Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 20)

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Teil 10

Ein lautes, hallendes Geräusch.
Metall auf Metall. Scharfkantig, schabend, knallend. Es misshandelt das Gehör.
Anfangs baut es die Frau in ihren Traum ein. Verwirrend der Traum.
Sie geht schwankend eine Straße entlang. Die Straße ist endlos und verwindet sich. Mit ihr verwinden sich die Bäume wie eine Schlange aus Asphalt und blassem Grün. Das Gehen verursacht Übelkeit.

Szenenwechsel.
Es ist kein Gehen, es ist ein Schweben. Der Himmel steht Kopf und knallt gegen die unsichtbare Wand, die seitlich an den Bäumen emporwächst. Eine unsichtbare Wand. Es knallt und schabt. Sie schwebt und möchte sich die Ohren zuhalten. Eine Hand gehorcht, die andere nicht. Es knallt.
Szenenwechsel.
Die Straße hebt und senkt sich. Dieses Mal rollend. Auf und ab. Jedes Mal kann sie über das Wellental des Asphalts eine Toilette sehen. Eine riesige, weiße emaillierte Toilette mit geöffneter Klappe. Das weiß geäderte Band des Mittelstrichs der Straße ringelt sich bis zum Toilettenhorizont, kriecht an den porzellanweißen Flanken empor und entlädt sich gurgelnd in das Innere. Ja, wirklich: gurgelnd. Ein altmodischerer Kettenzug hängt neben der Toilette in der Luft. Kein Toilettenpapier. Die Träumende macht sich eine mentale Notiz: Toilettenpapier kaufen.
Szenenwechsel.
Harndrang, Knall. Harndrang. Knall. Harndrang. Knall.
Szenenwechsel.
Wach.
Unerträgliche Kopfschmerzen. Sie bäumt sich auf. Irgendetwas zerrt sie zurück. Halb über einen Abgrund gelehnt übergibt sie sich. Saurer Gestank und Dunkelheit. Sie spuckt aus. Der üble Geschmack in ihrem Mund bleibt. Schwindel.
Ihre Behausung bebt und stampft. Es dröhnt. Die Dunkelheit um sie herum scheint zu vibrieren.
Knall.
Ohrenbetäubend. Viel lauter als im Traum.
Die Toilette ist verschwunden. Ebenso der Harndrang. Erste vorsichtige Bewegungen. Ein rutschiger Untergrund. Eben. Glatt. Eine Art Tisch.
Fremde Kleidung an den Beinen. Dicker Stoff. Das Gesäß in einem Bündel eingeschnürt. Gepolstert. Ungewohnt. Nicht angenehm. Leichtes Spreizen der Beine. Keine gewöhnliche Unterwäsche.
Windel. Eine Windel.
Harndrang. Kein Harndrang. Windel.
Die Frau schreit. Will eine Hand vor den Mund schlagen. Mit rechts gelingt es. Die linke Hand ist gefesselt. Ledermanschette.
Die Frau reißt daran und schreit. Der Hall wird mehrfach zurückgeworfen. Leerer Raum. Stickig.
Knall.
Sie nimmt die andere Hand zu Hilfe. Vorhängeschlösser um den Verschluss der Manschette. Zwecklos.

Sie wälzt sich von dem Tisch. Kann kaum stehen. Kein Bewegungsspielraum. Das Behältnis um sie metallisch. Metallisch wie der Knall. Es stampft und rollt. Im Untergrund ein Mahlen und Stampfen. Das Gefühl von Bewegung.
Der Tisch ebenfalls aus Metall. Festgenietet. Metallwelten. Dunkelwelten.
Die Füße in einer Art Pantoffel. Der Untergrund geriffeltes Metall. Durst. Wahnsinniger Durst. Sie tastet herum.
Irgendwo eine Lichtschliere. Durchgängig von unten nach oben. Nach hoch oben. Ein Tor vielleicht. Dahinter Freiheit. Dahinter die Hölle?
Schrei. Knall. Erschütterung.
Sie stolpert über etwas. Tastet.
Ein Behälter. Zwei Behälter. Halterungen aus Metall. Am Boden verankert. Zwei Schläuche. Lange Schläuche. Saugrohre.
Halb kniend. Schnuppernd. Scheinbar Wasser. Hastig führt sie den Schlauch zum Mund. Saugt gierig. Wasser. Köstlich. Ein Behälter Wasser. Sie verschluckt sich. Hustet.
Knall.
Der zweite Schlauch transportiert einen zähen süßen Brei. Vanille mit Kokos. Astronautennahrung. Sie saugt. Kaut. Schließt die Augen.
Neben den Behältern noch etwas. Ein knisterndes Paket. Knautschbar. Weich.
Windeln.

