BLIND DATE – ein ganz besonderer Fanclub des BVB

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BLIND DATE-Vorsitzende Daniela Schmidt mit Meisterschale und Pokal

Borussia Dortmund kann die stolze Anzahl von rd. 700 Fanclubs aufweisen. In diesem Artikel soll es aber um einen ganz besonderen Fanclub gehen, nämlich dem Fanclub BLIND DATE.

BLIND DATE ist ein Fanclub, deren Mitglieder zum größten Teil blind oder stark sehbehindert sind. Für viele Leser ist es dabei wahrscheinlich überraschend, dass zahlreiche Mitglieder von BLIND DATE trotz ihrer Einschränkung regelmäßig die Spiele des BVB besuchen.

Denn BLIND DATE ermöglicht seinen Mitgliedern, das Stadion-
erlebnis live zu erfahren. Wie das funktioniert, warum und seit wann es BLIND DATE gibt und noch viele andere Fragen konnte „Anpfiff“ in zwei Interviews erfahren. Fanclubleiterin Daniela Schmidt und Markus Bliemetsrieder, der die Spiele im Dortmunder Stadion für Fans mit visueller Einschränkung kommentiert, beantworteten unsere Fragen.

Redaktion: Seit wann besteht der Fanclub BLIND DATE und was war der Auslöser ihn zu gründen?

Daniela Schmidt: Am 01.04.02 haben wir uns gegründet, seit dem 14.04.02 sind wir bei Borussia Dortmund als offizieller Fanclub registriert. Etwa 8 sehbehinderte/blinde BVB-Fans – wir waren alle irgendwann einmal auf derselben Schule – hatten die Idee, sich in einer Gruppe zu organisieren. Die Rollstuhlfahrer hatten das ja auch so gemacht, warum also nicht auch die Fans mit visueller Einschränkung.

Redaktion: Ist BLIND DATE ausschließlich ein Fanclub für Blinde und Sehbehinderte oder sind auch Menschen mit anderen Behinderungen Mitglieder?

Daniela Schmidt: Unser Ziel war und ist es, uns für die Belange der Fans mit visueller Einschränkung zu engagieren. Mittlerweile zählen auch 5 Rollstuhlfahrer sowie 2 Fans mit Lernbehinderung zu unseren Mitgliedern.

Redaktion: Wie viele Mitglieder hat BLIND DATE aktuell und gibt es regelmäßige Fanclub-Treffs bei euch?

Daniela Schmidt: Unser Fanclub hat momentan 42 Mitglieder. Wir treffen uns ein Mal monatlich.

Redaktion: Kommen die Mitglieder von BLIND DATE alle aus dem Raum Dortmund oder auch von weiter entfernt?

Daniela Schmidt: Unsere Mitglieder kommen zum Großteil aus dem Dortmunder Umkreis. Bei uns gibt es aber auch Mitglieder aus Stuttgart, Nordhorn und Dillenburg.

Redaktion: Besucht euer Fanclub ausschließlich die Heimspiele des BVB oder geht es auch zu Auswärtsspielen?

Daniela Schmidt: Es gibt Mitglieder, die ausschließlich Heimspiele besuchen. Einige von uns fahren gemeinsam zu den Bundesliga-Auswärtsspielen, aber auch zu Auswärtsspielen im Europa-Pokal. Flüge und Hotels nach Porto sind bereits gebucht. Wir waren auch mehrfach bei DFB-Pokalendspielen und beim Champions League-Endspiel in Wembley. In den CL-Saisons 2011/12 und 2012/13 waren wir bei fast allen Auswärtsfahrten (außer in St. Petersburg und Donezk); 2013/14 haben wir sogar alle Auswärtsspiele besucht. Die Organisation einer Auswärtsfahrt ins europäische Ausland gestaltet sich meist sehr schwierig, da wir mittlerweile ein festes Team sind und dazu zählt auch ein Rollstuhlfahrer. Vielen Menschen ist der Aufwand, der dahinter steckt, oft nicht klar.

Redaktion: Als Mensch mit normaler Sehkraft kann man es sich nur schwer vorstellen, wie man als Blinder oder stark Sehbehinderter ein Spiel live auf der Tribüne erlebt. Könntet ihr das einmal näher beschreiben, wie die BLIND DATE-Fanclub-Mitglieder ein Spiel mit seinen Toren und Höhepunkten verfolgen? Gibt es da einen Kommentator oder spezielle technische Hilfsmittel?

Daniela Schmidt: Es gibt für uns eine spezielle Reportage, die seit 2005 von zwei Reportern durchgeführt wird. Über Kopfhörer und spezielle Empfangsgeräte können wir so das Spiel live verfolgen.

Redaktion: Spielt auch die Geräuschkulisse und ihre Veränderungen eine Rolle, um das Spiel zu erleben?

Daniela Schmidt: Unbedingt! Für mich war die Stimmung der eigentliche Auslöser, ein Fußballspiel zu besuchen. Die Kulisse im Stadion gehört zum Paket „Fußballerlebnis“. Ein Fußballspiel ohne Kulisse ist wie Borussia ohne die Süd. Ich persönlich achte in erster Linie auf die Reaktionen der Süd und danach auf die Kommentatoren. In den Stadien, in denen es kaum eine „Kulisse“ gibt, muss ich mich auf die Reporter verlassen.

Redaktion: Wie ist euer Verhältnis zum BVB? Werdet ihr wie ein „normaler“ Fanclub behandelt oder gibt es da Besonderheiten?

