiteren Drittligaclubs verteilt.

Man kann daher sagen: Der Wunsch ist das obere Tabellendrittel, der Aufstieg wäre eine Zugabe. Schließlich wissen wir auch, dass es dort für uns dann gegen den Abstieg ginge, denn für mehr sind zweite Mannschaften in den allermeisten Fällen schlichtweg zu jung und zu „grün“.

Redaktion: Kann es also in der 3. Liga schwieriger werden, den einzelnen Spieler zielgerichtet weiterzuentwickeln?

Jan Siewert: Das kann zumindest so sein. In der 3. Liga werden Fehler einfach viel schneller bestraft als in der Regionalliga. Es gibt also ein höheres Wettkampfniveau, was insbesondere für die Jungs, die von den Profis zu uns stoßen, von Vorteil ist. Aber für den jungen Spieler wird es u. U. härter, wenn er sich keine Fehler erlauben und aus ihnen lernen darf, weil er im Ligabetrieb mit dem Rücken zur Wand steht.

Nichtsdestotrotz bin ich Sportler und Fußballtrainer genug, um den Aufstieg immer als ein Optimum im Hinterkopf zu behalten.

Redaktion: Wird es angesichts aktueller Entwicklungen im Profibereich – wie z. B. auch eines aufgeheizteren Marktes für sehr junge Spieler – schwerer, den Abstand zur ersten Mannschaft nicht größer werden zu lassen?

Jan Siewert: Dass es insgesamt schwieriger geworden ist, würde ich nicht sagen. Schließlich gelingt es uns ja auch nach wie vor, Spieler zu entwickeln, die dann für den Profikader interessant werden. Ob der Sprung dann tatsächlich gelingt, hat allerdings auch immer etwas mit Glück, der Kadergröße und der sportlichen Situation der ersten Mannschaft zu tun.

Was den Transfermarkt im Allgemeinen angeht, glaube und hoffe ich im Übrigen, dass diese Blase früher oder später platzen wird. Genau deswegen sehe ich den BVB umso mehr in der richtigen Spur, den Fokus auf die Ausbildung junger Spieler zu setzen. Wir schaffen es immer wieder aus eigener Kraft, mit der U23 und unseren Jugendteams vorne dabei zu sein. Ziel muss es aber sein, unsere Jugendspieler so aufzustellen, dass sie über den Weg unserer Jugendmannschaften langfristig im Profibereich der 1. Mannschaft landen.

Zu meinen Grundsätzen abseits des Spielgeschehens gehört im Übrigen auch, meinen jungen Spielern zu vermitteln, Annehmlichkeiten und ihre aktuelle Situation im Verein nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten.

Redaktion: Vielen Dank, Jan Siewert, für dieses ausführliche und informative Gespräch!