Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 4
Er lässt sich von der unaufgeregten Stimme des Navigationssystems leiten. Die Strecke ist blau markiert und tastet sich über Autobahnnetze, die immer spärlicher werden, als ob sich der Gott der Straßen gegen Osten hin eine Auszeit genommen hätte.
Er greift nach dem Kaffeebecher. Lauwarm und süß ist der Inhalt. Zu lau und zu süß. Er trinkt. Verzieht das Gesicht. Berufsrisiko.
Drei Billighandys und ein kleiner Stapel SIM-Karten liegen in einer Kuhle unter dem Armaturenbrett. Er schaut auf die Uhr. Zeit.
Die Nummern sind gespeichert. Alle Nummern, die er in den nächsten beiden Tagen brauchen wird. Er wählt aus und drückt die grüne Taste.
Er spricht sachlich. Seine Stimme verrät keine Gefühlsregung. Er nickt beim Sprechen. Es ist seine Angewohnheit. Er kann die Bewegung seines Kopfes erahnen. Aus den Augenwinkeln behält er den Rückspiegel im Blick. Der Kopf im Rückspiegel nickt bekräftigend. Daran muss er arbeiten. Er presst die Lippen zusammen. Angewohnheiten sind verräterisch. Er spielt den Gedanken, der ihm durch den Kopf schießt, zu Ende.
‚Ich kann den Mann nicht identifizieren. Er war irgendwie verkleidet, glaube ich. Aber er nickt mit dem Kopf‘. Eine junge, weibliche Stimme. Ein Polizeirevier. Ein körniges Überwachungsvideo. Ein Mensch, der ihm entfernt ähnelt. Der Mensch spricht zu einer Gruppe anderer Menschen. Er nickt.
Die Szene flutet sein Bewusstsein. Er dehnt sie aus. Kostet sie. Sie schmeckt bitter wie Galle. Er wischt die imaginäre Situation mit einer Handbewegung zur Seite. Das Frühstück rumort in seinen Eingeweiden. Er muss diese Sache abstellen.
Tief einatmen, in mehreren Stößen langsam ausatmen. Kontrolle. Er spürt, wie sehr ihn sein Körper dazu verleiten will zu nicken. Er gräbt die Fingernägel in die Handinnenfläche. Kein Nicken. Der Innenspiegel zeigt ein unbewegtes Gesicht. Gut soweit. Ein Anfang.
Er legt das zweite Handy zurecht. Der Blick zur Uhr. Zeit genug. Die blaue Linie auf dem Navi führt hinaus aus der Gegenwart. Ein Horizont aus Pixeln.
Tagträumen.

Einige Jahre zurück. Einige Leben zuvor.
Unbarmherzige Sonne. Verbrannte Landschaft. Zerklüftete Felsen. Wüste. Verirrte Grasbüschel. Eine unregelmäßige Sandpiste, die sich durch planlos dahingeworfene Lehmbauten windet. Die Fenster tote Augen.
Die Hitze wabert über verwischten Reifenspuren. Mit dem untergehenden Feuerball kommt der Wind, dann der Frost.
Irgendwo zwischen Burkina Faso und Mali. Sie sind 5 Mann östlich von Mopti.
Gestern hatte es hier ein Feuergefecht gegeben. Dschihadisten der Jama’at Nusrat al-Islam wa al-Muslimeen und der Almansour Ag Alkassoum, wie man hört. 5 Mann zur Wiederherstellung der staatlichen Ordnung. Teil der Operation Sabre.
Der Mann in Tarnkleidung hebt sich kaum vom Untergrund ab. Halb eingegraben in eine Sanddüne kauert er hinter einem bizarr geformten Felsen. Das Scharfschützengewehr ruht neben ihm. Eine gelbfleckige Plane spendet die Illusion von Schatten. Der Mann hat das Zielfernrohr ausgerichtet. Er belauert eine Häusergruppe in einiger Entfernung. Rissiger Lehm, ein staubiger Innenhof. Verdurstete Palmen. Ein Fetzen Tuch um ein rostiges Eisengitter geknotet. Der aufkommende Wind spielt damit.
Die Häuser beobachten den Mann. Er kann es spüren. Salz auf seiner Haut. Es ist erstickend heiß. Er kaut auf einem Klumpen Kaugummi ohne Geschmack. Der Speichel reicht nicht für die aufgeplatzten Lippen. Der Mann blinzelt, um seine Konzentration wiederzugewinnen.
Es muss bald passieren. In einer Stunde ist es zu spät. Zuerst ein Sandsturm, dann die Dunkelheit, die plötzlich hereinbricht wie ein wildes Tier.
Die Daten sind präzise. Keine Luftunterstützung möglich.
Sand schmirgelt über sein Gesicht.
Er hat im Schutze der letzten Nacht das Tuch angeknotet. Die feindlichen Kämpfer haben kein Nachtsichtgerät. Das Tuch verrät seinem Gewehr, wie der Wind steht. Scharfschützen Einmaleins.
Die Kameraden haben die Häuser eingeschlossen. Er muss entscheiden, wann der Angriff erfolgen soll. Das Funkgerät wartet auf seinen Befehl.