Daniela Schmidt: Wir haben ein gutes Verhältnis zum BVB. Mittlerweile sind wir dort auch gut bekannt. Ja, wir werden wie ein „normaler“ Fanclub behandelt. Das ist aber nicht immer von Vorteil, da wir für weitere Auswärtsfahrten länger planen müssen. Eine zügige Nachricht, ob uns bestellte Tickets zugeteilt werden, wäre aufgrund dessen schon von Vorteil – ist aber leider nicht immer möglich. Ende November 2015 wurden wir in den Fanrat gewählt – das Sprachrohr zwischen Fans und Verein.

Redaktion: Gibt es Fanclubs bei anderen Bundesligisten, die mit BLIND DATE vergleichbar sind und habt ihr Kontakt miteinander?

Daniela Schmidt: Ja, es gibt
z. B. den Fanclub Berliner Sehbären von Hertha BSC Berlin. Zu ihnen haben wir gute Kontakte. Außerdem auch zu den Blindfischen aus Rostock.

Redaktion: Könnt ihr einmal beschreiben, wie euer Tagesablauf bei einem BVB-Heimspiel aussieht? Trefft ihr euch schon vorher oder erst im Stadion?

Daniela Schmidt: Bei sehr gutem Wetter, z. B. im Sommer, treffen wir uns ca. 2 Stunden vor Anpfiff in der Roten Erde, um ein wenig zu plauschen. Eine Stunde vor Anpfiff treffen wir uns an „unserem“ Treffpunkt und gehen dann gemeinsam durch den Sondereingang ins Stadion und zu unseren Plätzen.

Interview mit Markus Biemetsrieder

Die Grundvoraussetzung dafür, dass die Mitglieder von BLIND DATE das Stadionerlebnis live wahrnehmen können, sind sachkundige Kommentatoren, die auch über eine entsprechende technische Ausrüstung verfügen müssen. „Anpfiff“ sprach darüber mit Markus Bliemetsrieder, der regelmäßig für BLIND DATE die Spiele im Dortmunder Stadion kommentiert.

Redaktion: Markus, du bist als Reporter/Kommentator für BLIND DATE im Stadion tätig. Wie kam es eigentlich dazu?

Markus Bliemetsrieder: Ich wurde vom Behindertenfanbeauftragten des BVB Uwe Pless im März 2005 angesprochen, ob ich mir so eine Tätigkeit vorstellen könnte. Zum damaligen Zeitpunkt machte ich einiges für das Privat-Radio, war im Fußball-Umfeld aktiv und kannte mich als ehemaliger Fußball-Spieler der zweithöchsten Jugendklasse ganz ordentlich im Fußball aus.

Redaktion: Brauchtest du dafür eine besondere Schulung oder basiert das alles auf Eigeninitiative?

Markus Bliemetsrieder: Mein Kollege und ich haben uns stark an der Zielgruppe orientiert. Wie soll die Reportage am besten erfolgen, was sollte unbedingt berücksichtigt werden, wie hart bleibst du als Reporter am Fußballgeschehen. Deswegen gab es anfangs auch sehr viele Feedbackgespräche. Die Verortung des Spiels ist die wichtigste Aufgabe des Blindenreporters im Stadion. Wo befindet sich Ball und Spieler, wie stellt sich die Taktik dar, wie wird der Ball hereingegeben? Flach diagonal mit Pass über 15 Meter oder parallel zur Fünfmeterraumlinie in Mittelstürmerposition. Da sind wir häufig Schnellsprecher und Wortakrobaten.

Redaktion: Benutzt du technische Hilfsmittel beim Kommentieren oder wie muss man sich das vorstellen?

Markus Bliemetsrieder: Wir sitzen auf der Pressetribüne, haben unsere Headsets auf und die Reportage wird per Funk zu unseren Hörern gesendet.

Redaktion: Ihr sitzt immer im gleichen Block?

Markus Bliemetsrieder: Ja, im Pressebereich haben wir seit 2005 unseren Stammplatz.

Redaktion: Wie sieht eure Spielvorbereitung aus?

Markus Bliemetsrieder: Im Vorfeld einer Partie liest du natürlich sehr viel. Über den Gegner, die bevorzugte Taktik, welche Stärken und Schwächen hat die gegnerische Mannschaft. Bei der UEFA erhältst du bei internationalen Spielen zudem eine Pressemappe mit allen Details zu beiden Mannschaften. Zu jedem einzelnen Spieler brauchst du ferner Hintergrundwissen, damit du Spielpausen überbrücken kannst. Du musst eine richtige Mischung finden. Live geht vor Re-Live. Das heißt, du bist zu allererst hart am Spielgeschehen und immer auf Ballhöhe und nur ab und an kannst du kommentierende Inhalte bringen. Du brauchst schon eine gewisse Erfahrung, um eine perfekte Reportage abzuliefern.

Redaktion: Auf welche Art und Weise kommentiert ihr das Spiel?

Markus Bliemetsrieder: Ganz wichtig ist eine möglichst neutrale Berichterstattung, ähnlich wie in einer Hörfunkreportage. Diese beiden Medien sind wie Bruder und Schwester. Sie kommen aus einer Familie, allerdings ist die Blindenreportage detaillierter und noch mehr auf die Bedürfnisse der Hörer zugeschnitten. Es hören zudem nicht nur Mitglieder des Fanclubs BLIND DATE zu, sondern es sind auch Hörer/Fans der Gastmannschaft im Stadion. Da wollen wir einen perfekten Service anbieten. Das Spiel und die Reportage stehen im Vordergrund und nicht der Blick durch die Vereinsbrille.

„Anpfiff“ bedankt sich bei
Daniela Schmidt und Markus Bliemetsrieder für die vielen
interessanten Informationen.
Mehr über BLIND DATE im Internet unter: www.bvb-blinddate.de

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