Ein anderer Tag. Ein anderer Ort.
Der Reichsinnenminister sieht verändert aus. Der Scheitel, die mittellangen Haare und die Brille sind verschwunden. Das Gesicht glattrasiert. Die Haltung militärisch. Er ist auch kein Reichsinnenminister mehr.
Gerade hat er eine verschlüsselte Mail an seine Auftraggeber abgesetzt. Eine ansehnliche Gruppe Menschen hat ihn beauftragt. Über Umwege hat man sie an ihn verwiesen. Das gemeinsame Problem: Geschäft mit der Reichsverweserin. Geschäfte mit wertlosen Pässen und Führerscheinen zu horrenden Geldsummen.
Sein Part: Infiltration. Seine Waffen: Erfahrung und Talent. Der Rest: Routine, Betäubungsmittel in Beerenwein und eine gute Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden. Anonym und wirkungsvoll. Ein Kümmerer.
Zurück und weiter. Viel weiter.

Sie weiß, dass sie auf einem Schiff ist. Sie kann die Kolben der Maschinen unterscheiden. Kann schwach die Umrisse des 40 Fuß Containers erkennen. Ihre Perlenkette ist noch da. Sie stinkt gotterbärmlich. Mehr weiß sie nicht.
Anfangs hat sie noch geschrien und dann aufgegeben.
An das Reich hat sie lange nicht gedacht. Es ist kein rechter Trost.
Knall.
Tag und Nacht verschwimmen mit Tagen und Wochen zu einer sumpfigen Masse.
Nach Ewigkeiten ein Gerumpel. Sie wir zur Seite geschleudert. Renkt sich fast den Arm aus. Der Container scheint zu fliegen. Setzt hart auf. Scheppernd. Hitze. Dröhnen. Endlos. Sie kann nicht mehr. Dunkel.
Dunkel sind auch die Gesichter, die sich über sie beugen. Frische Luft. Eine Brise. Fremdes Land. Sie ist zu abgestumpft, um zu erschrecken. Sie murmelt etwas Unverständliches. Die Reichsverweserin sieht man ihr nicht an.
Wasser. Frisches Wasser aus einer Kalebasse.
Sie liegt auf der Pritsche eines Kastenwagens. Wüstenlandschaft um sie herum. Es ist Nacht. Sie friert unter einem Sternenmeer.
Verwegene Gestalten. Migranten, denkt sie. Sie wird das nicht dulden. Wird sie des Landes verweisen.
Einer von ihnen baut sich vor ihr auf. Schwarz. Weiße Zähne wie aufgefädelte Perlen. Er spricht Englisch mit darunter gemischten Klicklauten.
‚Willkommen bei den Khoikhoi‘, sagt er. ‚Willkommen in der Wüste Namib‘. Er streckt den Arm aus. ‚Ab hier laufen wir‘, fährt er fort. ‚Du gehörst jetzt mir. Ein Geschäft. Gewöhne Dich daran‘. Er nimmt einen Hirtenstab zur Hand und schreitet voraus. Sie ist mit einem Riemen an seine Taille gefesselt. Sie stolpert und fällt.
‚Du musst besser werden. Wir haben einen langen Weg vor uns‘ sagt er und dreht sich um. ‚Willkommen bei den Hottentotten‘. Er grinst. Er hat den Begriff von seinem Geschäftspartner.
Es dauert, bis seine Worte einsinken. Sie schreit.
KNALL.

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