Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 12

Der Auftrag ist heikel. Er kann sich kein richtiges Bild machen. Widersprüchliche Informationen.
Zunächst sieht alles nach Routine aus. Routine ist der Feind der Perfektion. Er zwingt sich zur Sorgfalt.
Er packt einen Rucksack und nimmt die Bahn. Nicht die Hauptstrecke, sondern Regionalbahnen. Mehrmals umsteigen. Mit dem Parka aus dem Outdoor Laden und dem Seesack über der Schulter taucht er in den Scharen von Soldaten auf Wochenendheimfahrt unter.

Den Rest der Strecke bewältigt er mit dem Bus. Inmitten von Feldern eine Bushaltestelle, die willkürlich ins Nirgendwo gepflanzt zu sein scheint. Auf dem lehmigen Feldweg daneben ein Auto. Mittelklasse. Silberfarben. Nicht mehr neu. Sein Wagen für die nächsten Tage. Wie ausgemacht.
Noch 4,7 km bis zum Treffpunkt. Eine vorwitzige Kirchturmspitze in der Ferne verrät ihm die Richtung. Er vertraut auf Umgebungskarten. Das Navigationssystem des Golfs könnte verräterisch sein. Es weiß zu viel, speichert zu viel, verrät zu viel. Den falschen Leuten. Man kann nie wissen.
Perfektion statt Routine. Er ist zufrieden.
Die Zufriedenheit hält nicht an, als er seinen Auftraggebern gegenübersitzt.
Ein Ehepaar. Distinguiert. Aufgeregt. Besorgt.
Großbauern. Waldbesitzer. Ein Wappen mit Rössern, Hellebarden und einem Reichsapfel. Grün und Gold die vorherrschenden Farben. Alter Landadel. Das Anwesen eine Mischung aus Landsitz, Stallungen und Schloss. Es dünstet Wohlstand aus.
Das Mauerwerk rote Klinker, die hohen Fenster weiß umrahmt. Ein Brunnen mitten auf die Pflasterung in den Vorhof gesetzt. Idylle.

Henri spiegelt die Bewegungen des Mannes, der ihm gegenübersitzt. Das schafft Vertrauen. Es geht um die Tochter. Sie ist verschwunden. Entführt. Es werden Forderungen gestellt.
Der Mann ist ein rotbackiger Landjunker. In Cord gekleidet. Einstecktuch. Eine hohe Stirn. Geheimratsecken. Trotz der Kühle im Zimmer schwitzt der Mann. Seine Augen stehen unangenehm nahe zusammen und verleihen seinem Gesicht einen verkniffenen Ausdruck. Seine gespielte Jovialität ist nur Tünche. Er ist mit Vorsicht zu genießen.
Henri beugt sich vor. Es ist Tee serviert worden. Earl Grey. Zitronenplätzchen dazu. Eine ältliche Hausdame hat das Tablett hereingerollt.
Die Frau des Landjunkers schlägt die Beine übereinander. Feines Schuhwerk. Konservativ. Ein Hosenanzug von Bogner. Platinblonde Haare, sorgfältig gewellt. Feingliedrig. Eine herbe Schönheit. Nervös. Sie fixiert ihre Knie mit ineinander verschränkten Händen. Sie verzieht den Mund, wenn ihr Mann spricht.
Henri spürt ihre Kälte.
Alle greifen nach den Teetassen. Führen sie zum Mund.
Man ist sich nur scheinbar einig. Das ist das Problem.
Die Tochter gerade volljährig. Ein Discoabend. Die Tochter kommt nicht zurück. Anrufe bei Polizei und Krankenhäusern. Die Tochter bleibt verschwunden.
Ein Tag später die Forderung. Eine Handynachricht ohne Absender. Das Lösegeld in Bitcoins. Ein Foto der Tochter, sitzend vor einem Bettlaken, eine Tageszeitung in der Hand. Das Mädchen starrt ausdruckslos. Das Foto überbelichtet. Die übliche Entführungsgeschichte. Keine Polizei. Zeitdruck. Die Drohung, das Mädchen zu ermorden.

Henri ist empfohlen worden. Mit den Eltern des Mädchens ist er vorab das Einmaleins der Entführungen durchgegangen.
Er kommt in dem Golf an. Man trifft sich vor dem Anwesen im Innenhof. Man begrüßt sich herzlich wie alte Freunde.
Es ist nicht auszuschließen, dass das Haus beobachtet wird.
Henri wirkt wie ein Freund in der Not, der der Familie beisteht.
Er hat ein digitales Aufnahmegerät auf den Tisch gelegt. Fragt. Nickt. Fragt wieder. Lässt die Informationen an sich vorbeirollen. Greift Bruchstücke auf und wiederholt. Bittet um Präzisierung. Besonnen.
Der Landjunker fragt ihn unverblümt nach Referenzen. Setzt an, wegen des Honorars zu feilschen.
Die Frau schaut zur Seite. Stumm. Angewidert. Fremdschämzeit.
Henri bleibt geduldig. Lässt sich das Zimmer des Mädchens zeigen.
Kleidung, Laptop. Schulhefte, Soziale Netzwerke. Krankheiten. Freundeskreis. Alles. Einfach alles. Und alles kann wichtig sein.
Henri hat gelernt, Worten hinterherzuspüren.

Der Landjunker fühlt sich durch die Entführung gestört. Seine Tochter eine Enttäuschung. Verwöhnt. Aufsässig. Flausen im Kopf. Ein Mini Cooper zu ihrem 18. Geburtstag. Racing Green. 32.000 €.
Falsche Freunde. Keine Ambitionen. Kein Einsatz. Abitur Fehlanzeige. Drogen. Wer weiß?
Anklagend aufgerissene Augen des Vaters. Schmerzlich verzogen das Gesicht der Mutter.
Sie beschreibt die Tochter als sensibles Einzelkind. In der Jugend oft kränklich. Zurückgezogen. Mit ihren schwachen Mitteln rebellierend gegen einen diktatorischen Vater. Beide Frauen sein Besitz.
Die Mutter spricht leise und hastig, als seien ihr die Silben durch Zufall entkommen.
Das Kind noch in der Entwicklung. Gutherzig. Naiv.
Der Vater schnaubt verächtlich.
Bargeld ist verschwunden. Schmuck und Goldmünzen. Vereinzelt. In unregelmäßigen Abständen. Er verdächtigt die Tochter.
Die Mutter wehrt ab. Stürzt hinaus.
Henri bleibt unbeteiligt. Erklärt die nächsten Schritte Der Landjunker nickt widerstrebend. Man reicht sich die Hände. Man hat einen Deal.

Henri verlässt das Anwesen. Ein enger Freund verabschiedet sich. Er wird nicht zurückkehren, bis der Auftrag erledigt ist.
Später sitzt er in der angemieteten Wohnung. Er hat ausgepackt, sortiert und macht sich an die Auswertung der Informationen. Widersprüchliche Schilderungen. Widersprüchliche Informationen. Widersprüchliche Reaktionen.
Verlangt wird die Quadratur des Kreises. Sein Spezialgebiet.
Sein Handy zeigt das Video eines Hamsterkäfigs auf einer Fensterbank. Eine Gardine mit Blümchenmuster kokettiert mit den Gitterstäben. Henri ist bei einer Pflegestelle untergekommen. Ungerührt läuft das putzige Tier im Rad. Sein Besitzer schaut eine Weile zu. Dann schaltet er den Videostream aus und macht sich an die Arbeit.

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