„Den Namen trage ich mein ganzes Leben“

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Die Hombrucher Sonnenstrahlen e. V. spendeten an die Waldtrauergruppe von QuerWaldEin e. V.: Silvya Ixkes-Henkemeier (l.) und Christiane Lusebrink-Dickewied (r.) von den Hombrucher Sonnenstrahlen e. V. bei der Spendenübergabe an Marion Metzger (Mitte) von QuerWaldEin e. V. (Fotos: IN-StadtMagazine)

Wie begegnet man einem Kind, das einen geliebten Menschen verloren hat? Vor dieser Frage stand Silvya Ixkes-Henkemeier vor etlichen Jahren, als ihr Vater starb und ihr Sohn nun ohne Großvater dastand.

Unterstützt durch seine Erzieher*innen half sie ihrem Kind mit themenbezogenen Bilderbüchern durch die schwere Zeit. Hätte es zu diesem Zeitpunkt das waldpädagogische Angebot zur Trauerbewältigung „Blaumeisen und Turmfalken“ von QuerWaldEin bereits gegeben, sie hätte ihren Sohn sofort dort angemeldet. Nun unterstützt ihr Verein „Hombrucher Sonnenstrahlen“ das Projekt mit 650 Euro.

„Dem Kind Raum geben“
Ixkes-Henkemeiers erster Impuls nach dem Tod ihres Vaters war, den Satz zu sagen, der vielleicht als erster in den Sinn kommt: „Der Opa sitzt auf einer Wolke und guckt, was du tust.“ Davon jedoch rieten ihr die Erzieher*innen dringend ab. Einigen Kindern nämlich mache dieses Beobachtet-Werden Angst, sodass sie in ihrer Entwicklung gehemmt würden.

Marion Metzger, die seit dem Herbst die „Blaumeisen und Turmfalken“ anbietet, sieht das ähnlich. Anstatt einen Ort vorzugeben, ist es für sie „in Ordnung, dass das Kind selber rausfindet“, wo der verstorbene Mensch mit seinem Tod hingegangen ist. „Es ist schön, dass man dem Kind Raum geben kann“, findet sie. Diesen Raum schafft sie mit ihren Kolleginnen vor allem über „Redeanlässe“ im Wald. So erzählte eine der Naturpädagoginnen den Kindern von ihrer verstorbenen Tante. In der Erinnerung an sie zünde sie gern eine Kerze an. Auf diese Weise schlug sie den Kindern vor, ebenfalls eine Schwimmkerze über den Bach zu schicken. „Das war dann eigentlich ganz natürlich, darüber zu reden“, über den Tod des Elternteils.

Wenn Vater oder Mutter stirbt
Denn tatsächlich haben alle vier Teilnehmenden der ersten Gruppe Vater oder Mutter verloren. Doch QuerWaldEin setzt mit der Trauerarbeit an, wenn der „Schock“ bereits ein bis zwei Jahre in der Vergangenheit liegt, so Metzger. Für die Kinder stelle es ein „Aha-Erlebnis“ dar, zu erkennen, dass sie nicht allein sind, dass sie sehen können: „Dir ist das auch passiert.“ Dabei war sie fast ein bisschen überrascht, dass die Kinder den großen Altersunterschied untereinander nicht als Hemmnis wahrzunehmen schienen. Vielmehr scheint sich eher ein geschwisterliches Verhältnis zwischen dem ältesten Kind, das zehn Jahre alt ist, und dem jüngsten mit fünf Jahren zu entwickeln.

„Trauern über das Spielen“
Das Kindliche jedoch ist ihnen gemein und „Kinder trauern auch über das Spielen“, wie Metzger erzählt. Aus eigener Erfahrung bestätigt Ixkes-Henkemeier diese Beobachtung. „Er hat alles über Lego oder Playmobil nachgebaut“, berichtet sie aus dem Kinderzimmer ihres Sohnes nach dem Tod des Großvaters. Von sich aus suchen Kinder ihren Weg, mit ihrer Trauer umzugehen. Aus diesem Grund gestalten Metzger und ihre Kolleginnen die nachmittäglich Zeit mit den Kindern im Wald bewusst sehr frei. „Wo zieht es sie hin, was möchten sie?“, ist die Frage, von der der Ablauf dieser beiden Stunden abhängt.

So kann auf das Anzünden einer Kerze durchaus eine Runde „Schweinchen in der Mitte“ folgen. Anschließend wiederum legen vielleicht alle ihren Namen aus Materialien, die sie im Wald finden. Denn das bietet einen erneuten „Redeanlass“. „Wer hat mir diesen Namen gegeben?“, ist hier die zentrale Frage. Auf diese Weise wird eine Verbindung deutlich, die immer da sein wird: „Den Namen trage ich mein ganzes Leben.“ Da Metzger eine Ausbildung in Naturverbundener Ritualarbeit absolviert hat, gehen ihr die Ideen nicht aus. Trotzdem stehen die spontanen Wünsche der Kinder für sie im Vordergrund.

Perspektiven
Gleichzeitig behält QuerWaldEin auch die Eltern im Blick, die die Kinder zum Schultenhof begleiten, wo der Nachmittag für sie beginnt. Perspektivisch – das heißt, wenn die Pandemie-Lage es zulässt – möchte der Verein auch den hinterbliebenden Elternteil an die Hand nehmen. Hier ist zum Beispiel geplant, eine Beratung zu organisieren, die im Café des Schultenhofes zur Verfügung steht.

Die Beratungsstellen und die Sozialen Dienste sind es auch, die Metzger in der nächsten Zeit auf das Projekt aufmerksam machen möchte. Eine Familie meldete sich bereits auf Empfehlung einer Kinderpsychologin. Finanzielle Sorgen möchte QuerWaldEin als Träger der freien Jugendhilfe möglichst vermeiden: Die „Blaumeisen und Turmfalken“ – ob es bei dem Namen bleibt, ist noch offen – sollen ein Angebot sein, dass vom Budget der Eltern unabhängig ist. Auf Spenden ist der Verein daher angewiesen, denn die Naturpädagogik ist für die Mitarbeitenden ihr Hauptberuf. Auch um die Gruppe im Jahr 2021 durchgehend 14-tägig anbieten zu können, sind weitere Spenden für das Projekt unverzichtbar.

Weitere Informationen über die Gruppe gibt es hier.
Spenden sind entweder direkt an den Verein (Kontakt über info@querwaldein-dortmund.de) oder über das für die Waldtrauergruppe eingerichtete Spendenportal von betterplace möglich:

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