Der Kümmerer: Ein Fortsetzungsroman von Achim Albrecht (Teil 1 – 18)

0
136
Achim Albrecht (Archivfoto: IN-StadtMagazine)

Der Dortmunder Autor Achim Albrecht, der für den OCM-Verlag in Sölde schreibt, hat dem Verlag einen Roman angeboten, der, wie früher in Zeitungen üblich, als regelmäßige Fortsetzung erscheinen soll.

Die IN-Stadtmagazine werden diesen Roman exklusiv jeden Dienstag und Donnerstag online veröffentlichen.

Vom Autor geplant sind 20 Kapitel oder mehr. „Ich schreibe, so lange die Corona Krise anhält. Der Roman ist völlig ungeplant und ich weiß nicht, wohin mich das führt. Ich bin selbst sehr gespannt, denn es ist eine völlig neue Stilrichtung für mich“, so der Autor im Telefoninterview mit den IN-StadtMagazinen.

Achim Albrecht, Professor für „Internationales Wirtschaftsrecht“ schreibt jedes Jahr ein Buch, und wer seine Bücher kennt, der weiß, dass alle das gewisse „Etwas“ haben – schräg, mit viel schwarzem Humor und sehr wortgewandt.

Der Kümmerer:

Teil 1
Scheinwerfer schneiden die Nacht in Streifen. Ein kalter Wind weht kleine Grüppchen Fußgänger auf einen unförmigen Quader zu, dessen Eingang grell erleuchtet ist. Ein gefräßiger kleiner Eingang für ein monströses Gebilde. Die Stadt pulsiert im Hintergrund. Sie blinkt ihren üblichen Rhythmus. Niemand dreht sich nach ihr um. Die jungen Menschen sind gekommen, um ihr zu entfliehen. Sie ballen sich kurz vor dem gefräßigen Eingang, fädeln sich auf und verschwinden hinter dem Vorhang aus Licht und hämmernden Beats.
Weit draußen auf abgewetztem Asphalt ersterben die Motoren und spucken neue Menschentrauben aus. Die Männer mit ihren Dreitagebärten und dem gegelten Haar ähneln sich. Tattoos kriechen aus Kaschmirpullovern, darüber wattierte Jacken gegen den Frost. Die Frauen stöckeln in einem Hauch aus Nichts. Sie haben gelernt, ihre Ware anzubieten. So geht das Spiel. High Heels, Push Up BHs, maskenhaftes Make Up und Glitzerfetzen. Die Frauen frieren nicht. Frieren ist uncool. Vor dem gesichtslosen Bunker eine Absperrkordel. Daneben zwei dreieckige Kanten Menschenfleisch mit ausdruckslosen Gesichtern. Ab und zu einige Worte, ein Winken, ein rasch ersterbender Scherz und mädchenhaftes Kichern. Die herantröpfelnden Besucher kommen zu einem Halt. Routiniert sortieren die Hände der Türsteher die Besucher: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Ihr Urteil erregt Unmut. Kurzes Gedränge, ab und an ein Fluch, aber die Autorität der Türsteher ist überwältigend. Ihr Urteil unabänderlich. Aufbegehren zwecklos.
Die Warteschlange füllt sich. Langsam geht es vorwärts. Jede Zurückweisung eine Blamage. Eilig suchen die Zurückgewiesenen das Dunkel, verstecken sich darin. Sie werden es wieder versuchen. Die Diskothek ist die Angesagteste der Stadt.

