„Borsigplatz VerFührungen“

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Annette Kritzler mit BVB-Fan und Fußballkommentator Hansi Küpper

Interview mit Annette Kritzler – Der Borsigplatz und die Dortmunder Nordstadt sind die historisch belegten Keimzellen von Borussia Dortmund. So wurde unweit vom Borsigplatz in der Gaststätte „Wildschütz“ in der Oesterholzstraße der „Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund“ aus der Taufe gehoben. Auch die überwiegende Mehrheit der ersten BVB-Mitglieder lebte und arbeitete in diesem heute oft als „Gründerzeitviertel“ benannten Teil der nördlichen Innenstadt. Heute polarisiert das Quartier rund um den Borsigplatz. Während es für viele noch das Symbol vergangener Dortmunder Industrie- und Wohnkultur mit den Wurzeln des BVB darstellt, ist es für andere wiederum das Sinnbild von multikulturellem Zusammenleben, aber auch für den Niedergang eines Stadtbezirks mit ansteigender Kriminalität geworden. Was davon kommt der Realität nahe, was sind Vorurteile? Und welche Rolle spielt der BVB eigentlich noch heute am Borsigplatz? „Anpfiff“ sprach darüber mit Annette Kritzler, die nicht nur seit Ende der 80er Jahre in unmittelbarer Nähe des Borsigplatzes wohnt, sondern sich auch mit ihren geführten Touren durch die Nordstadt, den „Borsigplatz VerFührungen“, einen Namen außerhalb von Dortmund geschaffen hat.

Redaktion: Wie kam eigentlich die Idee zustande, Führungen im Borsigplatz-Viertel und der Nordstadt durchzuführen?

Annette Kritzler: Ich bin vor 27 Jahren aus einem sehr ländlich geprägten Bereich Dortmunds hier an den Borsigplatz gezogen. Die Begründung für den Wohnortwechsel ist recht einfach: Mir war das dörfliche Leben zu eng geworden und ich wollte es sehr urban und sehr multikulturell. Deswegen war die Wahl recht schnell klar, dass es hier in die Nordstadt geht. Und dass es dann der Borsigplatz geworden ist, ist ein glücklicher Umstand. Weit über zehn Jahre habe ich damit gelebt, dass ich immer ein wenig von der Seite angeschaut wurde, wenn es um den Standort meiner Wohnung ging. Da kamen Fragen wie: „ach ja, kann man denn da leben? Oder ganz böse: „spricht man da überhaupt deutsch?“ Das hat mich furchtbar genervt, dass so eine Diskriminierung stattfand. Man wird durch Vorurteile in eine Ecke gedrängt und da habe ich nicht das Gefühl, dass das den Menschen, die hier leben, gerecht wird. Der Borsigplatz hat Geschichte, er hat ganz viel Potential und wird oft nur auf die Problemlagen reduziert. Die haben wir natürlich, aber die gibt es nicht nur am Borsigplatz und in der Nordstadt. Sie beschränken sich zudem auch auf kleinräumige Bereiche. Und irgendwann ist dann diese Idee mit den Führungen gewachsen.

