Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 17

Beschäftigt. Sehr beschäftigt.
Werkshof der ‚Securada – Sicherheitslösungen GmbH‘. Gemischtwarenladen. Schloss- und Verriegelungstechnik. Alarmanlagen. Wachpersonal. Fachpersonal für Sicherheitsschleusen. Werttransporte. Mehr Aufträge als qualifiziertes Personal. Boom-Branche.
Der Neue meldet sich freiwillig zum Abschlusscheck des gepanzerten Transporters. Rechteckiger Tresor auf Rädern. Schwerfällig aber kaum zu knacken.
Ein schmallippiger Mond steigt auf. Pockennarbig. Der Hof öde. Im Hintergrund Lichtinseln. Peitschenlampen an den Zäunen. Keine übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen. Die Transporter sind leer.
Der Neue schaut auf die Uhr. Noch 7 Minuten bis der Wächter mit dem belgischen Schäferhund seine Runde über den Hof macht. Schläfrige Routine. Die Checkliste: Reifen, Motorraum, vordere Zelle, hintere Zelle, Klappen, Schiebetür, Schlösser. Er hakt die einzelnen Posten ab.
Probestart Motor. Der Nachtwächter schaut kurz herüber. Die Andeutung eines Nickens. Vorbei. Keine besonderen Vorkommnisse.
Laderaum. Metallkäfig. Metallstangen. Metallbänke. Sprechfunk zum Fahrer. Alarmknopf. Notlicht. Irgendwo verbaut ein Transponder. Jederzeitige Ortung des Wagens möglich. Atemmasken. Höchste Sicherheitsstandards. Fort Knox.
Securada wirbt damit. Videoclip. Sicherheitsfeature auf Sicherheitsfeature, unterlegt mit dramatischer Musik. Essenz: Ein Überfall lohnt sich nicht. Zu aufwendig. Zu langwierig.
Waffen. Securada-Fachpersonal ist trainiert an Waffen. In Selbstverteidigung. Waffengebrauch nur im Notfall.
Der Neue schließt den Check mit einem letzten Häkchen ab. Keine Mängel.
Fahrtroute nicht bekannt. Inhalte der Wertkoffer nicht bekannt. Nichts ist bekannt. Risikominimierung.
Bisher keine Probleme bei Securada. Einmal ein Diebstahl aus einem Spind. Ein unplanmäßiger Halt an einer Bäckerei. Ein dringendes Bedürfnis und zwei Eibrötchen. Kleinkram. Sonst ‚100% garantierte Sicherheit‘.
Werbesprech.

