Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 11

Er ist erschöpft.
Rings um ihn eine Stadt mit einem Geflecht aus anonymen Betonleibern. Er versteckt sich nicht. Er hat keinen Grund dazu. Auf dem Teppichboden hat er einen Parcours aus Holzklötzchen aufgebaut. Wunderliche Türme, verbunden durch kleine Leitern, ein Tunnel aus buntem Stoff, Heuballen, Wippen. Henri, der Hamster ist in dem rosafarbenen Tunnel verschwunden. Dort wartet ein Hirsekolben auf ihn.
Er verharrt geduldig, während sich Henri die Backen vollstopft. Später wird das Tier noch eine Weile auf der Schulter des Mannes sitzen wie ein Wächter mit blitzblanken Augen.
Die Karte hat ihn erreicht wie alle Nachrichten zuvor. Vierzehn an der Zahl. Er hat sie aufbewahrt. Zettel, Ansichtskarten, aufgeklebte Ausschnitte aus Magazinen, zwei Bleistiftzeichnungen.
‚Du brauchst eine Auszeit‘, sagt die letzte Nachricht. Handgeschrieben mit einem Füller. Dieses Mal in violett auf die Rückseite einer sanften Landschaft mit Olivenhainen und einem rostroten Haus auf einem Hügel. Toskana. Die Schrift ist leicht nach rechts geneigt. Die Bauchstaben galoppieren in Formation hintereinander her wie junge Füllen. Kleine Schleifen. Gut leserlich.
Er ist kein Graphologe.
Sein Herz ist aus dem Takt geraten. Er glaubt den Urheber der Nachrichten zu kennen. Die ganze unglückselige Geschichte.

Düzen.
Es ist eine Ewigkeit her. Er massiert die Stelle zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger der linken Hand. Die Stelle mit der Tätowierung.
Eifrige Trippelschritte neben ihm. Ockerfarbenes und dunkelbraunes atmendes Fell. Henri, der Hamster schaut ihn an. Sein Käfig wartet auf ihn. Sein Rad.
Drei Buchstaben, winzig und fast verblasst auf der Haut zwischen den Fingern. L P N – Legio Patria Nostra. Der Wahlspruch der Fremdenlegion. Eine siebenflammige Granate ist auf sein rechtes Schulterblatt tätowiert. Fast alle Kameraden sind der Versuchung erlegen, sich durch Tätowierungen zu bekennen. Manche haben es bereut, manche nicht. Es ist unterschiedlich.
Er ist als ‚Commandant‘ ausgeschieden. Hat mühsam in den zivilen Alltag zurückgefunden. Hat sein Erspartes gut angelegt. Hat sich fit gehalten.
Geblieben ist ihm ein Schuhkarton mit Auszeichnungen und Papieren. Erinnerungskram. Alles andere ist gespeichert in seinem Kopf. Aus einem Bruchstück hat er sein Markenzeichen gemacht. Aus seinem Legionärsnamen ‚Henri‘ ist ‚Henri, der Kümmerer‘ geworden. Ein Pseudonym. Wahrhaftiger als alles andere an ihm.
Er bereut nichts.
Sanft nimmt er den Hamster von seiner Schulter und setzt ihn zurück in den Käfig. Der Kleine hat gute Beute gemacht. Hirse.
Er darf sich nicht selbst betrügen. Er setzt sich. Vergräbt das Gesicht in den Händen. Er bereut doch etwas. Bereut es bitter. Seine Hilflosigkeit schnürt ihm die Kehle zu. Ihm ist nach Weinen zumute. Oder nach Alkohol. Er entscheidet sich für die Tränen.

Er bereut die Sache mit Düzen. Bereut, wie er die Situation gehandhabt hat.
Die Zeit von vor fast 20 Jahren hat sich in sein Gedächtnis gebrannt. Andere Dinge sind wichtig geworden. Schicht um Schicht. Geblieben sind die Erinnerungen immer. Eingebrannt. Unauslöschlich. Unauslöschlich wie Düzen.
Ein karstiger Höhenzug im Irak. Der Geruch von Vertreibung und Verfolgung in der Luft. Kalkgestein hoch aufgetürmt. Krüppelkiefern. Buschwerk. Verzweigte Höhlen und Wasserstellen tief in den Eingeweiden des Berges. Trockenbauterrassen in den Höhenlagen. Bewässertes Land in den senkrecht eingeschnittenen Tälern. Über allem die lodernde Sonne.
Rot weiße Fahnen mit eben dieser Sonne als strahlendem Symbol in der Mitte. Ziegenherden. Wilder Honig, der nach Thymian schmeckt. Das Summen der Insekten. Geduckte Steinbauten und auf Anhöhen seltsame Bauten. Rund mit spitz herauswachsenden Türmen. Geriffelten Türmen. Anbetungsstätten.
Lagerfeuer aus dornigem Buschwerk und Dung. Bärtige Männer, eingehüllt in Umhänge. Ein Saiteninstrument mit schlankem Hals gibt den schnellen, herausfordernden Ton an. Eine Saz. Die eindringliche Stimme des Sängers. Er singt mit lang gezogenen Vokalen. Er singt die alte Geschichte. Die Geschichte von Liebe und Vergänglichkeit, von Krieg und Gottes Segen.
Das Lied spannt sich über das Dorf. Die Kinder unterbrechen ihr Spiel. Die Frauen schichten Fladenbrote auf. Sehnsucht und Wehmut.
Sterne ziehen auf. Ferne Diamanten auf dem Samtkissen der Nacht. Kälte kündigt sich an. Rauch kräuselt sich aus den Hütten. Erzählzeit. Schlafenszeit. Alles ist wie immer.

