BVB-Stiftungsmanager Marco Rühmann im Interview

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(v. l.) Anpfiff-Redakteur Henry Mühlhausen im Interview mit BVB-Stiftungsmanager Marco Rühmann

Im November 2012 wurde die BVB-Stiftung „leuchte auf“ gegründet, deren sternförmiges Logo den Borsigplatz symbolisiert. In über 60 sozialen und gemeinnützigen Projekten ist „leuchte auf“ bisher aktiv und hat diese Projekte insgesamt mit mehr als 400.000 € unterstützt. Anpfiff sprach mit Marco Rühmann, dem Stiftungsmanager von „leuchte auf“, um sich über Einzelheiten der Stiftungsarbeit zu informieren.

Redaktion: Kann man die Aufgabe der Stiftung „Leuchte auf“ einmal in einigen Sätzen zusammenfassen?

Marco Rühmann: Ja, natürlich. Man muss berücksichtigen, dass der BVB schon immer in den unterschiedlichsten Bereichen sozial engagiert war. Wir wollten aber dieses soziale Engagement strategisch ausrichten und auch passgenauer auf Borussia Dortmund zuschneiden. Darum haben wir vor zweieinhalb Jahren unsere Stiftung „leuchte auf“ gegründet. Die Aufgabe von „leuchte auf“ ist es, das soziale Engagement des BVB zu bündeln und zu verstärken. Und als wir uns über das Stiftungskonzept Gedanken gemacht haben, war uns klar, dass die Projekte, mit denen wir uns in der Stiftung beschäftigen, den Menschen der Stadt Dortmund und der Ruhrgebietsregion zugute kommen sollen. Die Fördersäulen „Zukunft“, „Vielfalt“, „Engagement“ und „Gesundheit“ tragen das Stiftungskonzept. Es gibt einen weiteren Gedanken, der für uns die Vision ist, die hinter der Arbeit von „leuchte auf“ steht. Wenn wir bei einem Heimspiel des BVB auf die Südtribüne schauen, stehen dort Menschen mit der unterschiedlichsten Herkunft, Berufen und Kulturen. Ob jung oder alt, ob arm oder reich – völlig egal. Denn wenn Borussia Dortmund spielt, dann ist unser Klub für 90 Minuten das verbindende Element. Wenn dann noch ein Tor für den BVB fällt, liegen sich alle in den Armen. Da schaut man nicht nach links oder rechts und fragt sich „wer ist das denn eigentlich?“ Sondern man freut sich gemeinsam. Nach dem Spiel ist das schon meistens wieder anders, dann denken viele wieder in Schubladen. Wenn man dann auf einen anderen Menschen trifft, schätzt man ihn ein, man kategorisiert ihn. Dagegen können wir uns gar nicht wehren, weil das eben unsere Denkstruktur ist. Dieses „Wir-Gefühl“ von der Tribüne ein Stück weit in unsere Gesellschaft zu transportieren, das ist auch eine der Aufgaben unserer Stiftung. Deswegen versuchen wir – indem wir auf soziale Problematiken hinweisen und soziale Themenstellungen bearbeiten – den Menschen einfach über die gemeinsame Verbindung Borussia Dortmund den Gedanken zu vermitteln, dass auch im Alltag die Menschen alle gleich sind.

Redaktion: Die Arbeit der Stiftung konzentriert sich also auf den Raum Dortmund oder geht das auch hin und wieder über den Raum Dortmund hinaus?

Marco Rühmann: Unsere Stiftungsarbeit ist schon sehr stark auf den Dortmunder Raum bezogen. Es gibt aber auch überregionale Projekte, die wir unterstützen. Nehmen wir einmal unsere Fördersäule „Engagement“, bei der das soziale Engagement der BVB-Fans die tragende Rolle spielt. Wir geben unseren Fans die Möglichkeit, sich ehrenamtlich in die Projektarbeit der Stiftung einzubinden. Zum Beispiel mit der Ausschreibung „Schwarzgelbe Familie“, wo wir mit BVB-Fanclubs zusammenarbeiten und Fans die Möglichkeit haben, soziale Projekte vorzuschlagen, ihnen aber häufig die finanziellen Mittel fehlen. Das findet auch überregional statt. So kann es schon mal vorkommen, dass wir das Projekt eines BVB-Fanclubs aus Magdeburg unterstützen. Aber es ist richtig, insgesamt liegt der Fokus von „leuchte auf“ schon stark auf Dortmund bzw. dem Ruhrgebiet.

Redaktion: War die Idee, die Stiftung zu gründen, eine Teamentscheidung?

