Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 18

Verhörraum Polizeipräsidium. Grau. Schmucklos.
Ein Tisch. Zwei Stühle. Ein Aufnahmegerät.
An der Stirnwand lauert ein großer Spiegel. Der Spiegel ist ein Betrüger. Ein Fenster. Hinter ihm ballen sich in einem Raum Ermittler. Er kann ihre Blicke spüren. Er verschränkt die Hände. Widersteht dem Impuls, zu dem Spiegel hinüberzusehen. Einatmen. Ausatmen. Entspannen. Er schließt für Augenblicke die Augen. Er versteht nicht, was vor sich geht.
Ein Mann betritt den Raum. Leichte Schritte. Grauer, modern geschnittener Anzug. Zweireiher. Einstecktuch. Keine Krawatte. Lederschuhe. Ein schmaler Mensch mit einer Akte bewaffnet. Mittleres Alter. Oberstaatsanwalt.
Der Mann setzt sich. Positioniert sich umständlich. Blickkontakt
‚Der Arzt sagt, Sie sind in Ordnung. Gott sei Dank‘. Angenehme Stimme. Forschende Augen. Verwaschenes Blau. Die Fingernägel manikürt. Keine Spur von Ironie in der Stimme.
‚Auf Handschellen können wir verzichten, denke ich‘. Keine Frage. Eine Feststellung.
‚Fühlen Sie sich wohl? Wechselkleidung in Ordnung? Getränk? Essen? Was auch immer?
Der Auftakt. Aufnahmegerät ein. Datum. Uhrzeit. Personalien.
‚Wo ist das Gold?‘
Eine Frage, mit der er nicht gerechnet hat. Er schluckt. Seine Gedanken überschlagen sich.
‚Im Wagen‘ erwidert er. Es ist eine unzureichende Einlassung. Er weiß es.
‚Da ist es nicht. Der Wagen ist leer aufgefunden worden und Sie und ihre Kollegen lagen gefesselt am Boden. Aber nur Sie wissen, was wirklich passiert ist. Ist es nicht so?‘
Der Oberstaatsanwalt beugt sich über den Tisch. Herausfordernd. Wissend. Strafend. Ein Aftershave mit Zitrusnoten.
Henri lehnt sich zurück. ‚Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen‘ sagt er. Leise Stimme. Ruhiger Atem. Er hat sich gefangen.
‚Wir sprechen von den sechs Behältern mit Goldbarren, die sich in Luft aufgelöst haben. Den Goldbarren, die sie in Sicherheit bringen sollten‘. Rhetorischer Kunstkniff. ‚Wir‘. Kumpelhaft.
Er schweigt.
‚Nun gut. Dann erzählen sie eben ihre Version. Langsam. Von Anfang an‘. Der Anzugträger lehnt sich zurück, wechselt die Pose. Verschränkt die Arme. Skeptisch. Leicht wird es nicht.
Mit neutrale Stimme berichtet er. Ein Rapport. Sachlich. Keine Gestik. Beherrsche Mimik. Fließender Berichtsstil. Nicht zu langsam, nicht zu schnell.
Die Vorbereitungen. Die aufklappbaren Sitzbänke aus Metall. Darin sechs Transportkoffer. Identische Zwillinge der Goldkoffer. Rote Lackkennzeichnung. Täuschend echt aussehende Barren darin. Blei. Zink. Spezifisches Gewicht genau austariert. Goldglänzende Legierung darüber. Gestempelt. Poliert. So gut wie echt. Versenkt in die Sitzbänke bei der letzten Inspektion des Transporters.
Aufnahmen des Werkshofes aus der vergangenen Nacht. Mann, Koffer. Transporter. Bänke. Ein Winken eines Wachmannes. Hund.
Der Oberstaatsanwalt nickt gelangweilt. ‚Das ist nichts Neues. Wir haben uns die Bänder angesehen. Doch was ist dann passiert?‘
Er fährt fort. Langsamer dieses Mal.
Die entscheidende Fahrt. Das Verladen. Kritischer Moment. Austausch der Koffer. Echtes Gold in die Sitzbank. Falsches Gold, gekennzeichnet und angekettet vor die Bänke. Die Umleitung. Der Hinterhalt. Alles läuft nach Plan. Alles wie besprochen. Niemand wird ernsthaft verletzt. Profis.
Er stockt.
Der Oberstaatsanwalt hebt die Brauen. Er legt die Fingerspitzen aneinander. Seine Stimme süffisant.
‚Und dann?‘ fragt er. Die Augen hinter dem Spiegel richten sich auf Henri.
Er macht eine resignierte Geste. Offene Handflächen. Die Stimme weniger souverän.
Der Streifenwagen. Die Person in der Distanz. Der Taser. Schmerzexplosion. Ein langes Nichts. Verhaftung.
‚Das dachte ich mir‘. Ironie in der Stimme seines Gegenübers. ‚Lassen Sie mich rekapitulieren. Zunächst gehen Gerüchte um, dass eine der größten Edelmetallgesellschaften um eine große Menge Goldbarren erleichtert werden soll. Das Unternehmen informiert die Polizei und bittet darum, dass die Strafverfolgungsbehörden mit einem Freelancer wie Ihnen zusammenarbeiten. Einem Söldner‘. Der Mann spricht das Wort aus, als wäre es kontaminiert. ‚Wir sind skeptisch angesichts ihrer Vergangenheit. Leider lassen wir uns darauf ein. Sie werden nach Monaten tatsächlich von der Gruppe rekrutiert‘. Der Oberstaatsanwalt blättert angelegentlich in der Akte. ‚Ronin, glaube ich war der Codename‘.
Er blickt auf. Lächelt. Raubtierlächeln.
‚Sie kooperieren. Liefern Informationen. Präparieren. Hübsche Undercover Arbeit. Der große Tag. Peilsender in den Austauschkoffern. Eine Drohne außer Sicht zur Verfolgung. Sonderkommandos. Zugriff.‘
Der Mann holt tief Luft. Scheint außer Fassung zu geraten. Kontrolliert sich.
Henri beugt sich nach vorn. Die Augen weit geöffnet.
‚Wir haben sie. Wir haben die Koffer, das falsche Gold, die Männer, die Waffen, den Wagen. Wir haben alles‘. Er macht eine bedeutungsvolle Pause. Fährt fort. Betont jede Silbe. ‚Nur. Das. Echte. Gold. Ist. Verschwunden.‘
Es ist allen klar, wohin die Befragung führt. Zu führen hat.
Der Spitzel hat einen Komplizen. Alle Polizeikräfte auf der Verfolgung der Bande. Ein Zeitfenster. Millionen Euro für jeden. Wenn der Spitzel eisern schweigt, wird er freikommen. Er ist ein Meister im Untertauchen. Der große Coup.