Ich bin jetzt seit 16 Jahren Museumspädagogin und von Haus aus Geografin. Das Handwerkszeug, um Geschichte und auch Geschichten zu erzählen, war also vorhanden. Und da meine ganzen Argumente, warum ich gerne hier lebe, eigentlich null Effekt hatten, dachte ich mir, es ist es das Beste, wir bringen die Leute dazu, sich selbst vor Ort alles anzusehen, gleich wie vorurteilsbehaftet oder unvoreingenommen sie auch sein mögen. Von dieser ersten Idee bis zur eigentlichen Umsetzung ist dann noch ein Jahr vergangen und wir sind im WM-Jahr 2006 gestartet. Eine ganz schlechte Idee (lacht)! Alles war total überlagert von der WM und das Interesse nicht gerade riesig. Insgesamt verlief das erste Jahr mit nur 245 Besuchern recht enttäuschend. Ich hab schon ein wenig gezweifelt, ob die Idee wirklich gut war. Auf der Suche nach Themen – und das liegt ja am Borsigplatz quasi in der Luft – ist dann die Spurensuche zu den Wurzeln des BVB entstanden, mit Besuch der original Schauplätze wie die Weiße Wiese“ oder dem „Wildschütz“. Es war auch schnell klar, dass man beim Thema „Borussia Dortmund“ auch den siedlungshistorischen Aspekt berücksichtigen muss. Wie ist denn das Quartier eigentlich gewachsen? Nur dann versteht man, warum ein Arbeiterfußballverein mit katholischen Wurzeln hier auf den Weg gebracht wurde. Das lässt sich nicht voneinander trennen. Also war mit „Der Stern des Nordens, die Siedlungsgeschichte vom Borsigplatz“ bereits die zweite Tour geboren. Und weil ich zu der Zeit gerade an einem Interviewprojekt für den Hoeschpark gearbeitet habe, waren die „HoeschparkGeschichten“ das Thema für eine dritte Tour.

Redaktion: Sind Sie eigentlich eine Einzelkämpferin oder werden Sie von einem Team unterstützt?

Annette Kritzler: Wir sind zwei Kämpferinnen, nämlich zwei A(n)nettes. Anette Plümpe ist meine Kollegin aus dem LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg. Wir kennen uns schon seit 1999. Als die Idee mit den VerFührungen geboren war, kam gleichzeitig bei mir die Frage auf: „kann ich das allein?“. Damals betreute ich noch mehrere Museen in Dortmund und Umgebung. Oder wäre es besser, man würde das im Zweierteam auf den Weg bringen? Als ich mir die Frage stellte, „wer könnte das sein?“, war ganz klar, dass das jemand sein musste, der mit vollem Engagement hinter der Nordstadt steht, der keine Ressentiments hat und der diesen speziellen Teil Dortmunds mit genauso viel Herzblut präsentiert, wie ich das tue. Und dafür kam nur die „andere Anette“ in Frage. Und das ist bis heute so geblieben.

Redaktion: Ist Ihre Tätigkeit hauptamtlich oder gehen Sie zusätzlich noch einem „Hauptberuf“ nach?

Annette Kritzler: Ich bin freischaffende Museumspädagogin und habe in der Anfangszeit der Borsigplatz VerFührungen noch acht Museen mit Führungen und Konzeptarbeit betreut. Das geht heute nicht mehr, da die Borsigplatz VerFührungen richtig Fahrt aufgenommen haben. Inzwischen arbeite ich bevorzugt für die Borsigplatz VerFührungen, an zweiter Stelle kommt das LWL-Industriemuseum dicht gefolgt von einigen städtische Einrichtungen, so etwa das Naturkundemuseum, das Westfälische Schulmuseum oder das Museum für Kunst- u. Kulturgeschichte. Für die Häuser arbeiten wir immer mal wieder konzeptionell an Großprojekten, im letzten z. B. Jahr die Ausstellung „Unterwelten“ auf der Zeche Zollern II/IV. Der Trend geht klar in Richtung Borsigplatz VerFührungen. Und wenn sich das eigene Unternehmen weiterhin so positiv entwickelt, werden wir tatsächlich überlegen, ob wir das zu zweit noch stemmen können.

Redaktion: Welche Führungen bieten Sie über die oben erwähnten drei Touren, also die historische BVB-Tour, die Siedlungs- und Hoeschparkgeschichten, hinaus noch zusätzlich an?