Marco Rühmann: Beim BVB herrscht die Teamarbeit eindeutig vor. Die Idee, das soziale Engagement zu bündeln, gab es ja schon sehr lange. Man muss natürlich auch berücksichtigen, dass es dem BVB vor neun Jahren alles andere als wirtschaftlich gut ging. Eine Stiftung kann man natürlich nur dann gründen, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben sind. Und insofern war es dann nach dem „Double-Sieg“ in 2012 klar, jetzt können wir das schaffen, jetzt können wir das stemmen. Noch im gleichen Jahr wurde dann die Stiftung gegründet.

Redaktion: Wie finanzieren sich die gestifteten Mittel? Ausschließlich aus Spenden?

Marco Rühmann: Ja, es handelt sich ausschließlich um Spenden. Wir haben dabei natürlich ganz unterschiedliche Spender, die uns Gelder zukommen lassen. Das fängt an bei unseren BVB-Partnern, die wir natürlich auch mit in die Stiftung einbinden. Weiterhin erhalten wir natürlich auch Spenden von vielen Fans, worüber wir uns sehr freuen. Zum Beispiel veranstalten viele Fanclubs ein Sommerfest oder eine Weihnachtsfeier und lassen uns dann die Erlöse zukommen. Obwohl diese Spenden vom Volumen her natürlich unter denen der Sponsoren liegen, freuen sie uns natürlich ganz besonders. Denn das zeigt dann auch, dass die Stiftung in der BVB-Welt angekommen ist. Ich möchte an dieser Stelle auch einmal erwähnen, dass „leuchte auf“ kein aktives Fundraising betreibt. Wir gehen nicht auf unsere Fans im Stadion zu und bitten um Spenden. Eine Ausnahme war die Stadiondeckel-Aktion gemeinsam mit der Neven Subotic Stiftung. Wir möchten vielmehr die Stiftung über ihre Inhalte leben lassen. Also, wenn jemand sagt „Ich finde das, was die Stiftung macht, gut und sinnvoll“, dann freuen wir uns natürlich auch über Spenden. Wir haben die Stiftung gegründet, um etwas von dem sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg von Borussia Dortmund zurückgeben zu können. Natürlich erhalten wir auch eine gewisse finanzielle Grundausstattung vom Verein selbst. Einmal im Jahr findet ein Freundschaftsspiel zugunsten unserer Stiftung statt, wobei große Teile des Erlöses aus diesem Spiel dann an „leuchte auf“ fließen. Wir haben selber auch einige BVB-Produkte, die wir über unser Merchandising anbieten. Es gibt etwa unser „Leuchte auf“-T-Shirt, das wir aufgelegt haben und nebenbei bemerkt, auch ein Fair Trade- Produkt ist. Wenn man sich dieses T-Shirt für 19,09 Euro kauft, dann fließt der Reinerlös komplett als Spende in die Stiftung. Es ist also ein 100% sozialverträgliches Produkt, mit dem der BVB auch keinen Cent verdient.
Redaktion: Wie läuft eigentlich der Entscheidungsprozess, mit dem festgelegt wird, was ein stiftungswürdiges Projekt ist und was nicht? Laufen die Anträge alle über Ihren Schreibtisch?

Marco Rühmann: Wir haben ja auf unserer Homepage ein Antragsformular, das heruntergeladen und ausgefüllt werden kann. Da werden schon einmal verschiedene Kriterien abgefragt, die für uns als Stiftung wichtig sind. Weiterhin unterliegen wir ja auch Auflagen der Stiftungsaufsicht. Entscheidend ist dann natürlich, dass die neu eingereichten Projekte auch in unser Stiftungskonzept passen müssen. Ich nehme immer gerne das Beispiel „Tierschutz“, weil wir auch viele Anfragen aus diesem Bereich bekommen. Diese Anträge können wir nicht unterstützen, weil sie satzungsgemäß bei uns ausgeschlossen werden. Im Rahmen unserer Satzung sind verschiedene Förderbereiche festgelegt, an die wir uns zu halten haben. Unsere Stiftung darf gar nicht andere Bereiche, als die, welche in der Satzung festgeschrieben sind, fördern. Wenn sich herausstellt, dass ein Projekt konzeptionell in unsere Stiftung passt, wird es dem Stiftungsvorstand zur Entscheidung vorgelegt. Unser Stiftungsvorstand, bestehend aus Hans-Joachim Watzke, Thomas Treß und Carsten Cramer, entscheidet dann letztlich, ob das Projekt förderungswürdig ist.
Redaktion: Ist der BVB eigentlich der einzige Bundesligaverein, der sich in einer Stiftung engagiert?

Marco Rühmann: Jeder Verein muss für sich selbst entscheiden, wie er dieses Thema angehen möchte. Es gibt da keine Blaupause. Aber es gibt einige Bundesligavereine, die sich über ihre/eine Stiftung engagieren. Das Schöne ist, dass wir auch sehr eng mit den anderen Bundesligisten in diesem Bereich zusammenarbeiten. Weil es dort ganz einfach keinen Konkurrenzgedanken gibt.

