Deutsch lernen mit drei Kindern an der Hand

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Gemeinsam mit zwei Minijobber*innen und mehreren Ehrenamtlichen arbeiten Anna-Marie Wahle (l.) und Ingibörg Pétursdóttir an der Chancengleichheit in Hörde und Europa. (Foto: IN-StadtMagazine)

„Ich muss Deutsch sprechen“, äußert Basma Sido so schlicht wie überzeugend gegenüber dem Online-Sender WDRforyou. Die Irakerin lebt seit 2016 mit ihrem Ehemann Jalal und ihren sieben Kindern in Hörde. Passenderweise rief der Verein Chancengleich in Europa, dessen Seminarräume in Basmas unmittelbarer Nachbarschaft liegen, im gleichen Jahr einen Konversationskurs ins Leben.

Der gemeinnützige Verein, der im August sein zehnjähriges Bestehen feierte, richtet seinen Fokus auf die Themen Bildung und Migration und hat sich zum Ziel gesetzt, die „Chancengleichheit in Bildung und Beruf“ voranzutreiben „und Diskriminierung jeglicher Art zu bekämpfen“, wie es im Flyer zum Verein heißt. Hier vor Ort bedeutet das für Mitarbeiterin Anna-Marie Wahle: „Wir versuchen, in Hörde so ein bisschen die Menschen zusammenzubringen.“ So führt der Verein einerseits Projekte auf europäischer Ebene durch und bietet gleichzeitig ein offenes lokales Angebot für Dortmund und die unmittelbare Hörder Nachbarschaft.

Vor allem Frauen nutzen Konversationskurse
Bald zeichnete sich ab, dass sich vor allem Frauen für die Konversationskurse interessierten. Als Hauptverantwortliche für die Kinder, für die in Dortmund erst einmal ein Betreuungsplatz gefunden werden muss, freuten sie sich über eine Möglichkeit, „mit drei Kindern an der Hand, mit vollgepacktem Kinderwagen“ an zwei Tagen in der Woche die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen, erzählt Wahle. Während der Kurse steht den Kindern ein gut ausgerüstetes Spielzimmer zur Verfügung. Für den Kurszeitraum am Mittwoch konnte sogar eine Ehrenamtliche für die Kinderbetreuung gewonnen werden. Ansonsten haben Wahle und Ingibörg Pétursdóttir, Geschäftsführerin des Vereins, mit den Frauen eine Vereinbarung getroffen: Wenn ein Kind die Aufmerksamkeit der Mutter braucht, verlässt diese den Kursraum und stößt wieder hinzu, sobald es ihr möglich ist, so „dass der restliche Fluss nicht unterbrochen wird“.

Eine besondere Herausforderung stellt für den Verein das sehr unterschiedliche Sprachniveau dar, das die Frauen mitbringen. „Manche sind wirklich gut gebildet in ihrer Heimat und manche sind nicht alphabetisiert“, erzählt Pétursdóttir. Um diesen Gegebenheiten gerecht zu werden, werden in Kürze zwei weitere Ehrenamtliche „gezielter auf die Bedürfnisse der Frauen eingehen“, so Wahle.

Kurse sind gefragt
Ihre eigene Stelle wurde durch das Land Nordrhein-Westfalen für das Projekt „DIGI. Das digitale Lernzentrum in Hörde“ ermöglicht, das allen Interessierten niedrigschwellige Computerkenntnisse vermitteln soll. Die Kurse erreichen vor allem Senior*innen, die laut Wahle „den Anschluss nicht verlieren wollen“, aber auch jüngere „Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen“, wie es im Flyer zum Projekt heißt. In den vergangenen Monaten konnte Wahle die Erfahrung machen, dass sich diese Gruppen sehr gut ergänzen, da die Jüngeren besonders schnell lernen und den Älteren die Inhalte vermitteln können, während die Älteren als Muttersprachler*innen ihren Mitlernenden die deutsche Sprache näherbringen. So verständigten sich die Teilnehmenden mit deutschen „Brocken, aber die verstehen sich“. „Ganz im Sinne des Begegnungszentrums“ ergebe sich so eine „Win-win-Situation“.

Grundsätzlich legt Wahle Wert darauf, „dass jeder mitkommt“ und das Gelernte „wirklich so aktiv zu Hause nachverfolgen“ kann. Das scheint anzukommen, denn ihre Kurse sind gefragt und in der Regel ausgebucht. Eigentlich Grund genug für die Landesregierung, das Projekt auch im nächsten Jahr zu unterstützen.

Hilfe beim Verfassen von Bewerbungen
Ein besonderes Element der Computerkurse ist eine Unterstützung beim Verfassen von Bewerbungen. So führte beispielsweise die Technische Universität Dortmund bei CHANCENGLEICH in Europa e. V. einen Workshop durch, um Geflüchteten die Online-Bewerbung nahezubringen, die sie aus ihren Heimatländern vielfach nicht kennen. „Das ist etwas, was neben der Sprache die Menschen auch ausgrenzt, wenn sie mit den digitalen Medien nicht zurechtkommen“, so Pétursdóttir. Denn ohne angemessene Bewerbung ist eine gute Stelle in weiter Ferne. Und „die meisten von denen waren nicht glücklich, dass sie Hartz IV bekommen mussten.“

Auch Jalal nutzte das Angebot des Vereins. Momentan arbeitet er als Ehrenamtlicher bei der Tafel. Aber nachdem er WDRforyou gegenüber geäußert hatte: „Ich möchte hier einen Bus oder einen LKW fahren“, erhielt er den Hinweis, seine Bewerbungsunterlagen an die DSW21 zu schicken. Mitte August stellte er deshalb bei CHANCENGLEICH in Europa alles Notwendige zusammen.

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