Annette Kritzler: Unser komplettes Programm und die Möglichkeit, online die Führungen zu buchen, finden sich ja auf unserer Internetseite www.borsigplatz-verfuehrung.de. Es ist jedes Geschäftsjahr ein weiteres Thema dazugekommen. Als erstes die Glaubensvielfalt, das lag mir schon sehr lange am Herzen, weil die unterschiedlichen Gotteshäuser hier so nahe beieinander liegen. Wir besuchen dabei eine evangelische, eine russisch orthodoxe Kirche und eine Moschee. Dann sind unsere Gastrosafaris entstanden. Die Zuwanderung in die Nordstadt begann ja bereits sehr früh, hier beschränken wir uns allerdings auf die neuere Geschichte ab 1955 (1. Anwerbeabkommen mit Italien). Das erklären wir anhand von 4- Gänge Menüs, symbolisch für vier unterschiedliche Migrationshintergründe. Bei der ersten Tour geht es um Spanien, Italien, Türkei und um die klassische Currywurst im Ruhrgebiet, übrigens auch quasi ein Migrant. Die zweite schließt dann noch Speisen aus Griechenland und dem Libanon mit ein. Dann gibt es die Tour „Nordmarktgeschichten“. Dort erläutern wir, wie der Platz vor über 100 Jahren angelegt wurde, gestützt durch historisches Bildmaterial, wir schlagen den Bogen bis ins „Heute“, mitten im Herzen eines der schwierigsten Quartiere, die Schattenseiten sind deutlich sichtbar. Aber auch schöne und für viele Besucher völlig unerwartete Bereiche des Nordmarktviertels gehören dazu, wir lieben diese Gegensätze, das ist „echt Nordstadt“.

Darum besuchen wir u. a. die Werkstatt „Passgenau“ der Diakonie und erfahren ein wenig darüber, wie den Menschen am Nordmarkt geholfen wird. Anschließend folgt der Schwenk in eine grüne Hinterhofanlage. Gabi Löffler, eine langjährige Anwohnerin, zeigt uns ihre grüne Gartenoase in der Stollenstraße. Und wenn diese Dame einmal aus dem Nähkästchen plaudert und wirklich authentische Nordmarktgeschichten erzählt, ist das schon sehr kontrastreich. Unsere Tour „Hafenkultur“ beschäftigt sich mit dem Wohnen und Leben im Hafengebiet und ebenfalls mit Kirchen. Wir erkunden drei Gotteshäuser und erfahren etwas über Architektur und Kunst. Dann gibt es noch die „FredenbaumparkGeschichten“. Die Geschichte vom Fredenbaum ist sehr spannend und vielen überhaupt nicht bekannt. Wir haben dann noch zwei „KunstVerFührungen“ im Programm und eine Tafel-Tour, für die man sich allerdings speziell anmelden muss.

Redaktion: Welche Führungen werden denn von Ihnen zum Thema „BVB“ angeboten?

Annette Kritzler: Wir haben zunächst einmal die „Weisse Wiese Tour“, die ich schon erwähnt habe, die Spurensuche zu den Wurzeln des BVB 09. Wir besuchen die Originalschauplätze der Gründungsgeschichte. Das ist eine zweistündige Tour, die in „Pommes Rot Weiss“, also im ehemaligen „Wildschütz“ endet. Das bietet den Teilnehmern den Raum, nach ca. 1,5 Stunden, die wir zu Fuß unterwegs sind, noch einmal die Tour Revue passieren zu lassen. Es gibt für alle, die es wollen, ein kühles Bier oder ein anderes Getränk.

Aufgrund einer Anregung der BVB Fanabteilung haben wir im letzten Jahr etwas gemacht, das sich „Widerstand und seine Folgen – Die NS Zeit, der BVB und der Borsigplatz“ nannte. Wir haben uns speziell der NS-Geschichte gewidmet. Die politischen Entwicklungen in der Nordstadt sind spannend, sie wurde ja nie komplett von der NSDAP „vereinnahmt“, wenn man das so sagen darf. Wir haben einige Wohnorte von Widerstandskämpfern oder derer, die nicht ins System passten, aufgesucht. Etwa die Wohnhäuser von Heinrich Czerkus und Franz Hippler. Für sie wurden mittlerweile Stolpersteine verlegt. Auch das ist ein wichtiges Kapitel in der Nordstadtgeschichte.