Henri ist Militärberater auf dem Dschabal Sindschar, dem Schicksalsberg der Jesiden seit Jahrhunderten. Henri ist Experte für taktische Schulungen. Es ist ein Auftrag wie viele zuvor. Er hat Karten. Topografische Aufnahmen. Kennt einige Eckdaten. Jesiden, Araber, Türken, Kurden. Für ihn macht es keinen Unterschied. Die Araber nennen die Jesiden ‚Teufelsanbeter‘.
Die Menschen sind gastfreundlich aber wortkarg. Distanziert. Die Fremden und die Dörfler sind wie Öl und Wasser. Sie vermischen sich nicht. Nur die Kinder machen eine Ausnahme. Sie mustern ihn neugierig. Necken ihn. Er verteilt Kaugummi und Kugelschreiber. Sobald er auftaucht rufen sie nach ihm. Die Erwachsenen lassen es geschehen.
Henri hält sich bei den Männern auf. Die Frauen sind in traditionelle Gewänder gekleidet. Ketten mit Münzen um Hüften und Stirn geschlungen. Sie schlagen die Augen nieder, wenn sein Blick auf sie fällt.

Als Düzen in sein Leben tritt, verändert sich die Welt. Eine schlanke Kriegerin. Das Haar aus schwarzen, eingeölten Flechten kunstvoll mit einem Tuch verwunden. Forschende, dunkle Augen und ein voller Mund, spöttisch aufgeworfen. Sie hält seinem Blick stand. Dreht sich langsam weg. Ruft nach ihrem kleinen Bruder. Die Stimme ein herrlicher Alt.
Henri ist verzaubert. Auf der Stelle. Atemlos. Verloren.
Sie begegnen sich beim Wasserholen. Beim Sammeln von Feuerholz. Beim Füttern der Tiere. Frauenarbeit. Henri immer in der Nähe.
Wenn sie es bemerkt, zeigt sie es nicht. Sie ist stolz. Sie ist schön. Sie ist Jesidin. Sie wird innerhalb der Gemeinschaft heiraten. Henri weiß das. Er brennt.
Nachts begibt er sich außerhalb des Lagers an einen Ort, von dem aus die Flanken des Berges steil abfallen. Nach zwei Wochen gesellt sich Düzen das erste Mal zu ihm. Sie berühren sich nicht. Sie schauen sich nicht an. Silbriges Mondlicht übergießt sie. Eine Göttin. Er wagt kaum zu atmen.
Sie redet. Eine melodiöse Sprache, die er nicht versteht. Ihre Stimme pure Magie.
Später, viel später wagen sich ihre Finger zueinander. Die Hände. Die Lippen. Sie ziehen sich zurück. Nur der Mond ist Zeuge. Er ist verschwiegen.
Sie hat ihn um seinen Notizblock gebeten.
Sie schreibt Zettel. Kleine Schätze, die er nicht lesen kann. Zeichnungen darüber. Er hat sie später übersetzen lassen. Knappe Nachrichten. Kleinode. Für ihn. Nur für ihn.

Als seine Zeit um ist, lässt er sie zurück.
Er wird sie holen kommen. Ganz sicher.
Nach einem Jahr kehrt er zurück. Düzen ist verschwunden. Harte Gesichter um ihn herum. Verschlossen. Sie sagen, dass sie tot ist. Sie sagen, dass er gehen soll.
Er geht schließlich. Sein Herz hört auf zu schlagen. Er wird zur Marionette. Ohne Sinn. Ohne Gefühl.
Es ist eine lange Zeit vergangen. Vor Monaten hat es angefangen, dass die Nachrichten bei ihm eintreffen. Zettel. Karten. Wie damals. Anders aber ähnlich.
Sein Herz hat wieder angefangen zu schlagen. Eine Flut von Empfindungen. Überschwemmt. Überwältigt. Er ist sich sicher. Er ist sich unsicher. Er schwankt. Er bangt.
Düzen.

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