Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 2
Er hält sich an alle Verkehrsregeln. Selbst in der Nacht. Sein Leben ist kompliziert genug. Jeder kleine Fehler kann es aus dem Gleichgewicht bringen.
Er hat klassische Musik eingeschaltet. Er kann die Streicherpassage nicht identifizieren. Händel wahrscheinlich. Er kann es nicht mit Sicherheit sagen. Er hat andere Talente.
Der Garagenhof sieht verlassen aus. Schäbige Verschläge aus Holz und Wellblech. Der gepflasterte Innenhof voller Unkraut und gestapelten Mülls. Es scheint niemanden zu stören.
Er greift nach einer Taschenlampe. Der Lichtschalter in der Garage funktioniert nicht.
Jetzt, da er die Perücke abgesetzt hat, fällt die dunkle Theaterschminke in seinem Gesicht mehr auf als vorher. Unter dem Haaransatz ein Streifen weißer Haut. Er widersteht dem Impuls, über sein Gesicht zu wischen. Er überprüft das Schloss. Unversehrt. Gut.

Die ramponierten Flügeltüren öffnen sich überraschend geräuschlos. Sofort frisst sich das Scheinwerferlicht ins Innere der Garage und weckt sie auf. Regale. Geordnete Utensilien. Ein sauber gefegter Betonboden. Die undefinierbaren Inhalte in Müllsäcke verpackt. Zu einem der Säcke geht er hinüber und verstaut sorgfältig, was er in dieser Nacht nicht noch einmal brauchen würde.
Der Saab setzt sich in Bewegung. Seine Lichter erlöschen. Holz schabt über Beton. Leichte Schritte. Das Knirschen von Metall. Dann Stille.
Drei Querstraßen weiter weicht die Anonymität der Hinterhöfe geschäftigem Treiben. Ein bunter Mix aus Hoffnungsvollen und Hoffnungslosen. Ein Schmelztiegel von Träumen, Enttäuschungen und Existenzgerangel, diffus und schwer zu durchschauen.
Genau die richtige Umgebung für den Mann, der sich mit Feuchttüchern eine bräunliche Masse aus dem Gesicht reibt. Niemand beachtet ihn. Kneipengelächter prallt neben ihm auf den Bürgersteig. Ein Punk trägt seine Gitarre spazieren. Im Hintergrund Gegröle. Eine alte Frau hakt ihre Handtasche unter und senkt den Kopf im Wind. Die Imbissbuden sind geöffnet. Vietnamesen bieten unverzollte Zigaretten an.
Der Mann stellt sich bei einem Kiosk unter. Er hat ein bläulich angeleuchtetes Hostel im Blick. Im zweiten Stock ist seine derzeitige Wohnung. Er ist einer der Dauermieter. Füllmaterial für Zimmer der einfachsten Kategorie.
Niemand stellt Fragen.

Er wartet auf das Taxi und überlegt, ob er noch etwas essen soll. Sein Magen sagt ja, seine Uhr sagt nein. Es ist bereits nach Mitternacht und er wird schlecht schlafen. Er fährt sich durch die eisgrauen Haare. Sie sind stoppelkurz, so wie er es gewohnt ist. Schon bald wird sich eine lähmende Schläfrigkeit über die Stadt senken, wie eine zu schwere Bettdecke. Die Betäubung wird in den Geschäftsvierteln als erstes weichen und sich mit dem ersten Morgengrauen in den Zipfeln der Stadt verstecken.
Er friert, als das Taxi endlich ankommt.
Er sieht die Goldfarbene aus dem Wagen steigen. Zum Schutz gegen die Kälte ist sie in eine Stola gehüllt. Die aufgetürmten blonden Haare machen die Frau größer als sie ist.
‚Zimmer 23‘ sagt er. Er steht direkt hinter ihr und kann ihr Parfum riechen. Es ist eine aufdringliche florale Note mit Vanille. Wahrscheinlich hat Naomi Campbell ihren Namen für das Produkt hergegeben. Drogerieware. Sie dreht sich erschrocken um. Große Augen mit einem dramatischen Lidschatten. Die Frisur ist unter dem Ansturm von Haarspray erstarrt. Das goldfarbene Kleid ist bei näherem Hinsehen unvorteilhaft geschnitten.
‚Sie haben mich erschreckt‘, sagt sie. Ihre Stimmlage ist ein Kleinmädchenton. ‚Sie sehen völlig anders aus‘. Das Gesicht hat einen trotzigen Ausdruck. Hände mit roten Fingernägeln umklammern die Handtasche. Sie überlegt, ob sie einen großen Fehler macht.
Als Antwort hakt er sie unter und führt sie an Getränke- und Snackautomaten vorbei zu seinem Zimmer. Er weiß, dass er ihr keine Gelegenheit zum Nachdenken geben darf.
Flüchtig sieht sie sich um. Stuhl, Bett, Schreibtisch. Ein Kunstdruck an der Wand. Und direkt am Fenster ein Käfig. Ein Fellbündel im Hamsterrad. Es quietscht und rattert. Leuchtreklame färbt die Vorhänge.

