Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 3
Er arbeitet präzise. Chirurgisch.
Er glaubt nicht, dass man sich die Mühe machen wird, nach Fingerabdrücken zu suchen. Dennoch besprüht er ein Mikrofasertuch mit Desinfektionsflüssigkeit und macht sich an Griffe, Klinken und glatte Flächen. Er arbeitet sich systematisch vom Fenster über das winzige Bad bis zur Tür vor. Den Käfig mit Henri hat er mit einem Tuch bedeckt.
Eine Reisetasche wartet im Flur.
Die Leuchtreklame wechselt von blau zu rosa, zu blau. Er hat das Bett abgezogen. Die Laken sind Futter für die Waschmaschinen im Keller. 3 Euro Einwurf, ein Becher Waschpulver und zwei Tasten drücken. Spurenfresser.
Er blickt in den Spiegel. Ein scharf geschnittenes Gesicht mit tiefliegenden Augen und einem energischen Kinn. Die Gesichtsfarbe kränklich im fahlen Zwielicht. Er ist müde, aber der Hunger und die Anspannung halten ihn wach.

Wenig später ist er verschwunden. Der Zimmerschlüssel liegt auf dem Tresen der Rezeption. Das Zimmer ist bezahlt. Bar. Im Hostel lösen sich täglich Menschen in Luft auf. Er hat eine falsche Adresse hinterlegt. Routine.
Die Garage ist mehr Arbeit. Sie kostet ihn fast zwei Stunden.
Er checkt die sozialen Netzwerke. Das Handy ist mit Bildern und Einträgen geflutet. Er findet, was er gesucht hat. Bilder von dem Kampf vor dem Bunker. Er ist kaum zu erkennen. Die Kommentare wenig schmeichelhaft.
Die Influencerin hat er sich bis zum Schluss aufgehoben. Sie enttäuscht ihn nicht, schreibt, was für ein Riesenarschloch er ist. ‚Abgeschmackter Rummelboxer‘ nennt sie ihn. Auf ihrem Porträtfoto ist sie eine schmollmündige Liebesgöttin, in ihren Kommentaren eine rachsüchtige Göre. Sie lässt es wie einen Skandal aussehen. Sie warnt vor ihm. ‚Verkleidet‘ und ‚unheimlich‘ kommt in den kurzen Texten häufig vor.
Er hat sie erschüttert. ‚Geil‘ und ‚krass‘ und ‚oh, mein Gott‘ sind in den Chats ihre Lieblingswörter. Hier fehlen sie.
Leser mischen sich ein. ‚Vergewaltiger‘, Zuchthäusler‘, ‚Drogenfreak‘, ‚KO-Tropfen‘ werden in die Diskussion geworfen. Sie verteilt Emojis.

Er klinkt sich aus. Hat genug gesehen. Er ist zufrieden. Die Ereignisse sind viral.
‚Wirf dein Brot auf die Oberfläche des Wassers‘. Er kann sich nicht erinnern, woher das Zitat stammt. Jesus, Paulus, der Dalai-Lama. Er ärgert sich über die Lücken in seinem Gedächtnis. Er wird es nachlesen müssen.
Erste Anzeichen der Morgendämmerung. Eine sanfte Röte kämpft sich aus der Schwärze wie ein leichter Dunst. Die Morgensonne noch eine unsichtbare Pustel im Osten, die bald aufbrechen wird. Er atmet tief durch. Er braucht einen Kaffee und ein Croissant.

Der Saab ist beladen und wartet. Er wird ihn bei einer Hinterhofwerkstatt gegen einen Audi tauschen. Ein Bündel Bargeld beantwortet alle Fragen. Jedes Netzwerk hat seine eigenen Regeln.
Er ist unterwegs. Im Rückspiegel kontrolliert er, ob ihm jemand folgt. Macht der Gewohnheit. Das Frühstück hat ihn aufgeheitert. Einschmeichelnde Musik der Carpenters. Alles ist gut. Die Bälle sind in der Luft. Alle, bis auf ‚Das war leicht‘. Er wird warten müssen. Warten ist kein Teil seiner Persönlichkeit.
Er geht in Gedanken die letzten Tage noch einmal durch.
Der Auftrag kam kurzfristig. Eine ungewöhnliche Sache. Gut bezahlt. Normalerweise nichts für ihn, aber es brachte ihn auf eine Idee.
Er traf den Auftraggeber in einer Fabrikhalle im Ostteil der Stadt. Früher eine Werkstatt der Reichsbahn, heute ein Indoor-Boulder-Park. In einer abgetrennten Ecke gestapelte Matten.
Der Mann war nervös. Feuchte Hände, unstete Augen, fahrige Gesten. Er stellte sich als ‚Henri‘ vor. Der Name so falsch wie der ganze Rest. Henri lächelte viel und sagte: ‚Kein Problem‘.

Der Mann wirkte linkisch. Er hatte sich verliebt. Die Frau, eine junge Influencerin mit Schmollmund. Hübsch auf eine etwas marktschreierische Art. Anspruchsvoll. Schwer zu beeindrucken. Sie stand auf harte Typen, tätowiert, Dreitagebart.
Der Mann ein Milchgesicht. Aus gutem Haus. Betucht, aber schüchtern. Introvertiert.
Henri entwarf den Plan.
Eine Prügelei vor Zeugen. Vielen Zeugen. Die Türsteher informiert und geschmiert. Der Angreifer ein unverschämter Gockel. Ein Paradiesvogel. Unverschämt. Rücksichtslos, Großmäulig.
Eine ausgeklügelte Choreographie. Zwei, drei Grundübungen. Fallwürfe, Gewälze. Schlag, blocken, Schlag. Packen. Abrollen. Hundert Mal geübt.
Dazu strenges Stillschweigen und ein Honorar von 500 Euro vorab an den Türsteher, der den Auftrag klargemacht hat.
Danach die Sonderabrede mit Türsteher für zwei Scheine.
Er wartet auf die Bonbonfarbene vor den Damentoiletten. Sie ist erhitzt. Glücklich. Ihr Begleiter ist ein Held. Sie hat es nicht erwartet. Fühlt sich unwiderstehlich hingezogen.
Der Türsteher nimmt sie beiseite. Spricht. Klärt sie auf. Sie schüttelt konsterniert den Kopf. Will es nicht glauben. Der Türsteher grinst sie hämisch an. Die Wahrheit sickert in ihr Bewusstsein. Sie ist außer sich. Gießt ihren Abscheu über dem Milchgesicht aus. Sein Ego zerplatzt. Er sackt in sich zusammen. Wagt es nicht, zu ihr aufzusehen. Er ist erledigt. Sie stürmt davon.

Erneut der Türsteher. Blockiert ihren Weg. Flüstert. Sie will es nicht hören. Er nimmt sie beim Arm. Redet auf sie ein. Ein Abenteuer. Ein wirkliches Abenteuer. Bringt sie nach draußen.
Eines von vielen Taxis setzt sich in Bewegung. Sie steigt ein. Der Türsteher spricht mit dem Fahrer. Drückt ihm Geld in die Hand.
Sie ist verwirrt. Widerstrebende Gefühle. Neugierde und Trotz siegen. Was soll schon passieren? Es ist ein Abenteuer. Gut für ihren Blog. Gut für mehrere Tausend Follower. Sie überprüft ihr Äußeres im Schminkspiegel. Kleine Korrekturen. Sie ist zufrieden. Das Taxi ist geheizt und weiß wohin.
Sie weiß es auch. Zu Henri.
Soviel hat man ihr gesagt.

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