Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 15

Er ist der frisch gebackene Träger des Bundeverdienstkreuzes.
Es ist sein Geschenk an sich selbst. Wohlverdient.
Es war nicht einfach. Dass er reich ist, hilft. Er ist nicht beliebt. Quasi ein Aussätziger. Ein Aussätziger mit Geld.
Das liegt an den Tieren. Nutztiere. Hühner vor allem.
Er produziert Hühner. Massentierhaltung in riesigen Hallen. Er hat die Hühnerhaltung optimiert. Alles war schön. Alles war gut. Dann kamen die Bio-Fuzzis mit ihren Bärten und Blumenkränzen und ihren wirren Ideen.
Damals konnte man noch an die richtigen Parteien spenden und die grünen Spinner holten sich blutige Nasen.
Es wurde immer schlimmer. Tiere brauchen Platz. Tiere brauchen Auslauf. Tiere brauchen artgerechte Haltung. Gesundes Futter. Humane Schlachtung. Was kommt als Nächstes? Musik? Urlaub? Gnadenbrot?
Sie ruinieren sein Geschäftsmodell. Nutztierhaltung. Fleischproduktion zu vertretbaren Kosten. Die Menschheit will essen. Vegetarier und Veganer: GO TO HELL!
Er hat es in Riesenlettern auf seinen Lastwagen anbringen lassen. Rot auf Weiß.
‚Der Hühnerbaron schlägt zurück‘, titelte eines der großen Revolverblätter. Das hat ihm gefallen. Sein Geschäft ist es, zu mästen und zu schlachten. Die Kühlwagen vor den Fabriken stehen in langer Reihe. Der Appetit nach Fleischwaren ist unersättlich. Geflügelwurst, Tiefgefrorene Ware. Suppenfleisch, Knochenmehl. Die Hühnerfüße gehen nach China. Aus allem kann man etwas machen, wenn man die Kosten niedrig hält. Marktgesetze. Keine Heulsusereien.

Er eckt gerne an. Fleischiges Gesicht. Bluthochdruck. Fäuste wie Schmiedehämmer. Blonde Haare, die nicht wissen, in welche Richtung sie wachsen sollen. Klare Sprache. Selfmade von Kopf bis Fuß. Alle drei bis fünf Jahre eine neue Ehefrau. Dekorationsstücke. Die alten verschlissen. Keine Kinder.
Er regelt die Dinge mit Geld. Wer viel Geld in die Hand nimmt, bekommt noch mehr zurück. Binsenwahrheit.
Er schmiert Politiker. Lokal und auf Landesebene. Alle Parteien. Er ist nicht wählerisch. Idealismus kann er sich nicht leisten.
Die Öko-Spinner sind in einen seiner Betriebe eingebrochen und haben gefilmt. Fast federloses Hühnervieh, übereinander gestapelt. Der Kot ätzt zum Himmel. Kranke Tiere. Tote Tiere. Sie haben es Tierquälerei genannt. Die Öffentlichkeit entsetzt. Er wird in eine Talkshow eingeladen. Die Moderatorin, eine ausgemolkene Ziege mit Leichenbittermiene. Sie will ihn vorführen. Alle wollen ihn vorführen.
Er lässt sie auflaufen. Erzählt seine Geschichte ohne diesen Kuschelwahnsinn. Tierwohl? Tierrechte? Er fegt die Wortbeiträge der Gutmenschen, zwischen denen sie ihn eingerahmt haben, vom Tisch.
Ausbrüten, vergasen, schreddern, filetieren, einfrieren und das große Fressen. Das ist alles, was es ist, meine Damen und Herren. So sagt er es. Eine Ökofaschistin in Gesundheitsschuhen bricht in Tränen aus und stolpert aus der Sendung. Keine Haltung. Kein Rückgrat. Nur Tofu und Wirrnis in der Birne.
Die Kameras kleben an ihm. Sie lieben den Hühnerbaron. Er spricht Klartext. Geht noch einen Schritt weiter. Geißelt Frauen- und Kinderrechte. Verzärtelt die ganze Bande. Deshalb hat Deutschland den Krieg verloren. Muss man doch mal sagen dürfen. Der Hühnerbaron – eine Sensation. Political Correctness, nein danke.
Beliebt macht ihn das nicht. Er schwimmt gegen den Strom. Das macht ihn aus.
Die Einkäufer der großen Supermarktketten hat er im Sack. Sie distanzieren sich von ihm und seinen Praktiken. Er strukturiert sein Imperium um. Klebt Biosiegel auf seine Produkte. Wirbt mit grünen Sprüchen und heiler Welt. Zum Heulen. Es kostet viel Geld. Viel Geld für Augenwischerei. Die Aufregung legt sich. Bald ist alles beim Alten.
Die Einkäufer lieben seine Preise. Sie lieben seine Aufmerksamkeiten.
Er bläst jedem Zucker in den Arsch, bis sie ihn lieben müssen. Das tut seine Wirkung. Bundesverdienstkreuz. Stolz der Nation.
Wen kümmern da ein paar tote Hühner?