Redaktion: Sind Sie selbst eigentlich BVB-Fan? Besitzen Sie eine Dauerkarte?

Annette Kritzler: (lacht) Ich habe diese Geschichte schon ganz oft erzählt und erzähle sie gerne noch mal. Ich komme aus einer nicht-fußballaffinen Familie. Natürlich ist man als Dortmunder(in) immer ein wenig mit einem schwarzgelben Tupfer im Herzen ausgestattet. Das geht gar nicht anders. Aber das spielte bei uns zu Hause keine große Rolle. Dann bin ich 1988 hier an die Wiege des BVB gezogen, ohne im Detail zu wissen dass dieses Viertel so viel BVB-Geschichte in sich birgt. Und dann gab es dieses Schlüsselerlebnis mit der Metzgerin Schlinger, die mich eines Morgens beim Wursteinkauf fragte „Na, Mädchen, wie haben wir denn gespielt?“ Ich gebe zu, ich musste erst mal überlegen, wen meint sie mit „Wir“? Und als ich langsam dahinter kam, dass sie wohl den BVB meinte, habe ich ganz schuldbewusst gesagt: „Tut mir leid Frau Schlinger, das weiß ich nicht!“. Da knallte sie mir die Wursttüte auf die Theke und sagte: „Das kannst du dir mal merken, hier am Borsigplatz lebt und stirbt man schwarzgelb!“ Ich bin dann voller Sorge weiter gezogen zum Bäcker und habe gedacht „Oh Gott, wenn die jetzt auch noch fragen, dann hast du aber schlechte Karten, wenn hier alle so ticken.“ Und fortan galt es, möglichst die Ergebnisse zu wissen, bevor man zu Frau Schlinger geht. Inzwischen – die Metzgerei gibt es nicht mehr – hat sie mir aber alles verziehen. 1989 nach dem DFB-Pokalgewinn erlebte ich diese Riesenparty am „Borsig“. Ich habe zum ersten Mal diese Begeisterung in ihrer wirklich extremen Form kennengelernt. Und das über nationale Brücken hinweg, denn der Borsigplatz war ja schon zu der Zeit multikulturell geprägt. Ich fand das ganz toll, dass hier alle Kulturen gemeinsam unsere Borussia feierten. Die Polizei ist mit schwarzgelben Schals Ehrenrunden gefahren und der Borsigplatz wurde schwarzgelb angepinselt. Alles Dinge, die ich bis dahin gar nicht kannte. Ich gebe es offen zu, da hat mich das schwarzgelbe Fieber erwischt und es lässt mich bis heute nicht wieder los.

Ich bin aus beruflichen Gründen öfter im Stadion, da ich Stadionführungen für die BVB Event u. Catering GmbH durch unserem Tempel anbiete. Das findet an spielfreien Tagen statt. Wenn ich es zeitlich einrichten kann, bin ich zu Spielen vor Ort. Mein Partner ist Dauerkartenbesitzer und wenn in seinem Freundeskreis einmal jemand ausfällt, rutsche ich gerne nach. Ich begleite auch sehr gerne meine Freundin Conny Dietz (sie sitzt in Block 5, 1. Reihe), die zum BVB Fanclub „Blind Date“ gehört. Das ist ein Blinden- und Sehbehinderten-Fanclub, die Mitglieder bekommen die Erklärungen zum Spiel per Audiokommentar. Ich bin Mitglied im Fanclub „BVB-Schicksen“, der einzige weibliche BVB-Fanclub. Der Fanclub wurde 2009 gegründet und man fragte mich, ob ich Mitglied werde, was ich sehr gerne getan habe. Auf diesem Weg bekomme ich ab und zu Gelegenheit, an Spieltagen im Stadion zu sein. Eine eigene Dauerkarte würde sich für mich nicht lohnen, weil ich aus beruflichen Gründen oft an den Wochenenden verhindert bin. Über die gesamte Saison gesehen bin ich sechs, sieben Mal im Stadion.

