Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 14

SZENE:
Eine fast leere Fabrikhalle. Der Boden roh. Die Wände roh. Das Dach kaum wahrnehmbar. Müllsäcke in einer Ecke. Diffuses Dämmerlicht. Gestapelte Vorräte. Ein Chemieklo, notdürftig verdeckt durch einen Duschvorhang, aufgespießt auf Stangen im Tipi-Stil.
Mittig ein Mini Cooper. Dunkles Grün. Viel Chrom. Müsste gereinigt werden.
Links ein Matratzenlager. Darauf hockend ein Mädchen. Schlaff. Schläfrig wirkend. Zugedröhnt.
Ein Balken Sonnenlicht nutzt den Spalt zwischen den Rolltorhälften. Im Halbkreis versammelt drei Männer. Jugendliche eigentlich. Alle dünn. Alle mit prominenten Adamsäpfeln. Alle Pickelgesichter. Jeans, Hoodies, Sneaker, Baseball Caps. Einheitslook.
Pickelgesicht 1: hebt unschlüssig den Baseballschläger, weicht aber zurück.
Pickelgesicht 2: sucht fragend nach Erleuchtung im Gesicht von Pickelgesicht 3.
Pickelgesicht 3: steht breitbeinig im John Wayne Stil und hält einen Colt in beiden Händen. Zielt auf den Hereinstolpernden. Zittert nur wenig. Ist der Anführer. Der Lauf des Colts ist vorne verlötet. Dekorationswaffe.
Der Obdachlose schlurft mehr als er geht. Er verheddert sich mit Stock und Mantel. Taumelt um die eigene Achse. Schiebt eine Wolke Gestank vor sich her.
Die Pickelgesichter weichen angewidert zurück.

DIALOGE:
Mädchen (schläfrig, nörgelnd):
‚Was zum Teufel denkt ihr euch, diesen Stinketypen anzuschleppen. Schmeißt ihn raus. Schmeißt ihn sofort raus‘.
Die Mädchenstimme steigert sich zu einem hysterischen Falsett. Ihre Stimme passt nicht recht zu der kraftlosen Geste mit bleiernen Armen. Ihre Pupillen groß wie Scheinwerfer.
Pickelgesicht 2 zu Pickelgesicht 1 (mit kräftiger Stimme):
‚Los, hau ihn um‘
Pickelgesicht 3 mit erhobenem Colt:
‚Ja, hau ihn um. Er hat unsere Gesichter gesehen‘.
Pickelgesicht 1 schweigt. Konzentriert sich. Fasst den Schläger fester. Macht einen Schritt nach vorn. Holt aus.
Der Obdachlose taumelt zur Seite. Knickt in den Beinen ein. Der Schlag geht daneben.
Choreografie aus.

EINZELAUFTRITT OBDACHLOSER:
Schlägt den Mantel zurück. Darunter eine Jacke mit einem Arsenal aufgenähter Taschen. Hebt den Stock. Jetzt ist es eine langläufige Waffe. Zwei Schüsse. Beide treffen das Mädchen in die Brust. Sie wird zurückgeworfen. Das T-Shirt färbt sich rot. Sie ist in sich zusammengesackt. Leblos.
Der Schütze fegt seine Strickmütze vom Kopf. Darunter fixiert ein abgedunkeltes Visier. Er klappt es nach unten, kurz bevor die Blendgranate in der Gruppe der Pickelgesichter explodiert. Sie macht vorübergehend taub und blind.
Zutiefst verwirrt drückt Pickelgesicht 3 den Abzug seiner Dekowaffe. Es kann nicht funktionieren. Er hat nicht ‚Peng, Peng‘ gesagt.
Pickelgesicht 1 lässt den Baseballschläger fallen.
‚Er hat sie erschossen. Einfach erschossen‘ brüllt er.
Die Halle wirft sein Gebrüll zurück. Das Entsetzen ist ihm anzumerken.
Pickelgesicht 2 nässt sich ein.
Eine Rauchgranate folgt der Blendgranate. Die Rauchschwaden hüllen die Szene in ein weißlich aufwallendes Nichts. Die Pickelgesichter sind vorläufig versorgt.

SZENE MIT EINGESCHRÄNKTER SICHT:
Der Obdachlose packt das leblose Mädchen auf seine Schultern. Geht hinaus. Draußen das Geräusch eines schweren Gewichtes, das man in einen Einkaufswagen staucht.

SZENE MIT BESSERER SICHT:
Drei hustende Pickelgesichter, halbblind und komplett taub auf dem Boden einer Halle. Vor ihnen ein stinkender Obdachloser.
Er lädt in aller Ruhe seine Waffe. Präzision ist gefragt. Sie schauen ihn an. Gelähmt. Einer stammelt etwas, das wie ‚Warum?‘ klingt. Einer kriecht davon. Der Dritte hat die Hände gefaltet und scheint zu beten.
3,5 Gramm Vollgummigeschosse aus einer Kingsman Spyder Softair haben eine verheerende Wirkung, wenn sie aus kurzer Entfernung abgegeben werden. Der Schütze macht regen Gebrauch von seinen Möglichkeiten. Aufschreie. Stöhnen. Das ganze Arsenal menschlicher Erbärmlichkeit in Gestalt von drei Pickelgesichtern.
Er ist fertig.
Fast fertig.
Zuletzt eine Granate, die wie eine überreife Aubergine aussieht. Reißzünder. Beiläufig lässt der Obdachlose sie in die Gruppe fallen und macht sich davon.
Farbexplosion.
Blau.
Die Dreiergruppe. Blau. Blue Man Group. Für immer. Die Farbe nicht mehr zu entfernen. Gute deutsche Wertarbeit.
ENDE DER SZENE.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt.
Henri kostet es einige Mühe, sich von seiner Verkleidung, seinem Buttersäuregestank und seiner Mädchenlast zu befreien. Die Gelkugeln haben die Kleine völlig außer Gefecht gesetzt. Den Rest besorgen eine Mischung aus Crack, Alkohol und diversen Pillen, die in ihrem Blut zirkulieren.
Ein Krankenhaus kümmert sich. Der Mini Cooper wird abgeholt.
Der Landjunker ist außer sich. Bitcoins eingespart aber ein halbflügges Früchtchen zurückerhalten. Racheinstinkte.
Die Frau des Landjunkers ist außer sich vor Freude. Therapie. Internat. Verwöhnprogramm. Mutterinstinkte.
Der Landjunker zahlt zähneknirschend und verlangt. Er verlangt Informationen über die Beteiligten. Er verlangt ein Dossier mit allen Fakten. Er verlangt, verlangt, verlangt.
Henri ignoriert ihn. Er bestätigt lediglich, dass es ein Streich der bösartigeren Art gewesen sei. Kein Fall für die Polizei. Die Entführung vorgetäuscht. Die beteiligten Jungs blau. Dauerblau.
Er packt. Geht noch einmal seine Aufzeichnungen durch. Routine.
Die Videosequenz von der Tankstelle in der ‚Tatnacht‘. Drei männliche und eine weibliche Person in einem Mini Cooper. Beste Laune.
Die Verkäufe von 1-Unzen-Krügerrands an einen Juwelier in der 200 km entfernten Stadt.
Die Ortung einiger Telefonnummern, zusammengestellt aus den Kontakten des Mädchens. Einige Nieten. Dann rückt die Stadt ins Blickfeld. Google Maps verbildlicht den Standort.
Von da an Fußarbeit. Bingo.
Er macht sich auf den Weg. Löwenzahn stechen. Henri, der Hamster liebt Löwenzahn.

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