Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 13

Der Obdachlose durchstöbert mit fahrigen Bewegungen die Mülltonnen. Er hat seinen Platz am Rande der Unterführung verlassen und beginnt sein Tagwerk. Er sieht malerisch aus.
Sein Körper ist unförmig aufgeschwollen. Er hat mehrere Lagen Hosen, Strickpullunder und Jacken übereinander gezogen, bis er aufgequollen ist wie ein vorsintflutliches Ungetüm. Genagelte Schuhe an den Füßen. Die Laschen hängen heraus. Strickstrümpfe über die Hosenbeine geschlagen. Er schlurft und wankt. Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Über allem ein schwerer Mantel mit ausgerissenen Taschen. Braunfleckig.
Ein kleiner Kopf mit wucherndem Bartgestrüpp wächst aus einem dünnen Hals. Eine Strickmütze ist mit Flechtkordeln unter dem Kinn befestigt. Der Mann stakst. Gelenklos. Das Gesicht in undefinierbare Falten gelegt. Schmutzig.
Er brummt. Bellt undefinierbare Wortfetzen vor sich hin. Bleibt stehen. Dreht sich steif. Fixiert einen Punkt. Schüttelt die Faust. Räuspert sich. Spuckt aus. Geht ein paar Schritte. Wiederholt sich.
In der Fußgängerzone der Stadt weicht man ihm aus. Sieht ihm belustigt aus der Entfernung zu. Amüsiert sich. Regt sich auf. Manchmal hält er einen Pappbecher in der Hand. Manchmal lässt jemand eine Münze hineinfallen.
Der scharfe Geruch von Ammoniak um ihn herum.
Er hat einen rosigen Einkaufswagen aus dem Bach gezogen. Lädiert wie er selbst. Sie passen zusammen.
Pappe, Plastiktüten, Flaschen. Sein ganzer Besitz aufgetürmt in dem rasselnden Ungetüm.
Der Mann lebt auf seinem eigenen Planeten. Lebt außerhalb der Gesellschaft. Sie meidet ihn. Er meidet sie.
Jeden Tag geht er dieselbe Strecke. Wankt. Murmelt. Droht einem imaginären Feind. Plündert Müllbehälter. Seine Müllbehälter. Nur seine.

Zu etwa der gleichen Zeit laufen bei Henri die Fäden zusammen.
Er hat sein Netzwerk von Zuträgern aktiviert. Eine geschlossene Benutzergruppe. Er fordert Gefallen ein. Er braucht Augen und Ohren. Viele Augen und viele Ohren.
Sorgfältig speist er die nötigen Informationen ein.
Zwei Stunden nachdem das Mädchen vermisst wurde, war der Mini Cooper an einer Tankstelle. Das Bild einer Überwachungskamera. Nicht deutlich aber brauchbar. Tanken und Einkäufe. Falscher Ort. Falsche Richtung.
Danach bleibt das Auto verschwunden. Keine Verkehrsübertretung. Kein weiterer Anhaltspunkt.
Die Überprüfung der Chats. Zeitintensiv. Teenagerträume. Manches aufschlussreich. Milieustudie. Die geheime Gedankenwelt einer jungen Frau. Eines Mädchens mit Eigenschaften. Landjunkers Alptraum.

Strahlender Sonnenschein. Die Schatten schrumpfen in der Mittagshitze. Die Fußgängerzone der Stadt öffnet sich dem trägen Strom Kauflustiger. Schaufensterzeit. Brötchenzeit. Man erledigt die Dinge des Lebens im langsamen Schlendern.
Außerhalb die Parkhäuser mit ihren Betonschlünden. Banken. Versicherungen. Vereinzelt Wohnhäuser. Eine Polizeistation im Dornröschenschlaf.
Verkehrsadern schlängeln sich seitlich weg von den Innenstadtringen zu Naherholungsgebieten. Wälder, Teiche. Eine Kanustrecke.
Noch weiter außerhalb zusammengeballt die Industriegebiete. Zweckbauten. Würfel aus Stein, Stahl und Glas. Möbelhäuser, Gartencenter. Großgaragen. Eine Straße gesäumt von einer Unzahl Autocenter verschiedener Marken. Bunte Fahnen und Aufschriften werben um Aufmerksamkeit. Schrauben. Werkzeuge. Gabelstapler. Hochdruckwäschen für LKW. Dazwischen rissiger Asphalt, verlassen wirkende Gebäude, Container. Hallen ohne Kennzeichnung. Alles hinter Zäunen und Toren.
Der Abfall in den Containern. Gelbe, blaue, schwarze. Zumeist Schiebeverschlüsse.
Das ist sein Gebiet. Hierher zieht es ihn, wenn er seine Pappe zusammenfaltet und aufbricht.
Für Trippelschritte ein langer Weg. Es macht ihm nichts aus. Er hat Zeit.
Bei den Abfallcontainern beginnt seine Arbeit.
Styropor, Plastikverpackungen, Holz.
Er zerrt, stiert, begutachtet, brummt. Versunken in seine Welt. Essen interessiert ihn nicht. Er bekommt genug. Er braucht wenig.
Schätze. Sie halten ihn aufrecht. Schätze.
Jeden Tag neue Dinge. Dinge, die warmhalten. Dinge gegen den Regen. Dinge zum Bauen. Dinge zum Flicken. Seine Hände sind knotig und ungeschickt geworden. Mit den Sachen in seinem Wagen aber können sie etwas anfangen.
Jeden Tag neue Schätze. Er ist besessen davon.
Heute verfeinert er seine Suche. Er führt einen Stock mit sich, an dem Undefinierbares angebracht ist. Der Stock hat einen länglichen Knauf. Mit Draht ist am unteren Ende eine Metallscheibe angebracht. Der Deckel einer Dose. Leicht verbeult.
Er schwenkt die Konstruktion über den Boden. Schwingt. Stößt an. Schrappt über Steine. Blechernes Geräusch. Dazu macht er Töne. Hohe, schrille Töne. Er hat sich Ohrhörer in die Ohren gesteckt. Halb verborgen durch die Strickmütze. Er scheint die Hitze nicht zu spüren. Angestrengt lauscht er den Tönen.
Metall. Schätze. Schatztöne.
Er drängt sich durch einen Maschendrahtzaun. Ein weiteres verlassen wirkendes Gelände. Er schwenkt sein Gerät. Wankt vorwärts. Eine Frau führt einen Hund in gebührender Entfernung vorbei. Der Hund bellt die schrillen Töne an.
Ein Hallentor aus Riffelblechen brütet in der Hitze. Er schwenkt am Tor entlang. Das Pfeifen und Piepen wird stärker. Metall. So viel Metall. Ein Schatz für die Ewigkeit.
Er rüttelt an dem Verschluss. Schiebt, keucht, schlägt bollernd mit der Faust gegen das Blech. Hohler Donner. Er hört nicht auf. Stampft, schwankt. Flucht. Krähen fliegen auf. Ein Motor erstirbt. Stimmen.
‚Ich rufe die Polizei‘.
Eine Männerstimme, die nicht auf Kompromisse aus ist.
Das Tor öffnet sich einen Spalt breit.
Ein Baseballschläger stößt unsanft gegen die Schulter des Schatzsuchers.
Ich zähle bis drei‘, sagt eine unangenehme Stimme. ‚Dann bist Du weg oder Du wirst es bereuen‘.
‚Drei‘ erwidert der Obdachlose und wird von der Halle verschluckt.

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