Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 20

Sie bereitet alles vor. Er lässt es geschehen. Verfolgt die Vorbereitungen mit dem Staunen eines plötzlich Vater Gewordenen.
Sie adoptiert Henri, den Hamster. Renoviert auch sein Leben. Laufstall statt Käfig. Frische Buchenzweige, Kuschelecke. Ein neues Rad, zu dem er über Treppen und Wippen balancieren kann. Hamsterparadies.
Wenn sie sich konzentriert, ist ihr Mund leicht geöffnet und die Lippen sind nach vorne gestülpt. Vieles an ihr erinnert ihn an Düzen. Lange verschüttet. Jetzt wieder lebendig.
Gemeinsame Spaziergänge auf einem abgelegenen Friedhof. Sie geht voraus. Dreht sich um. Greift nach seiner Hand. Erzählt. Viele Geschichten stauen sich an. Sickern langsam in sein Bewusstsein. Erzeugen Bilder. Passen sich ein in seine Realität.
Geschichten, die ein Mädchen auf der Suche nach ihrem Vater erduldete und erlitt. Der verloren gegangene Vater. Der ‚einsame Wolf‘, wie ihn die Mutter auf Kurmandschi nannte. Nur wenige Bruchstücke standen dem Mädchen zur Verfügung. Zäh und besessen verfolgte es seinen Weg. Das Foto, die Tätowierungen. Immer mehr Jesiden in der Dorfgemeinschaft. Flüchtlinge. Manche gut, manche schlecht. Man kümmerte sich um das verschlossene Kind. Solidarität unter Verlorenen. Die Geschichte des Mädchens ist bekannt. Seine Herkunft. Seine Tragik. Niemand rührt an den vergangenen Dingen. Jeder hat an seinem eigenen Schicksal genug. So wächst sie auf. Hungrig nach Bildung. Hungrig nach Erkenntnis.
Archive. Ämter. Zeitungsredaktionen. Sie durchforstet alles. Sackgassen. Jahrelang. Dann findet sie den ersten Hinweis.
Sie malt sich aus, was geschehen kann. Vielleicht Unverständnis. Vielleicht Ablehnung. Sie verfällt auf die Idee mit den Karten. Düzen-Strategie. Verfolgt jeden seiner Schritte. Fernkontakt. Vervollständigt das Puzzle. Vorsichtig wie ein Nachtvogel. Fasst den finalen Entschluss.
Harte Arbeit. Manchmal verliert sie ihn aus den Augen . Manchmal scheint er sie wahrzunehmen. Sie ist ihm oft nahe. Wechselnde Behausungen. Wechselnde Aufträge.
Zuletzt die Sache mit dem Werttransport. Sie beschattet ihn. Nachtsichtgerät. Abhörtechnik. Reimt sich die Geschichte zusammen. Kennt seine Vorgehensweise. Verfolgt die Vorbereitungen. Steht parat. Echtes Gold. Falsches Gold. Taser.
Nur eine Möglichkeit, ihn von ihren Fähigkeiten zu überzeugen.
Knalleffekt.

Er ist auf dem Weg. Richtung Südwesten.
Schwarze Limousine. Wohlstandsversprechen.
Hornbrille mit Fensterglas. Modern. Unauffällige Eleganz. Gut geschnittener Anzug. Nicht zu eng. Distinguiert. Graues Hemd. Manschettenknöpfe. Gürtel passend zu den rahmengenähten Schuhen. Seidenstrümpfe. Schwarz. Akkurater Haarschnitt. Sorgfältig in Form gebracht. Perfekte Rasur. Dokumentenmappe. Stift Mont Blanc.
Die Tochter nickt den Auftritt ab. Es braucht nur wenig, um jemanden zu verändern. Der Spiegel verrät ihm, dass sie richtig liegen.
Lange Fahrt. Noch immer käut er die neue Situation wieder. Lenkt den Wagen der Navigationsstimme hinterher. Ein schwieriger Auftrag für ihn. Fast zu viel verlangt. Werkzeuge im Kofferraum und eine Zeichnung auf dem Beifahrersitz.

