Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 19

Gedankenbrei in seinem Kopf.
Er hockt da. Kraftlos. Verloren in seiner eigenen Welt.
Aufruhr. Blockade.
Er holt Luft. Seine Lippen formen Worte ohne Ton. Die Finger spreizen sich. Augen nach oben gedreht. Sie fixieren ferne Erinnerungswinkel. Schlucken. Nicken. Verdauen.
Das Mädchen versteht. Es ist aufgestanden. Bedient. Behält ihn im Blick. Schiebt ihm noch einen Brief hin.
Er fährt sich durch die Haare, reibt die Augen. Verschränkt die Hände im Nacken. Atmet tief. Schüttelt den Kopf. Fingert ein Schreiben aus dem geöffneten Kuvert. Zögert. Liest. Setzt ab. Liest.
Sucht den Augenkontakt. Sie kommt herüber. Schaut ihn an. Ernst.
Das Schreiben kommt von einem Labor. Es ist das Ergebnis eines Tests. DNA-Analyse. Zwei Namen stehen auf dem Papier. Der des Mädchens und seiner. Die Übereinstimmung der Erbsubstanz beider Personen beträgt 99,97%. Vaterschaft erwiesen.
‚Haare aus deinem Kamm‘, sagt das Mädchen, als könne es seine Gedanken lesen.
Sein Blick tastet sie ab. Prüft. Verstand. Herz. Alles in Aufruhr.
Er stützt den Kopf in beide Hände. Er fragt sich, ob er es glauben kann. Er möchte es glauben.
Er glaubt.

Später in einer winzigen Dachgeschosswohnung.
Er hält ein Erinnerungsalbum in den Händen. Hält es wie einen kostbaren Schatz. Das Album erzählt eine Geschichte. Bilder, Zeichnungen, Notizen.
Düzen. Sezen.
Ein Baby in den Armen einer wehmütig lächelnden Frau. Im Hintergrund ein grünes Tal. Minarette. Bäume. Ein Gewässer. Ein mächtiger Gebirgszug.
‚Bursa‘, sagt die junge Frau.
Westtürkei.
Frauen beim Teppichknüpfen, die Gesichter verschattet von einer aufgespannten Plane. Zentrum der Seidenproduktion. Feinste Fäden. Doppelknoten. Hereke Teppiche. Irgendwo dazwischen Düzen. Ihr Blick ist fest auf ihre Arbeit gerichtet. Das Kind ist ein Mädchen. Dem Babyalter entwachsen. Es serviert Tee. Läuft geradewegs in das Bild hinein. Eintönige Tage. Tage ohne Vater.
Bilder von Häusern wie aufeinandergestapelte Blöcke. Unfertig. Staubig.
Die Bilderfolge ist bruchstückhaft. Mutter und Tochter ähneln sich. Haare, Augen, Gesichtsausdruck.
Ein schnauzbärtiger Mann. Hager. Ein Onkel. Der jüngste Bruder von Düzen. Henri kann sich nicht an ihn erinnern. Der Verwandte wacht über seine Schwester und ihr Kind. Kind der Schande.
Ein Familienbeschluss trieb sie weg nach Bursa. Düzen hatte die Familie entehrt.
Henri unterbricht seine Gedankenreise. Es duftet nach Hirse, Minze und Granatapfelsamen. Er isst, was seine Tochter ihm reicht. Sie schaut ihn an. Nimmt seine Hände in ihre Hände.
‚Es war hart‘, sagt sie. ‚Hart ohne Dich‘.