Redaktion: Borsigplatz und Nordstadt sind die Heimat des BVB. Ist das denn eigentlich den Bewohnern, die teilweise aus völlig anderen Ländern und Kulturen stammen, bewusst? Interessieren die sich überhaupt für Borussia Dortmund?

Annette Kritzler: Ein ganz klares „Ja“! Das sieht man ja daran, wie hier beflaggt ist. Es hängen ja wirklich in jeder Straße Borussiafahnen. Und die hängen nicht nur bei deutschen Anwohnern. Die hängen auch bei türkischen, marokkanischen, libanesischen, vietnamesischen oder afrikanischen Nachbarn. Das ist schon etwas, was als Völkerverständigung bezeichnet werden kann. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass unsere Mannschaft sehr international aufgestellt ist. Am 12.5.2012, als wir gegen die Bayern erfolgreich den Pokal in Berlin geholt haben, wurde Galatasaray türkischer Meister. Wir sind nach dem Public Viewing im Hoeschpark in Richtung Borsigplatz gezogen, um die inoffizielle Pokalfeier nach dem Spiel zu erleben. Als wir ankamen, war die Gemengelage dort völlig bunt. Es gab Fahnen von Galatasaray und von Borussia Dortmund. Das war toll. Ein ganz beeindruckendes Bild.

Auch bei den BVB-Spielen in der Champions League drückt man hier dem BVB die Daumen. Als der BVB in der Champions League gegen Istanbul gespielt hat, war das natürlich anders, da schlugen bei einigen zwei Herzen in der Brust, wen wunderts. Aber ansonsten ist das keine Frage, wir sind Borussia.

Redaktion: Unterstützt der BVB eigentlich Ihre Arbeit und stehen Sie mit dem BVB in Kontakt, z.B. mit dem Borusseum?

Annette Kritzler: Sowohl als auch. Seit 2008 gibt es am Borsigplatz den „Runden Tisch BVB und Borsigplatz“. Der ist auf Betreiben lokaler Akteure hin ins Leben gerufen worden. Dort treffen sich verschiedene Institutionen, z. B. der Gewerbeverein Borsigplatz, die Dreifaltigkeitskirche, das Quartiersmanagement, das Hoesch-Museum, die Stadtteilschule, der Freundeskreis Hoeschpark, die Borsigplatz VerFührungen, die Lutherkirche sowie Vertreter der Kocatepe Moschee. Dabei ist auch Petra Stüker als Fanbeauftragte und Vertreterin von Borussia Dortmund und Svenja Schlenker vom BVB Kidsclub. Der BVB hat lange Zeit – warum auch immer – den Kontakt zum Borsigplatz nicht so intensiv betrieben, aber inzwischen ist der „Runde Tisch BVB und Borsigplatz“ zu einer festen Institution geworden.

Der BVB unterstützt verschiedene Aktivitäten am Borsigplatz sowohl in Form von Sachmitteln als auch finanziell. Das beginnt in jedem Jahr mit der schwarzgelben Osteraktion. In den Geschäften findet man schwarzgelbe Eier in den Schaufenstern und um einen Preis zu gewinnen, muss man die korrekte Anzahl angeben. Wir dürfen nicht vergessen, hier leben ganz viele Menschen, die wirklich knapp bei Kasse sind. Der Preis war z. B. mal ein Kinderfahrrad, das kommt gut an. Wir haben am Borsigplatz eine Arbeitslosenquote, die liegt bei rd. 26 %, wer kann sich da schon große Sprünge leisten? Zu den wichtigen Aktionen zählen die Saisoneröffnungsgottesdienste in der Dreifaltigkeitskirche ebenso wie Fankonzerte. Weiterhin gibt es das Oesterholz-Straßenfest, das legendäre Hoeschpark-Fest, das Familienfest auf der Heroldwiese und einen schwarzgelben Martinszug mit Fahnenträgern von Borussia Dortmund. Nicht zu vergessen die schwarzgelbe Nikolausfeier mit weihnachtlichen BVB-Fanartikeln für die Kinder. Highlight und Abschluss des Jahres ist der 19.12. mit dem Geburtstagsgottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche und im Anschluss die „Schwarzgelbe Gründerzeit“ bei Pommes Rot Weiss, eine Benefizveranstaltung. All das muss finanziert werden, die Akteure vor Ort können das alleine nicht leisten. Daran hat der BVB einen entscheidenden Anteil.