Sie fragt nach dem Bad. Die Standardfrage. Er setzt sich auf die Bettkante. Als sie wiederkommt, riecht sie intensiver. Sie hat kalte Hände.
‚Wer ist das im Käfig‘, fragt sie, während sich ihre Hände an ihm zu schaffen machen.
‚Henri‘, sagt er.
‚Lustig‘. Sie windet sich aus dem Kleid. Ihr Fleisch wirkt bläulich. ‚Er heißt wie Du‘.
Er heißt wie ich, denkt er sich, als ob es ihm noch nie aufgefallen wäre. Er denkt gerne nach, während er tut, was von ihm erwartet wird.
Sie ist hübsch und verletzlich. Ein Mädchen mit Plänen. Sie will ihm gefallen.
Er bleibt ganz bei sich selbst. Kontrolliert.
Sie stützt sich auf die Arme, sieht ihn forschend an. ‚Woran denkst Du?‘ Ein Wispern. Ihre Wimperntusche ist zerlaufen.
Sein Kopf macht eine Bewegung. ‚An den Hamster‘. Das ist alles, was er anzubieten hat.
Er kann fühlen, wie sie erstarrt. Sie stößt ihn zur Seite. ‚Du Arschloch‘. Sie schlägt nach ihm. Er lässt es zu. Es ist ihre Belohnung. Ihre Hand zeichnet sich auf seiner Wange ab. Sie hat die Bettdecke an sich gerissen und stürzt ins Bad. Etwas fällt zu Boden und zerspringt. Gleich wird sie die Bonbonhülle überstreifen und aus seinem Leben stöckeln. Sie wird ihn keines Blickes mehr würdigen.
Das ist der Plan. Das ist der Auftrag. Anstrengend, aber nicht zu ändern. Sie ist ein Puzzleteil und spielt ihre Rolle. Sie weiß nichts davon. Wird es nie wissen.
Er macht sich keine unnötigen Gedanken.

Sie wirft die Zimmertür ins Schloss. Henri und Henri halten für einen Moment inne, bis der ohrenbetäubende Knall und der Luftzug verebbt sind. Dann geht jeder wieder seiner Arbeit nach.
Er hat dafür gesorgt, dass das Taxi auf sie wartet. ‚Höchstens 20 Minuten‘, hatte er dem Taxifahrer gesagt. Er schaut auf die Uhr. 18 Minuten. Fast ein Rekord.
Er ist ausgelaugt. Trotzdem nimmt er das Buch zur Hand, das auf dem Nachttisch liegt. Er hat es in einem Antiquariat gekauft. Edgar Allen Poe. Er schlägt das Buch auf. Fast in der Mitte ein unschuldiger weißer Zettel. Einmal gefaltet. ‚Das war leicht‘ steht darauf.
Ihm ist klar, dass er verschwinden muss. Sofort. Am besten noch in dieser Nacht.

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