Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 7
Sie ist das Cover auf der Vogue in Thierry Mugler. Feingliedrig. Dramatisch gesenkter Blick. Kränklicher Teint. Die Haare streng zurückgegelt. Pose. Alles Pose. Unnahbar und ein Stück bedruckter Stoff in asymmetrischem Faltenwurf über schmerzhaft geschnittenen High Heels.
Dieselbe Frau im Zeitraffer in die Gegenwart hineingealtert. Bleich. Kein Make-up. Ausgezehrter Look. Jeans. Ein Pullover mit aufgestelltem Kragen. Pferdeschwanz.
Noch immer elegant, aber ohne Verkleidung ungeschützt müde und angespannt. Kleine Fältchen neben Mundwinkeln und Augenpartie. Krähenfüßezeit. An den Füßen weiße Sneaker, die überraschend klobig wirken.
Sie steht vor einem Supermarkt. Schaut sich um. Eine anonyme Durchgangsstraße in einer anonymen Durchgangsstadt.
Sie macht alles so, wie man es ihr gesagt hat.

Es war schwer für sie, Vertrauen zu fassen. Vertrauen in ihren Kontakt und Vertrauen in ihre eigene Zukunft. Mit der Heirat hatte sie ihre Selbstbestimmung zusammengefaltet und in einen goldenen Käfig getan. Sie war hinterher geschlüpft und hatte die Käfigtür hinter sich ins Schloss gezogen. Den Schlüssel hatte ihr Mann. Nur ihr Mann.
Mädchen in Russland werden belogen. Wenn die Familie damit aufhört, belügen sie sich selbst.
Mädchen in Russland lernen zu gefallen. Sie sind klug, hübsch und haben Träume. Familie, finanzielle Sicherheit an der Seite eines ‚Businessman‘. Traumhochzeit. In jungen Jahren Verführerin auf der Klaviatur der Lockkünste. Anstrengend. Selbstverleugnend. Perfekte Fassade.
Die Männer balzen, grob, angeberisch, breitbeinig. Vielleicht Muskeln, vielleicht Autos, vielleicht marktschreierischer Geschäftserfolg. Möglichst alle drei.
Gockelgehabe trifft auf damenhafte Geziertheit.
So findet man sich. Bespricht sich. Macht sich etwas vor. Träumt ein kurzes Stück gemeinsam.
Dann Heirat.
Schnell Alptraum.
Scheidung.
Ein oder zwei Kinder, die bei der Großmutter aufwachsen.
Danach nur noch ein kurzes Zeitfenster für einen vielversprechenden Neuanfang. Die Phase zwischen Aufblühen und Verblühen. Sie ist bereit. Entschlossen zu handeln. Bereit, wie bisher.

Es fängt mit einer Whats App Nachricht an. Eine Freundin aus alten Tagen. Eine Schulfreundin aus Jekaterinburg.
Sie schreiben. Tauschen sich aus. Alte Geschichten. Neue Geschichten.
Sie klagt ihr Leid.
Der Aufstieg in die High Society. Die Angst vor dem Versagen. Männeraugen, die sich an ihr festsaugen. Tabletten und Alkohol. Die Irina von einst abgestorben. Ihre Mädchenträume, bunt und optimistisch, zugeschüttet von aufgetürmtem Luxus. Hohl, nichtssagend, austauschbar. Sie verkümmert.
Es kommt, wie es kommen muss. Der teigige Unternehmer. Nicht ohne linkischen Charme. Fast ein Autist. Märchenhaft reich. Er überschüttet sie mit Taschen, Schmuck und Pelzen. Privatflugzeug, Luxusautos, Villen, Bedienstete. Heirat. Noch einmal in den Gazetten. Dann ein eigenes Label, eine eigene Parfumlinie, eigenes Schmuckdesign. Irina gibt den Namen, kreative Köpfe die Ideen. Sie ist eine Puppe, die man vorzeigt und nach Gebrauch wieder wegstellt an ihren Platz im Regal.
In der Ehe gelingen keine Kinder. Ihr Mann verliert das Interesse. Sie streiten. Er hat das Geld. Er entscheidet, wann es vorbei ist. Goldener Käfig. Bald nur noch Käfig.

Die Freundin redet ihr gut zu. Sie muss herausfinden, womit Ostopenko sein Geld verdient, mit wem er Geschäfte macht, was seine Geheimnisse sind. Passwörter, Konten, Dateien. Sie muss sich Zugang verschaffen.
Irina verliebt sich in die Idee. Sie fängt an, wieder farbig zu träumen. Ist aktiv. Ist manipulativ. Tauscht Strategien mit der Freundin aus.
Diese ist IT-Spezialistin. Sie hinterlegt Equipment und Anleitungen. Irina lernt schnell.
Für Ostopenko bleibt sie Irina, die abgelegte Ehefrau. Er hat sie gezähmt. Sie scheint sich mit ihrem Leben abgefunden zu haben. Macht viel Sport und viel Shopping. Gut so. Er hat zu tun in seiner eigenen Welt.
Er schöpft keinen Verdacht. Sein Leben besteht aus Vorsichtsmaßnahmen und Misstrauen. Gegenüber jedem und allem. Nicht gegenüber Irina. Sie ist unbedarft. Gebrochen. Er beherrscht sie.
Was Irina beherrscht sind Minikameras, Speichersticks, Enschlüsselungssoftware und einen ständig wachsenden Vorrat an Zugangscodes, Passwörtern und Kontoinformationen. Datenströme fließen unerkannt ab. Aus dem Büro, dem Serverkeller, dem Panikraum.

Ihre Freundin sorgt für ein Ablenkungsmanöver. Irina kennt den Tag. Die Uhrzeit. Sie weiß, dass es ein Schuss sein wird. Harmlos und später die Kinder. Sie hat für alle Laserpointer in Tierform in einem Billig Discounter besorgt.
Als es soweit ist, geht sie. Ihr Konto hat sie bei einer Liechtensteinischen Bank eingerichtet. Sie steht vor dem Supermarkt. Tut wie besprochen. Die Daten werden übertragen. Die Übertragung dauert lange.
Später wird sie sich mit der Freundin treffen. Millionen auf ihrem neuen Konto.
Nur Minuten nach der Transaktion ist Ostopenko ruiniert. Ein eingeschleuster Virus frisst sich durch sein Netzwerk. Die Überseekonten geleert. Dokumente fragmentiert. Super-GAU.
Der Mann ist nackt. Nackte Männer leben gefährlich.
Irina hat den Kontakt zu ihrer Freundin verloren aber das Geld bleibt auf ihrem Konto. Sie ist verwirrt. Sie versteckt sich in einer Pension. Sie schläft unruhig. Schon morgen wird sie den Duft der Freiheit einatmen und aufblühen. Ein zweites Mal aufblühen vor dem Verblühen. Eine letzte Chance. Sie wird sie nutzen.
Henri klappt seinen Laptop zu. Er beerdigt sein Alter Ego als Irinas Schulfreundin. Er ist mit dem Ergebnis zufrieden.
Es ist ein anderes Problem, das ihm Sorgen macht.

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