Zu den meisten Familien- und Kinderfesten kommt das BVB-Maskottchen Emma. Insofern ist der Kontakt in Richtung Geschäftsstelle von Borussia Dortmund wirklich ein sehr guter. Für uns ist es darüber hinaus ganz wichtig, dass zu den Gottesdiensten, insbesondere zu den Geburtstagsgottesdiensten, regelmäßig jemand aus der geschäftsführenden Ebene kommt, etwa Aki Watzke oder Reinhard Rauball. Im Jubiläumsjahr, also in 2008 und 2009 war die Mannschaft zwei Mal in der Dreifaltigkeitskirche und zwar komplett. Ebenso die gesamte Geschäftsführung. Und was das Borusseum betrifft – ja, wir stehen aufgrund meiner Arbeit und der Stadionführungen regelmäßig in Kontakt, schließlich starten dort alle Stadiontouren.

Redaktion: Im Laufe der Jahre haben Sie sich doch sicherlich ein umfangreiches Wissen über den Dortmunder Norden bzw. das Borsigplatz-Viertel zugelegt. Werden Sie dann auch oft um Rat oder Informationen gebeten? Z. B. haben Sie ja auch dem Filmteam von „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ wichtigen Input geliefert.

Annette Kritzler: Ja, das ist so. Ich werde, ohne mein Zutun, als „Nordstadt-Expertin“ gehandelt. Das kann teilweise auch zeitraubend sein. Das führt z. B. dazu, dass häufig Studenten anrufen, die ihre Bachelor- oder Semesterarbeit über die Dortmunder Nordstadt schreiben. Hier sind Experteninterviews gefragt, wobei ich gern behilflich bin. Ich habe meine Studentenzeit nicht vergessen und weiß, dass es immer ganz schwierig ist, an „Fachleute“ heranzukommen. Der Deal läuft so „ja, ich gebe ein Interview, dafür hätte ich hinterher auch gerne die Bachelor- oder Semesterarbeit für mein Archiv“. Es rufen sehr viele Menschen an, die früher hier gelebt haben und gerne wissen wollen, wie es hier heute so ist. Und natürlich hängen viele Anfragen mit der Historie des BVB zusammen. Schöne Momente sind, wenn Leute Unterlagen oder alte Fotos ihrer Eltern und Großeltern zu Hause gefunden haben und dann sagen „ich würde Ihnen gerne Originale oder Kopien davon zur Verfügung stellen“. Bei den Führungen zeigen wir oft Bildmaterial, das ich ohne Spenden von Privatpersonen gar nicht zeigen könnte. Das ist einfach berührend und absolut toll!

Redaktion: Gibt es eigentlich den „typischen“ Besucher Ihrer Führungen oder sind die Teilnehmer mehr so – falls man das sagen darf – aus der „Quer durch den Garten“-Kategorie?

Annette Kritzler: Es ist schon eine ganz bunte Gemengelage. Gestern haben beispielsweise Damen einer Kirchengemeinde aus Mülheim/Ruhr die Führung „Glaubensvielfalt“ mitgemacht. Die sind gekommen, weil das Thema spannend ist und es dort so eine Ballung an unterschiedlichen Gotteshäusern auf kleinstem Raum nicht gibt. Für die BVB-Tour waren die Teilnehmer mit der weitesten Anreise bisher die BVB Tigers aus Belgien. Am vergangenen Wochenende hatte ich die Jungs und Mädels der „Main Spessart Franken-Power“, also aus dem tiefsten Frankenland zu Gast. Der Fanclub ist 20 Jahre alt geworden, also stand ein Ausflug nach Dortmund auf dem Programm. Zuerst eine Stadiontour und anschließend ging es am Borsigplatz auf schwarzgelbe Spurensuche zur Geschichte der Borussia.