Einmal im Monat ist der Hühnerbaron nicht der Hühnerbaron.
Einmal im Monat ist er ganz er selbst. Diskret. Abgelegen. In besten Händen.
In den Händen von Lady Viktoria. Sie ist eine Zierde ihres Berufsstandes. Erfahren. Hingebungsvoll, unnachsichtig. Eine Expertin für Angst- und Panikspiele. Keine Tabus. Keine Codeworte. Totale Unterwerfung unter ihr Regime. Die Tagesform entscheidet. Nichts für Weicheier. Alles für den Hühnerbaron.
Er kann es sich leisten die Meisterin und ihre Zofen für die ganze Nacht zu buchen und sich erniedrigen zu lassen. Er braucht das. Es erfrischt ihn. Zusammengekrümmt auf einen Holzbock geschnallt. Ketten, Spangen, heißes Wachs. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Der Hühnerbaron fiebert dem Vergnügen entgegen. Endloser Spaß. Er giert danach. Nadeln, Peitschen, Wasserfolter. Was immer.
Jetzt ist er in den Räumen seiner Sehnsucht. Ausziehen, reinigen, einölen. Augenbinde. Nackt in der Hocke verharren. Schwarz und Rot dominieren die Räume. Kalt. Er friert. Die Frauenstimme. Noch kälter. Schneidend scharf.
Gummianzug. Eng. Quälend eng. Gummimaske. Gummirüssel. Das Atmen fällt schwer. Die Gliedmaßen abgespreizt. Verrenkt. Festgeschnallt. Kopf fixiert. Elektroden. Köstlich.
Augenbinde entfernt. Die Stimme befiehlt ihm die Augen aufzumachen. Ein riesiger Bildschirm hängt über ihm. Er sieht eine Schachtel mit Streu. Drei Gänge. An jedem Ende eine winzige Vorrichtung. Drähte. Obststücke. Am anderen Ende ein Hamster. Aufmerksam. Wählt den linken Gang. Apfel.
Der Kontakt löst aus. Klappe. Der Gesichtsrüssel luftdicht. Der Festgeschnallte japst. Glasige Augen. Ersticktes Geräusch. Eine Hand setzt den Hamster behutsam zurück.
Er wählt die Paprika. Der gefesselte Körper bäumt sich auf. Stromstoß. Sein Innerstes will nach außen. Brennender Schmerz bis zur Hirnschale. Ein Gelenk kugelt aus.
Ohnmacht.
Karotte. Endlich Karotte. Der Kontakt löst ein Video aus. Hühnerfarm. Sterbende Tiere. Geschredderte Küken.
Das ist kein Spaß mehr. Dafür hat er nicht bezahlt. Er windet sich. Kein Codewort. Kein Abbruch.
Der Hamster ist in seinem Element. Ihm gefällt das Spiel.
Kontakt…Kontakt…Kontakt.
Gurgeln. Zucken.
Wahnsinn.
Kameraaugen. Geschickte Schnitte. Die Paniklaute des Gummimannes, hineingemischt in einen Soundtrack mit dramatischen Streichern. Unterlegt mit passenden Sequenzen aus den Hühnerfarmen. Hinaus gestreamt in alle Welt. Überall abrufbar. Mehrsprachige Untertitel: ‚Der Hühnerbaron privat‘. Das Passbild des Hühnerbarons eingeblendet.
Im Abspann Henri, der Hamster. Bester Nebendarsteller. Vegetarier. Tieraktivist.

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