Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 5
Er frisst Kilometer um Kilometer. Kommt an. Alles ist bereit.
Schlaf. Zunächst einmal Schlaf. Eine Nacht und ein halber Tag.
Ausgehungert wie ein Wolf. Der Supermarkt auf halber Strecke war gut zu ihm. Er dehnt sich schläfrig. Gähnt ausgiebig. Spinnweben im Kopf. Essen oder duschen?
Essen gewinnt. Eier und Speck brutzeln in der Pfanne. Die Brötchen schon etwas zäh.
Er wundert sich über seinen Einkauf. Schokoriegel, Drei Sorten Weichkäse. Eine überdimensionierte Salami. Die Großpackung Müsli ohne Rosinen. Fressfantasien eines Reisenden.
Er isst mit dem Löffel aus der Pfanne. Isst im Stehen. Kaut mit vollen Backen. Heiß. Buttrig. Gut. Er reißt Brötchen in Stücke und wischt die Pfanne aus. Trinkt Buttermilch in großen Schlucken hinterher. Spürt den Energieschub und das Völlegefühl.
Scheinbar ziellos läuft er durch die Blockhütte. Zwei Etagen. Schmal. Tief hängende Decken. Holz. Überall Holz. Er glaubt, das Harz riechen zu können. Vier Kammern. Mehr als genug für ihn. Kein Luxus. Keine Extravaganzen. Keine Nachbarn. Keine neugierigen Augen. Genau das Richtige.
Er ordnet die Mobiltelefone. Billige Massenware. Prepaid-Modelle. Die unverbrauchten SIM-Karten in einem wasserdichten Beutel. Verschiedene Kreditkarten und Ausweispapiere. Alle fast echt. Alle noch gebrauchsfähig.

Ein Tablet. Er fährt es hoch. Gibt den Entschlüsselungscode ein. Offline. Immer offline. Seitenlange Texte. Er vertieft sich darin. Trommelt mit den Fingern. Bewegt die Lippen. Hält inne und kippt den Kopf nach hinten. Verdaut, was er gelesen hat. Prägt sich alles gut ein.
Das andere Tablet geht online. Die Anmietung der Hütte, das Mietfahrrad. Die Aktivierung von WLAN. Tausend andere Kleinigkeiten. Alles online. Falsche Identitäten und pünktliche Bezahlung über anonymisierten Zahlungsverkehr. Möglichst keine Spuren. Möglichst kein Verdacht. Diskretion. Kümmern ist ein diskretes Business.
Es ist keine Saison. Draußen ist der Sommer einer rauen Frische gewichen. Der Winter ist noch nicht zu spüren.
Birkenwälder ringsum. Karger Boden. Kümmerlicher Baumbestand. Die Fernstraße hinter dem Horizont ein eintöniges Rauschen. Ein Vogel fliegt auf. Schotter knirscht unter seinen Füßen.
Die Dachbox sieht aus wie ein Sarg. Er stellt sich auf die Zehenspitzen. Hantiert. Gräbt mit beiden Händen unter dem Innenfutter der Box. Zieht einen armlangen, klobigen Gegenstand aus der Box. Die Hülle ist aus schwarzem Segeltuch.
Er schaut sich um. Verschließt die Box. Im Hintergrund erste Lichter des Städtchens. Wandergebiet im Sommer. Skigebiet im Winter.

Mehr packt er nicht aus. Er bleibt nicht lange. Nur lange genug, um zu tun, wofür er bezahlt wird. Das Geld ist auf das Nummernkonto der russischen virtuellen Bank eingegangen. Es gehört einer Stiftung mit Sitz auf den Cayman Islands. Die Stiftung wird von einer Aktiengesellschaft auf Tortuga beherrscht. Namen sind nebensächlich.
Noch einmal zum Handschuhfach. Zwei Tüten aus dem Zoofachhandel. Beste Qualität. Futter für Henri. Der zweifarbene Geselle müht sich in seinem Käfig. Er hat einen Sonnenplatz im Blockhaus. Ihm ist es egal, wohin sie reisen. Sein Kosmos ist auf Käfiggröße geschrumpft. Er ist zufrieden damit.
Der Küchentisch ist roh behauen. Eine rot und weiß gewürfelte Decke über dem Tisch. Darauf ein DSR 1 Subsonic Scharfschützengewehr. Der kurze Lauf leicht aufgerichtet auf einem Zweibein-Ständer. Ein Erdsporn mit abgerundeter Kappe am Schaft.
Kompakt. Breit. Tödlich.
Der Abzugsbügel so deutlich konturiert, dass man das Gewehr auch mit Handschuhen bedienen kann. Integrierter Schalldämpfer. Auf einer langen Schiene ein Zeiss-Zielfernrohr samt Nachsichtgerät und ein aufmontierter Laserpointer, der über weite Entfernungen dem Fadenkreuz die Sicherheit vermittelt, präzise zu treffen. Standardmunition .300 Winchester Magnum.

Das wird genügen.
Die Patronen aufgereiht. Glänzend. Schweigsam.
Er nimmt die Waffe auseinander. Legt die Teile sorgfältig aus. Reinigt. Ölt. Prüft. Rastet die Teile zusammen. Er ist geschickt. Schaut nicht hin. Blindvorstellung.
Er betätigt den Abzug. Lauscht dem Klicken. Erlaubt sich ein kontrolliertes Nicken. Wenig später ist er einsatzbereit.
Der Platz ist perfekt gewählt. Die Stadt scheint unaufhaltsam über einen sanften Hügel ins Tal zu rutschen. Er kommt von der anderen Seite. Der Seite mit den Wäldern und dem Blockhaus.
Er kauert neben einem Transformatorenhäuschen. Eine Hochspannungsleitung über ihm. Er trägt schwarz. Nur wenige Sterne sehen ihm zu. Der Mond, eine kupferfarbene Sichel.
Er justiert das Gewehr. Prüft. Justiert. Sein Ziel im Grün des Nachtsichtgeräts. Die Entfernung wenige hundert Meter. Machbar.
Der Gewehrlauf ist auf eine teure Wohngegend gerichtet. Villen. Gepflegte Grundstücke. Pools.
Er zielt über die Spitzen eines schmiedeeisernen Zauns. Sein Gast ist zuhause. Er nennt ihn Gast, weil er einen angenehmen Bezug zu ihm herstellen will. Eine rein geschäftliche Beziehung. Freundlich distanziert.
In dem Zimmer mit den Panoramascheiben glühen schwache Lichter.
Er weiß, dass es Rechner sind.

Sein Gast ist ein dicklicher Typ mit einer schönen Frau und einem ausgeprägt schlechten Einrichtungsgeschmack in Gold, Purpur und Creme. Der Schütze kennt seine Gewohnheiten. Er hat ein Dossier über seinen Gast. Gleich wird der Gast aufstehen und im Zimmer umherlaufen. Das tut er immer.
Der Schütze wählt die Nummer. Der Gast kaut an einem Schokoriegel, als er sich meldet. Er steht seitlich vor einem Spiegel mit protzigem Goldrahmen. Der Schütze lässt sich Zeit. ‚Schauen Sie in den Spiegel‘, sagt er. Der Gast dreht sich. Sein Mund sieht erschrocken aus. Die Augen weit geöffnet. Auf seinem Spiegelbild erblüht auf der Stirn ein brennend roter Laserpunkt.
Der Schütze betätigt den Abzug. Der Spiegel spuckt scharfkantiges Glas in das Zimmer.
Die Telefonverbindung ist unterbrochen.

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