Das Dorf ist aus den Erzählungen Sezens herausgewachsen. Für Sezen ist es ein verbotener Ort. Das Dorf kennt sie. Es ist die Antwort einer tristen Realität auf romantische Erwartungen. Rechteckige Nachkriegsbauten säumen enge Straßen. Weißer Putz. Kleine Fenster. Dahinter Augen. Manchmal ein Gesicht, hastig weggedreht. Das Dorf lächelt nicht. Es brütet. Hänge. Kurven. Das Wetter diesig. Enges Land. Die Weite in Flurstücke geschnitten. Aufgeräumt. Gefegt. Nüchtern.
Feuerwehr. Ein Laden. Geschlossen. Die Gesichter der Häuser abweisend. Keine Menschen auf der Straße.
Er kommt als Investor. Angekündigt. Termin mit dem Ortsvorsteher. Landbesichtigung. Pläne für eine Fabrik. Solarindustrie. Arbeit.
Der Ortsvorsteher mustert ihn. Ist zufrieden. So sieht ein Investor aus. Exakt so wie Henri. Gewerbegebiet. Infrastruktur. Arbeitnehmer. Kein Problem. Der Ortsvorsteher wird mit dem Projekt warm. Investitionsvolumen. Raumbedarf.
Das Grundstück schon bereit. Passend für das Vorhaben. Der Mann im Trachtenjanker versprüht Heimatliebe. Er wehrt ab, als der Investor den detaillierten Business Plan anbietet.
Er ist überzeugt. Überzeugter denn je.
Zuschlag. Er ist am Zuschlag interessiert. Fragt, welche anderen Gemeinden im Rennen sind. Fragt, was diese anbieten. Ist bereit, jede andere Offerte zu überbieten. Packt den Arm des Investors. Zeigt mit dem Finger bis zum Horizont. Alles soll dem Investor zur Verfügung stehen. Alles.
Das Flüchtlingsquartier?
Kein Problem. Kurden aus dem Irak zumeist. Jesiden oder so. Ordentliche Leute. Leute, die Schlimmes mitgemacht haben. Keine Fanatiker. Still. Fromm die meisten. Sie wollen nur Arbeit. Sicherheit und Arbeit.
Der Blick des Investors folgt dem Arm des Ortsvorstehers. Dort sind die Flüchtlinge und schräg dahinter das Gewerbegebiet. Gut zu erreichen. Hervorragend geeignet. Der Bodenpreis lächerlich. Der Gewerbesteuerhebesatz nicht der Rede wert. Landeszuschüsse. EU-Mittel. Zugreifen. Man muss nur zugreifen.
Der Investor greift zu.
Er steht auf dem Wiesengrundstück. Verwildert. Brombeersträucher. Obstbäume. Er hat die Pläne ausgebreitet. Schreitet Flächen ab. Vermisst den Grund. Die Fenster haben Augen. Er rammt Pfähle ein. Die Fabrik nimmt Gestalt an.
Der Ortsvorsteher ist zur Verbandgemeindeverwaltung gereist. Berichtet dort. Man wird sich später treffen. Eine Einladung zum Essen. Kontaktpflege.
Der Investor schaut auf die Zeichnung. Sucht den Holunderstrauch. Findet ihn. Blütendolden, schwer vom Duft.
Sezen hat den Holunder gesetzt. Exakt an die Stelle, an der die Urne mit der Asche ihrer Mutter verscharrt wurde.
Spaten.
Er fängt an zu graben. Insektenschwärme. Schweiß. Augen ringsum.
Er stößt auf etwas. Greift. Tastet. Hantiert.

Der Investor ist verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Kein Abschied. Kein Essen. Nichts.
Jetzt steht er mit seiner Tochter auf dem Friedhof nahe ihrer Wohnung. Das Grab zu ihren Füßen. Ein Steinmetz hat die Platte weggerückt. Platz für die Urne. Platte und Grabstein aus grünem Marmor. Die Aufschrift eingemeißelt.: Düzen, Henri, Sezen. Vereint. Darunter drei Hände, aus denen eine schwarze Sonne steigt.
Vater und Tochter sehen sich an. Verlust und Neuanfang. Vor allem Neuanfang.
Zwei statt einer.
DIE KÜMMERER.

ENDE

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