Ein Paradiesvogel mit schrillem Käppi drängt sich seitlich durch die Menge. Er geht wie einer, der weiß, was er tut. Er nickt den Türstehern zu. Man kann sehen, dass er zu alt ist für den Club. Zu alt und zu unerwünscht. Sein zerfurchtes Gesicht ist roh und herausfordernd. Der Mund ein zusammengepresster Strich. Um ihn herum entsteht Unruhe. Gemurmel wird zu einem Murren. Einer der Türsteher greift nach einem Walkie-Talkie.
Es riecht nach Ärger. Der Paradiesvogel federt durch die Wartenden. Die meisten schauen in eine andere Richtung. Der Ankömmling rempelt sich durch eine Gruppe aus zwei Männern und zwei Frauen am Rand der Schlange. Eines der Mädchen schreit auf. Ihre Handtasche liegt am Boden. Ihr Mund eine rot geschminkte Anklage. Sie reibt sich hilflos die Schulter und unterdrückt einen Klagelaut.
Der Paradiesvogel bleibt stehen, dreht sich ruckartig um. Sein Gesicht liegt im Schatten. Er streckt das Kinn vor. Er fixiert die Gruppe, wippt in den Knien.
Einer der Männer hebt die Handtasche auf und klopft sie unbeholfen ab. ‚Wir wollen keinen Ärger‘, sagt er und hebt beschwichtigend die Hände.
‚Fass mich nicht an‘, zischt der Paradiesvogel. Ein heftiger Stoß lässt den anderen taumeln. Es bildet sich ein Kreis. Männergesichter ziehen ihre Frauen hinter sich. Die Türsteher beobachten die Szene. Für sie Routine. Routine außerhalb des Clubs. Neutrales Gelände. Ihre Hände dirigieren die Neuankömmlinge weiter nach rechts an dem Kreis vorbei. Der Einlass geht weiter.
Im Kreis belauern sich die Männer. Geduckt. Adrenalin steuert ihre Impulse.

Der Mann aus der Gruppe ist ein Milchgesicht. Der andere scheint sich seiner sicher zu sein. Er vollführt die erste Finte. Das Mädchen mit der Handtasche schlägt die Hände vor den Mund. Sie sieht aus wie ein hilfloses goldfarbenes Bonbon.
Das Milchgesicht pariert.
‚Ich mach dich fertig‘, presst der Paradiesvogel zwischen den Zähnen hervor. Das Milchgesicht mustert ihn wortlos. Seine Mimik verrät Nervosität. Jemand wettet hastig auf den Angreifer. Eine andere Stimme hält die Wette. Niemand will, dass es aufhört. Es hat sie gepackt. Es ist gut so. Fight Club.
Dann geht es überraschend schnell. Das Milchgesicht wehrt eine Serie von Schlägen ab.
Keuchen.
Der Kreis der Voyeure gerät in Bewegung. Anfeuerungsrufe.
Das Milchgesicht setzt einen Hebelwurf an, stürzt sich auf den Angreifer und landet Treffer mit den Fäusten.
Aufbäumen. Ein Schrei. Der Paradiesvogel hat genug.
Das Milchgesicht steht schwer atmend auf, tritt zurück. Sein Mädchen himmelt ihn an. Sie hakt sich ein, wischt sein Gesicht mit einer besitzergreifenden Geste ab, redet wie ein Wasserfall.
Schulterklopfende Männer. Anerkennende Worte. Milchgesicht hat es ihm gezeigt. Die Umstehenden machen respektvoll Platz. Der Türsteher spricht leise in das Walkie-Talkie. Es wird keine Polizei benötigt. Ein kurzes, heftiges Handgemenge. Nichts weiter. Der Paradiesvogel hat sich davongemacht. Einige Blicke hatten ihn verfolgt. Ein Geschlagener. Keiner der Blicke zeigte Interesse an ihm. Einige Handys hatten Aufnahmen gemacht. Die Bilder zeigten geknäuelte Gliedmaßen. Futter für Blogs vielleicht. Vergessensware.

Später auf dem Parkplatz. Ein unauffälliger grauer Saab älteren Baujahres. Der Paradiesvogel hat sich verwandelt. Er trägt schwarz. Hat seine Verkleidung abgelegt. Seine Haltung, sein Gesicht, sein Habitus sind die eines anderen Menschen.
Ein Fingerknöchel klopft an die Scheibe des Wagens. Einer der Türsteher beugt sich zum Fenster hinunter. Er lächelt.
‚Gut gemacht‘, sagt er. ‚Ein voller Erfolg‘.
Er reicht ein Kuvert herein. Der Mann nimmt es entgegen. Er lächelt ebenfalls, während er die Geldscheine zählt.
‚Stimmt‘, erwidert er mit überraschend sanfter Stimme. Die Blicke der Männer kreuzen sich. Der Saab gleitet aus der Parklücke und fährt der Stadt entgegen.

Unten geht es mit den nächsten Teilen weiter…

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
500