Aufgeregte Stimmen im Flur. Der Oberstaatsanwalt wird hinausbeordert. Eine Minute. Zwei Minuten. Stimmengewirr. Er kommt wieder herein. Gerötetes Gesicht. Kommt nahe heran. Ganz nahe. Holt tief Luft. Hände geballt.
‚Sie können gehen. Noch weiß ich nicht, was hier gespielt wird aber Sie können gehen.‘
Das echte Gold ist aufgetaucht. Alles davon. Koffer, ein Fahrzeug, das einem Streifenwagen nachempfunden ist, eine Uniform. Alles akribisch gereinigt.
Ein anonymer Tipp mit genauen Ortsangaben. Mehr weiß man nicht.

Er ist durcheinander. Geht alles immer wieder in Gedanken durch. Kommt zu keinem Ergebnis. Im Hintergrund Henri, der Hamster, der seinen neu ausgepolsterten Schlafplatz begutachtet.
Er beschließt, dieses Geschäft nicht weiter zu betreiben. Er hat seinen Instinkt verloren. Die Übersicht. Ein Mann im besten Alter. Zu alt für diese Art Beschäftigung.
Die kleine Kneipe neben dem Kastanienbaum bietet Trost. Bänke. Tresen. Eine Musikbox. Übersichtlich. Heimelig. Er bestellt einen Pernod. Niemand sonst bestellt ihn. Er hat seine persönliche Flasche.
Die Bedienung ist neu. Jung. Eine Studentin vielleicht.
Sie setzt das Glas ab. Milchtrübe Flüssigkeit. Sie platziert ein Polaroid Foto neben seinem Arm. Ein Schnappschuss. Wald. Ein Transporter mit geöffneter Klappe. Ein Mann krümmt sich auf dem Boden. Er.
Henri starrt das Mädchen an. Fassungslos.
Sie setzt sich. Hält ihm ihre Hand hin. Mandelaugen. Tränen.
‚Sezen‘, sagt sie. Altstimme. ‚Die Tochter von Düzen‘.
‚Deine Tochter‘.

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