Ein Zug feindlicher Pritschenwagen mit aufmontierten Maschinengewehren wird in den Nachstunden eintreffen.
Er muss sich jetzt entscheiden.
Eine Person im schwarzen Tschador erscheint im Türrahmen des mittleren Baus. Vor sich ein alter Kinderwagen. Zögerliche Schritte. Die Räder des Kinderwagens pflügen durch den weichen Sand.
Von dem Mann zwei kurze Sätze, die der Wind verweht. Dann Funkstille. Leises statisches Rauschen.
Vielleicht ein Kämpfer unter dem unförmigen Umhang. Ein Kämpfer mit Sprengstoffgürtel. Er bringt das Gewehr in Schlag.
Wie auf ein Zeichen hebt die Person den Schleier. Eine Frau. Eine junge Frau. Sie schaut in seine Richtung. Beugt sich nach vorn und holt ein Baby aus dem Kinderwagen. Dick gewickelt. Ein dunkles Gesichtchen. Dichte schwarze Locken. Das Baby weint. Ein leiser Klagelaut. Gut vernehmlich. Die Frau wiegt das Kind in den Armen, dreht sich um die eigene Achse. Sie sucht nach etwas.

Er ist erleichtert, aber ein winziger Zweifel bohrt sich in sein Gehirn. Die Frau. Das Baby. Das Weinen. Immer das gleiche Weinen. Auf- und abschwellend. Tonart, Lautstärke, Länge. Gleich. Immer gleich.
Er bellt einen Befehl in das Funkgerät. Ein Motor heult auf. Das schwere Räumgerät war alles, was zur Verfügung stand. Die Reifen und der Führerstand abgesichert durch Stahlplatten. Eine Baggerschaufel wie ein gefräßiges Maul. Weit aufgerissen. Schwarze Rauchwolken. Erste Kugeln, die wirkungslos von der Panzerung abprallen.
Die Frau hebt den Säugling über den Kopf, die Hände in die Tücher gekrallt. Sie wirbelt das Kind herum. Will es unter das Fahrzeug schleudern. Er katapultiert sich hinter der Deckung hervor. In die Frau hinein. Sie stürzen. Eine Kugel durchschlägt seinen Unterarm. Das Kind liegt im Sand. Es weint. Dann explodiert es. Eine Puppe. Eine Sprengfalle. Der Bagger unversehrt. Er rammt die Häusergruppe. Die Kameraden erledigen den Rest.
Viel später im Lazarett fragt er nach der Frau. Der Feldchirurg ein Amerikaner. Er ist belustigt. Ein Soldat, der nach dem Feind fragt.
Fortan ist er ‚Henri, der Kümmerer‘.

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