Dienstag. Leichter Nieselregen. Verhangener Himmel. Tristesse.
Die Leitstelle blendet die Fahrtroute ein. Tablet zu Tablet. Moderne Zeiten.
Der Fahrer startet den Wagen. Der Beifahrer döst. Routine.
Der Neue eingesperrt hinten. Transportgut Mensch. Der Wagen schüttelt sich. Rollt träge dahin.
Supermarkt. Einkaufs Center. Bank. Das Übliche.
Anhalten. Check. Sprechfunk. Check. Bauchige Wertbehälter wie Aliens, angekettet an den Arm des Beifahrers. Funksignal. Check. Alles in Ordnung. Klappe. Sichtkontakt. Ladeklappe. Ein Atemzug frische Luft. Anketten des Wertbehälters im Wageninneren. Check. Sprechfunk. Abfahrt.
Er wartet auf den letzten Halt. Tiefgarageneinfahrt. Betonmaul. Dann abwärts.
Dieselbe Prozedur. 6 Koffer dieses Mal. Schwer.
Er braucht lange. Verhaspelt sich. Die ungeduldige Stimme des Fahrers. Er entschuldigt sich. Endlich bereit. Er gibt das Zeichen. Fahrer und Beifahrer tauschen wissende Blicke. Ein Neuer. Überfordert. Man kennt das. Er fängt sich oder fliegt raus.
Verbindung zur Leitstelle. 8 Minuten Verspätung. Grund: Probleme bei der Verladung. Weiterfahrt jetzt. Ankunft im Wertdepot in 34 Minuten.
Der Betonschlund öffnet sich rasselnd. Rolltor. Wachen. Abschied.
Das Tablet dirigiert den Transporter auf Nebenwege. Stadt. Dorf. Bauernhöfe. Wald. Dahinter wieder Stadt. Das Ziel.
Noch 23 Minuten.
Rot- und weißgestreifte Baken. Schild. Lampe. Straßenbauarbeiten. Sperrung. Umleitung nach rechts. 1,5 km Forstweg. Danach zurück zur Straße. Niemand zu sehen.
Leitstelle. Der Mitarbeiter empfiehlt, der Umleitung zu folgen und besonders vorsichtig zu sein. Hilfreich. Außerordentlich hilfreich. Stärkerer Regen setzt ein. Wald.
Außer Sicht die erste Nagelkette. Zerfetzte Reifen. Schräglage des Transporters. Der Motor heult.
Vier Gestalten wachsen aus dem Boden. Tarnkleidung. Masken. Zwei mit Maschinengewehren. Zwei mit unverwechselbarem Gerät auf den Schultern. Rohr. Zielvorrichtung. Abzug. Bazookas. Raketen mit Hohlladungssprengkopf. Der panzerbrechende Metallstachel im Inneren der Rohre nur zu ahnen.
39 Sekunden vergangen.
Die Bewegungen der Getarnten selbstsicher. Trainiert.
Megafon.
‚Öffnen Sie die Türen, sonst sind sie tot. Betätigen Sie keine Knöpfe, sonst sind Sie tot‘.
Eine Handgranate rollt unter den Motorraum. Die Explosion zerfetzt den Motor. Kurzdemonstration.
56 Sekunden vergangen.
Die Insassen der Fahrerkabine haben genug. Kapitulation.
Zwei Ohrfeigen für den Fahrer. Aufmunterung. Er ringt nach Luft. Der Beifahrer übergibt sich geräuschvoll.
Erneut das Megafon. Diesmal von hinten. ‚Öffnen, oder ihre Kollegen müssen sterben‘. Variation des gleichen Themas. ‚Hände nach oben. Keine Waffe‘.
Die Explosion. Erstickender Qualm sickert in die Kabine. Tasten nach der Atemschutzmaske. Vergeblich.
Entriegelungsmechanismus.
118 Sekunden vergangen.
Vermummte. Waffen. Rohrzange. Die Koffer an Ketten. Jemand tritt ihn in die Seite. Er fällt. Halblaute Kommandos. Das Rauschen des Regens. Schritte. Das Starten eines Motors. Vorbei.
152 Sekunden vergangen.

Die Überfallenen verharren wie eingefroren. Zu groß der Schock.
Der Transponder im Wagen zeigt an, dass der Transporter seit drei Minuten nicht bewegt wurde. Mitten in einem Wald. Abseits der Strecke. Die Leitstelle informiert die Polizei.
Ein Streifenwagen nähert sich. Erstaunlich früh, denkt Henri. Er ist durchnässt. Sie sind mit Kabelbindern gefesselt. Hilflos.
Nur eine Person im ankommenden Wagen. Falsch.
Steigt aus. Waffe im Anschlag. Falsch.
Er ruft. Keine Antwort. Falsch.
Der Taser reißt ihn vom Boden hoch, schüttelt ihn wie eine Gliederpuppe. Falsch.
Als er zu sich kommt, ist der Platz umringt von blinkenden Lichtern. Ein Krankenwagen. Hubschrauber in der Luft. Absperrbänder. Jetzt ist wieder alles richtig, denkt er.
‚Sie sind verhaftet‘, sagt der Mann mit dem Schirm in der Hand.
Falsch.

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