Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 6
Er wechselt die Wohnung. Wieder einmal. Er ist gut organisiert.
Es ist ein ermüdender Aufwand. Packen. Reinigen. Spuren verwischen.
Routine. Notwendige Routine.
Vielleicht hängt er deshalb so an Henri, dem Hamster. Henri pendelt zwischen seinem Bau, dem Futter und dem Rad. Ausdauernd. Ohne Variationen. Manchmal nimmt er ihn in die hohle Hand. Schwarze Knopfaugen und eine angenehme Wärme. Dann zieht es Henri zurück zu dem Dreiklang aus Nest, Futter und Rad. Die Routine ist sein Zuhause.
Bei ihm ist es ebenso.
Seine neue Bleibe hat ihm Airbnb vermittelt. Ein Künstler auf Konzertreise stellt zwei Zimmer zur Verfügung. Der Schlüssel unter einem Blumentopf. Klassiker.
Wichtig für ihn ist der winzige Balkon mit freier Sicht über den Ostteil der Stadt. Es ist der Bezirk, der sich hoch oben an den Hügel krallt. Blutrot taucht die Sonne auf und schwimmt der Stadt entgegen, bevor sie zu steigen beginnt und einen hochmütigen Blick auf die Dächer wirft.
Das Fernglas zeigt ihm das Haus, in das er in der vorigen Nacht den Lichtpunkt und die Kugel geschickt hat. Totenstille. Er kann sich denken, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Der Adressat der Botschaft ist in einen Schock verfallen. Ist auf dem Boden entlang gekrochen. Todesangst. Atemnot. Warten auf den nächsten Einschlag.
Viele kleine Tode später die Flucht aus dem Raum. Schnitte im Gesicht. Schnitte an den Händen. Gezänk mit der Frau. Ein russisches Model. Zur Perfektion operiert. Sie bearbeitet ihren Modelkörper und die Kreditkarten mit gleicher Hingabe. Sie ist eine Trophäe. Sein Besitz. Sie stört.
Er drängt sich an ihr vorbei. Läuft zum Panikraum, der alles enthält, was sein Überleben und sein Geschäftsmodell sichert. Stahlummantelung. Ein Tresor für Menschen. Kommandozentrale.
Jetzt ist er in Sicherheit. Er handelt.

Der Beobachter rückt das Fernglas eine Winzigkeit nach links unten.
Er kann sehen, was sein Zielobjekt in Bewegung gesetzt hat.
Keine Polizei. Keine Streifenwagen. Keine Flucht aus dem Anwesen.
Stattdessen zwei Fußgänger, die angelegentlich die Stelle untersuchen, an der sich der Beobachter befunden hat. Sie fotografieren. Sichern Spuren. Sie werden nach seinem Versteck suchen. Werden den Vermieter ausfindig machen. Werden in einer Sackgasse landen.
Vor dem Anwesen fährt ein Truck vor. Ein Gabelstapler wuchtet Scheiben heraus. Sicherheitsglas. Schussfest. Eine Sofortmaßnahme. Weitere Vorkehrungen werden folgen. Der Beobachter erwartet Flutlicht, Wachpersonal. Kamerasysteme.
An Geld ist kein Mangel. Das Geld anderer. Das ist das Geschäft seines Zielobjekts. Er hat als Nerd angefangen und sich zum Hackerkönig hochgearbeitet.
Internet-Erpressung, Troll-Fabriken, Fake News. Spam. Bitcoin Country.
Der Mann befehligt eine kleine Armee von Cyber-Profis, vernetzt in aller Welt. Onion Router. Anonym. Darknet forever.
Gier ist ein schlechter Ratgeber. Gier ist schrankenlos. Jenseits der Schranken parken die falschen Leute. Leute, die instabil sind wie Nitro und Glyzerin. Leute, die man nicht verprellen sollte. Leute, die man mit Samthandschuhen anfasst.

Der Hacker hat die Samthandschuhe ausgezogen. Er versteckt sich hinter seiner Troll-Armee. Fühlt sich unbesiegbar. Napoleon-Syndrom. Er verletzt die Regeln.
Für ihn jenseits der Schranken Schmerz. Nur Schmerz. Er weiß es noch nicht wirklich. Hält die Attacke für den Höhepunkt einer Auseinandersetzung. Prüft seine Reserven. Prüft seine Möglichkeiten. Ist zufrieden. Zufrieden wie eine satte Katze. Er igelt sich ein und wartet den Sturm ab.
Er hat Material. Viel Material. Gegen viele Leute. Leute, die sich wichtig nehmen. Sie werden ihn fürchten lernen.
Er reibt sich die Hände. Vorfreude.
Fabriken werden nicht mehr produzieren. Städte ohne Strom und Wasser. Zeitungen werden Dossiers erhalten. Politiker diskreditiert.
Nur er wird obenauf schwimmen. Ein Korken auf seiner eigenen Empörungswelle.
Später wird sich alles beruhigen und er wird das Quartier wechseln. Er wird die Frau wechseln. Er wird sich einen Geländewagen von Lamborghini zulegen und ihn tunen lassen. Er ist reich. Entsetzlich reich. Er kann sich alles leisten und die anderen nichts. So geht das Prinzip der Auslese. Er trinkt von dem Whiskey, der ihm nicht schmeckt aber 8.000 $ pro Glas kostet. Das ist entscheidend.
Seine Welt. Seine Regeln.
Der Beobachter weiß das alles. Es ist unerheblich.

Er wartet auf eine Nachricht. Als diese kommt, schreibt er. Ein Text voller Optimismus.
Noch eine Stunde, sagt man ihm. Er macht sich ein Brot. Vollkorn, Skyr und Schnittlauch. Was zum Kuckuck ist aus der guten alten Markenbutter geworden? Allerdings ist der Skyr erfrischend säuerlich und schmackhaft. Man muss mit der Zeit gehen.
Die Sonne macht sich davon. Brennt zwischen den bewaldeten Bergrücken und verliert ihre Göttlichkeit an den Fürsten der Dunkelheit. Dämmerung.
Die Kinder kommen.
Umringen das Anwesen. Sie strecken die Hände aus. Fixieren das Ziel. Für sie ist es ein Spaß. Für ihn auch.
18.23. Ein Anruf erreicht das Haus.
Das Zielobjekt stürzt auf die Terrasse. Lichtpunkte erfassen ihn, kreuzen sich, suchen nach seinen Augen.
Es dauert eine Weile, bevor er versteht. Dann hechtet er über die Balustrade, wie ein dickbäuchiges Amphibium. Rudernde Gliedmaßen. Im Fernglas der Schrei bildlich aufgefangen. Er stürzt. Aufschlag hinter einer Ligusterhecke.
Ein Riesenspaß für die Kinder mit den geschenkten Laserpointern. Noch eine Weile fuchteln sie animiert. Dann zerstreuen sie sich.
Henri bearbeitet das Rad. Für ihn ist es niemals vorbei. Für ihn ist es immer nur eine Etappe.
Für den Beobachter ebenso.

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