Redaktion: Eine Frage zur Rechtsform: Ist die Stiftung selbst schon eine Rechtsform oder ist „leuchte auf“ eine Tochtergesellschaft der KGaA oder wie ist sie gesellschaftsrechtlich aufgestellt?

Marco Rühmann: Wir sind als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts institutionell eigenständig. Also die Stiftung hat eigenes Briefpapier, hat eine eigene Steuernummer etc. Wir sind eine eigenständige Organisationsform. Unsere Stifterin ist aber die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA.

Redaktion: Vor einigen Wochen war Bundesinnenminister de Maizière zu Gast bei Borussia Dortmund und hat sich über das Engagement des BVB gegen Rassismus und Diskriminierung informiert. War bei diesem Besuch auch die Arbeit der Stiftung ein Thema?

Marco Rühmann: Selbstverständlich. Wie bereits erwähnt, bündelt die Stiftung das soziale Engagement des BVB, also auch die Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung. Für den Besuch des Innenministers war es uns wichtig, Praxisbezug zu vermitteln. Wir haben das Anti-Rassismus-Konzept des BVB präsentiert und die Stiftung „leuchte auf“ vorgestellt, mit besonderem Schwerpunkt auf unserer Fördersäule „Vielfalt“. Sie beinhaltet Lerninhalte und Maßnahmen in Bezug auf unsere Arbeit im Bereich Anti-Rassismus und Rechtsextremismus. Der Besuch des Bundesinnenministers war eine Veranstaltung, bei der wir sehr gerne die Rolle des Gastgebers übernommen haben. Wir haben als Ort für die verschiedenen Präsentationen, Diskussionen und einen anschließenden Workshop ganz bewusst das BVB-Lernzentrum gewählt. Das Lernzentrum ist eine pädagogische Bildungseinrichtung, wird vom Fan-Projekt Dortmund getragen und befindet sich direkt unter der Südtribüne im Signal Iduna Park. Hier können sich z. B. Lehrer, die an einer Schule in Dortmund oder im Umfeld von Dortmund tätig sind, mit ihren Schulklassen für einen Workshop bewerben.
Zur Wahl stehen dabei Zivilcourage, Anti-Rassismus und Interkulturelles Lernen. Am Schluss dieser eineinhalbstündigen Workshops wird dann immer noch eine Stadionbesichtigung durchgeführt. So können wir sinnvolle Bildungsinhalte vermitteln und die Stadionbesichtigung ist für die Jugendlichen natürlich noch ein zusätzlicher Anreiz.
Wir sind überzeugt davon, dass der Bundesinnenminister und seine Mitarbeiter ein vollständiges und realistisches Bild erhalten haben, wie sich der BVB bei gesellschaftlichen und sozialen Themen auch außerhalb des sportlichen Betriebs engagiert.

Redaktion: Es gibt ja eine ganze Reihe von Stiftungen, in der aktuelle und ehemalige BVB-Spieler sehr aktiv sind. Denken wir einmal an Neven Subotic oder Sebastian Kehl. Kommt man sich da nicht ab und zu schon einmal ins Gehege?

Marco Rühmann: Nein, überhaupt nicht. Auch da komme ich wieder zu dem Punkt „im sozialen Bereich gibt es keine Konkurrenz!“. Nur ein Beispiel, wie beide Stiftungen zusammenarbeiten: Gemeinsam mit Neven Subotic haben wir die BVB-Fans aufgerufen, die auslaufenden BVB-Stadiondeckel mit Pfand und Restguthaben an die Stiftungen zu spenden, egal ob an „leuchte auf“ oder die Neven Subotic Stiftung.

Redaktion: Muss man als Stiftungsmanager von „leuchte auf“ eigentlich auch BVB-Fan sein oder spielt das für die tägliche Arbeit überhaupt keine Rolle?

Marco Rühmann: (lacht) Das kann man gar nicht voneinander trennen. Schließlich bin ich als BVB-Fan quasi auf der Südtribüne groß geworden. Wir haben hier bei „leuchte auf“ sehr viel Kontakt mit den Fans. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass jeder Mitarbeiter, der hier bei Borussia Dortmund arbeitet, auch mit vollem Herzblut BVB-Fan ist. Das hilft einem auch sehr häufig bei der Arbeit, ganz einfach, weil man einen ganz anderen, ganz besonderen Zugang zum Arbeitgeber, also zum Klub hat. Insofern ist das nicht nur aus meiner Sicht hilfreich, sondern vielmehr eine Grundvoraussetzung für unsere Arbeit.

Redaktion: Herr Rühmann, vielen Dank für die vielen interessanten Informationen. Wir wünschen Ihnen und „leuchte auf“ viele weitere erfolgreiche Jahre.

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