Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

0
200

Teil 9

Der Reichsinnenminister ist erst seit Kurzem im Amt. Er ist auf Empfehlung zu der Gemeinschaft gestoßen, wie so viele, die das alte System der Dinge verlassen und sich in die Arche flüchten.
Die Verängstigten, Niedergedrückten, die Aggressiven und Pöbelnden kann man nur als Siedlervolk einplanen. Sie brauchen Zuwendung und Pflege, bevor sie gedeihen und an höhere Aufgaben herangeführt werden können.
Die Befähigten mit germanischen Blutwurzeln sind spärlich gesät. Fast alle sind bereit, eine Aufgabe zu übernehmen. Die Ministerien sind endlich besetzt. Die Regierung vollständig und funktionsfähig.
Ein Gynäkologe aus Schweinfurt ist der Letztberufene. Wie selbstverständlich übernimmt er das Ministerium für Rasse, Hygiene und Familie, nachdem er sich von seiner Frau, einer unsauberen negroiden Mischgeburt getrennt hat.
Der Reichsinnenminister, ein drahtiger Mensch mit einem gepflegten Salz und Pfeffer Spitzbart, gratuliert seinem Amtskollegen zu so viel Mut und Konsequenz.
‚Mischgeburt‘ ist natürlich eine Wortschöpfung der Reichsverweserin. Sie lächelt. Sie mag Wortspiele.
Ein sehr tüchtiger Politiker, dessen Tauglichkeit auch für ihre Sache außer Zweifel steht, ist mit dem Wort ‚ausschwitzen‘ aufgefallen. Die Reichsverweserin hat den respektablen Wortbeitrag des Mannes aufgegriffen und geschärft. ‚Auschwitzen‘ muss es heißen. Ohne ein verfremdend eingefügtes ‚s‘. Mut zur Wahrheit. Mut zur Konsequenz.

Das Wohnzimmer füllt sich. Die Regierung ist beschlussfähig.
Eine Messingglocke in der Hand der Reichsverweserin. Mit ihrem Klang ersterben die Gespräche.
Die Vorsitzende verliest die Tagesordnung, bestimmt den Protokollanten. Zwei weitere Frauen sind anwesend. Eine stämmige Brünette ist Staatssekretärin im Reichskonfliktministerium. Sie hat einen entschlossenen Blick. In ihrem angestammten Zivilberuf als Kassiererin in einem Drogeriemarkt ist sie verschwendet.
Die andere entstammt einem heimattreuen Haus. Sie ist eine der Wenigen, die genau weiß, was auf die Reichsregierung zukommt. Unterdrückung und Verfolgung sind ihre Wegbegleiter von Jugend an. Sie betreibt einen Blog und bestückt trotz ihrer Jugend Nachrichtenkanäle und Internet-Portale mit Aufklärungsvideos und Podcasts. Schon oft sind ihre Streams gelöscht und zensiert worden. Immer wieder rappelt sie sich unerschrocken auf und verkündet die WAHRHEIT. Oft trägt sie ‚stone washed‘ Jeans und modische Accessoires. Zum Anlass der konstituierenden Sitzung des Reichskabinetts allerdings ist sie gekleidet wie ein deutsches Mädel. Der Glockenrock schwingt mit dem Saum exakt eine Handbreit unter den Knien. Weiße Söckchen, braune Wildlederschuhe und eine Rüschenbluse, die sie eigens für diesen Anlass bei Zara gekauft hat. Blonde Zöpfe. Eine Reichsfrauenspange am Revers des grünen Filzjankers. Allerliebst.
Sie steht etwas abseits der illustren Gruppe und filmt mit einer Handkamera. Sie ist die amtierende Reichspropagandaministerin.