Redaktion: Abschließend noch eine Frage, die sich fast automatisch stellt, wenn man über die Nordstadt und den Borsigplatz spricht: In den letzten Wochen und Monaten ist viel Negatives über dieses Viertel berichtet worden, insbesondere über kriminelle Aktivitäten. Wie sehen Sie diese Berichterstattung? Ist die Nordstadt zum Wohnen ein „gefährliches Pflaster“?

Annette Kritzler: Nein, sonst würde ich hier nicht seit 27 Jahren wohnen. Natürlich sind uns Anwohnern kriminelle Aktivitäten, aber auch oftmals die Art, wie darüber berichtet wird, nicht recht. Die Probleme in der Nordstadt kann man zu 95% kleinräumig auf einen bestimmten Teil rund um den Nordmarkt reduzieren. Wenn darüber berichtet wird, heißt es aber sofort „Aha, mal wieder die Nordstadt“. Bei den Vorfällen in der Stahlwerkstraße vor einigen Wochen trafen unterschiedliche Gruppen gewalttätig aufeinander – Verteilungskämpfe aufgrund von einer Verhaftung, so sagt man. 11.050 Menschen leben am Borsigplatz. Und ca. 60 Personen sorgen nun dafür, dass wir alle in einem schlechten Licht dastehen? Man nennt das wohl „Sippenhaft“! Da stimmt doch die Verhältnismäßigkeit nicht. Etwas mehr Sachlichkeit und weniger Boulevardstil wären in der Berichterstattung schon sehr wünschenswert. Seitens der Stadt und der Ordnungskräfte bemüht man sich, die Probleme zu beseitigen, aber in der Nordstadt gibt es keine prominenten Investoren, die entsprechenden Druck ausüben um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Es fehlt die Lobby! In der Innenstadt gab es in den 80er Jahren einen Verdrängungseffekt, die Drogenszene verlagerte sich in Richtung Nordmarkt. Diese Situation haben wir jetzt seit ca. 25 Jahren. Man muss sich mal fragen „warum driften so viele Jugendliche in die falsche Richtung?“. Wir haben hier eine Arbeitslosenquote, die liegt, wie ich schon erwähnte, bei ca. 26 %. Hier wohnen aber auch viele Jugendliche, die wirklich etwas drauf haben, doch unabhängig von deren Zeugnis bekommen sie keine Ausbildungsstelle. Weil sie einen Migrationshintergrund haben, das ist unglaublich, verschenktes Potenzial! Und selbst, wenn sie keinen migrantischen Background haben, die Postleitzahl auf dem Bewerbungsschreiben ist oft schon ein Ausschlusskriterium in vielen Personalabteilungen. Ist man erst einmal um die zwanzig Jahre alt und in der Hartz 4-Falle gelandet, gibt es wenige Chancen dem zu entrinnen. Und was passiert, wenn dann jemand sagt „…hör mal, du kannst einen Tausender pro Monat verdienen…“? Die Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen hier im Quartier, in allen drei Nordstadt-Quartieren, ist letztlich der Auslöser dafür, dass die Drogenkriminalität so floriert. In dem Gewerbe gibt es keine Nachwuchsprobleme. Die oft diskutierte Maßnahme, weiche Drogen möglicherweise zu legalisieren und eine streng kontrollierte Abgabe harter Drogen einzuführen, ist sicherlich ein brauchbarer Ansatz gerade für die Nordstadt, aber bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg.

Redaktion: Frau Kritzler vielen Dank für dieses interessante Gespräch mit vielen engagierten Stellungnahmen.

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