Henri erzählt.
Sezen erzählt.
Die Geschichten fügen sich ineinander. Ergeben ein Bild.
Henris Hoffnungen waren an einer Mauer des Schweigens und der Ablehnung zerschellt. Er hatte nie eine Chance. Düzen war für immer verloren gewesen. Von Anfang an.
Düzen ertrug alles. Die Vorwürfe. Die Schmähungen. Die Ausgrenzung. Man beließ ihr das Kind. Verstieß sie. Löschte sie aus dem Gedächtnis. Gestorben war sie. Gestorben, ein für alle Mal. Der Sindschar war Zeuge. Die Ehre der Familie wiederhergestellt.
Henri öffnet eine Flasche Wein. Sie trinken. Schweigen. Hängen ihren Gedanken nach. Verlorene Seelen in den Abgründen ihrer Erinnerungen.
Sie sind sich nah.
Sezen war ihm immer nah. Ihre Mutter hatte ihr das Wenige eingepflanzt, was sie von Henri übrigbehalten hatte. Ein abgegriffenes Foto, das ihn inmitten der Männer des Dorfes zeigt. Zettel, Nachrichten. Neckereien und Liebkosungen mit Bleistiftstrichen. Eine Locke seines Haares. Sein Auftreten. Militärisch. Selbstsicher. Vorgerecktes Kinn. Augen in der Farbe von Honigmelonen. Ein leichter Geruch nach Leder und Tabak. Die Hände. Die Finger. Immer auf Wanderschaft wie nervöse Pferde. Seine Stimme, die versprach zurückzukommen und sie zu holen. Nach Deutschland.
Nach Deutschland ging es mit dem Onkel, als er in der Türkei keine Arbeit mehr fand. Alkohol wurde sein Tröster. Er schlug seine Schwester. Verfluchte sie. Machte sie verantwortlich für alles Unglück. Düzen reagierte nicht. Sie kauerte und erduldete. Sezen zuliebe. Dann begann er das kleine Mädchen zu schlagen.
Sezen hebt ihren Rock. Feine, weiße Streifen in dichten Mustern auf den Oberschenkeln. Überbleibsel. Henri nickt. Seine Hände umklammern die Sitzbank. Ein grimmiges Nicken.
Ein gottverlassenes Dorf in Deutschland. Kahl das Haus. Kalt die Menschen. Freudlos das Wetter. Düzen nimmt allen Mut zusammen und flieht mit ihrem Kind. Henri. Sie muss ihn finden. Wird ihn finden.
Weit kommt sie nicht. Fäuste zerren an ihr. Fäuste fordern Gehorsam.
Die misshandelte Frau stirbt wenig später. Kein Arzt. Kein Krankenhaus. Verschlossene Gesichter. Trostlos.
Düzen stirbt einen zweiten Tod. Man entehrt sie. Macht sie nicht bereit für die letzte Reise. Verwehrt ihr die Bestattung mit dem Körper in Richtung Sonnenaufgang. Hüllt sie nicht in ein reines, weißes Tuch. Man verbrennt sie wie Abfall in einem Krematorium. Ein Häufchen Asche, ein billiger Behälter. Verscharrt. Eine Illegale. Mehr nicht.
Der Onkel verkommt. Sonnenuntergang. Ein altersschwacher Balkon. Eine Schnapsflasche. Fast leer. Der schwankende Mann mit dem Rücken zu dem Kind. Die Brüstung halbhoch. Das Kind. Mager, ungebändigte Haare. Vernachlässigt. Die Hände vorgestreckt. Ein Stoß mit voller Kraft. Der Hass einer gestohlenen Kindheit in dem Mädchen. Der Onkel stößt einen Schrei aus. Rudert mit den Armen. Zu spät. Der Mond will gerade aufgehen, als der Körper sich in der Luft überschlägt und auf der halbfertigen Terrasse aufprallt.
Das Mädchen bleibt am Rande des Balkons stehen. Es sieht nicht nach unten. Die Vergangenheit interessiert es nicht mehr. Schwarze Augen. Die Abendluft tut gut. Allein.
Das ist alles, was sie gewollt hat.
Sezen nestelt an ihrer Bluse. Schaut ihren Vater erwartungsvoll an. Er sucht nach Worten. Behutsam fragt er: ‚Und mich willst Du auch bestrafen?‘
Sie setzt sich neben ihn. Nimmt ihn in den Arm. Lässt nicht los. Die schwarzen Augen. Ein leichtes Lächeln. Dieselbe Altstimme wie ihre Mutter.
‚Aber nein‘. Ihre Mimik ist unergründlich. ‚Ich brauche dich für eine Sache. Eine wichtige Sache‘.

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