Mit knapper Gestik und in angestrengter Tonlage verliest die Reichsverweserin die gerade fertiggestellte Proklamation. Die Kamera läuft.
‚Wir schreiten zur Abstimmung‘, sagt der Reichsinnenminister. Er befehligt die Polizeikräfte, die die vom ‚Obersten Femegericht aller Volksdeutschen‘ verhängten Strafen exekutieren werden. ‚Exekutieren‘. Wieder solch ein köstliches Wortspiel.
Die Reichsverweserin genießt den Augenblick, in dem ohne Zögern alle Hände hochgehen. 18 Ja-Stimmen, keine Nein-Stimme, keine Enthaltung, Einstimmig angenommen. So geht Volksherrschaft!
Sie sind unter sich. Sie müssen kein Blatt vor den Mund nehmen. Das tun sie auch nicht.
Viele Dinge müssen geregelt werden.
Volksbewaffnung. Notstandsgesetze, wenn die erste Verhaftungswelle über das vom Volkstod bedrohte Land geschwappt ist. Bodenverteilung. Währungsreform. Die Rückführung fremdrassiger Elemente.
Letzteres ein geliebtes Steckenpferd der Reichsverweserin. Sie nimmt sich eine kleine Auszeit von der Tagesordnung, schenkt Getränke aus und doziert mit erhobenem Zeigefinger.
Der Reichspräsident, ein beleibter Mittvierziger mit violettem Kummerbund und Seehundschnauzbart, der als Zigarrenhändler auf schwankender wirtschaftlicher Grundlage agiert, verzeiht unwillkürlich sein Gesicht. Er weiß, was kommt. Hat es schon dutzende Male gehört. Oft Wiederholtes verliert seinen Charme.
Er reißt sich zusammen. Nimmt Haltung an. Die Würde seines Amtes erfordert es.

‚Hottentotten, meine sehr verehrten Damen und Herren‘. Die Reichsverweserin macht eine bedeutsame Pause. ‚Die Hottentotten sind der Volkstod‘. Sie rückt die Perlenkette zurecht. Die Kamera filmt.
‚Das germanische Stammesgebiet ist geflutet von Hottentotten. Nein, nicht nur von Migranten mit ihrer invasiven, kulturfeindlichen Lebensart. Das wäre weitaus zu kurz gegriffen.‘
Die Reichsverweserin schweigt. Es ist ein heiliger Augenblick.
‚Hottentotten ist ein einfacher, ehrlicher Sammelbegriff für Abschaum, menschlichen Unrat, Schädlinge, Lügenschaftler‘.
Sie ballt die rechte Hand zur Faust. Reckt das Kinn. Ein kurzes Lächeln. Das Wort ‚Lügenschaftler‘ ihre eigene Wortschöpfung. Es wird das erste neue Wort im Volksduden sein. Unsterblichkeit der Lohn für ihre Mühe.
Nach diesem erfrischenden Exkurs weitere Beschlüsse und die Auflösung der Versammlung.
Es gibt kein Zurück mehr.
Für die Zukunft gelten die Grundsätze von Agitation und Konspiration. Man schlägt zu und begibt sich in den Untergrund. Die Reichskommandozentrale koordiniert das weitere Vorgehen.
Die Reichsverweserin und ihr Stellvertreter bleiben zurück, um die Details ihres Rückzugs zu besprechen. Der Minister hat die Pläne gemacht. Er weiht die Regierungschefin ein. Die Repression der ‚Staatlinge‘ hat keinen Angriffspunkt. Hilflos taumeln sie dem Untergang entgegen.
Es ist besiegelt. Der Reichsinnenminister prostet der Reichsverweserin mit einem mitgebrachten Beerenwein zu.
Im Hochgefühl des nahenden Sieges trinkt sie auf Deutschtum und menschliche Würde.
Sie ist glücklich.
Wahrscheinlich ist sie es immer noch. Wir wissen es nicht, denn sie ist verschwunden. Spurlos verschwunden.
Nicht erreichbar für ihre Getreuen, als ein Vereinsverbot verhängt wird. Stumm, als sich Staatsanwaltschaften und Polizei auf ihre Anhänger stürzen. Unsichtbar, als die Medien die Geheimnisse der Gemeinschaft ans Licht zerren.
Die Reichsverweserin hat sich in Luft aufgelöst.

guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments